Reaktion

»Ich werde auf dem rechten Auge nie mehr sehen können«

Angeklagt in dem Prozess waren zwei minderjährige Brüder. Foto: picture alliance/dpa

Im September 2021 wurde ein jüdischer Mann, der sich in der Hamburger Innenstadt gegen Antisemitismus und für den Staat Israel stark machte, brutal zusammengeschlagen. Das Amtsgericht Hamburg hat nun zwei minderjährige Brüder für schuldig erklärt.

Einer der beiden Täter, ein 17-Jähriger, wurde wegen schwerer Körperverletzung und Beleidigung zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und vier Monaten auf Bewährung verurteilt. Sein 15-jähriger Bruder wurde wegen Beleidigung schuldig gesprochen. Beide haben syrische Wurzeln.

Rückblick Der 61-jährige, wir nennen ihn Herr M. (sein richtiger Name ist der Redaktion bekannt), berichtete heute in einem Gespräch mit dieser Zeitung, wie er jenen Tag erlebte. Er und die anderen Teilnehmer der Mahnwache standen vor dem Elektrogeschäft Saturn in der Hamburger Mönckebergstraße.

Sie zeigten sich mit Israelflaggen und beantworteten die neugierigen Fragen einiger Passanten. Dann, so Herr M., näherten sich zwei Jugendliche, von denen sie mit »Ihr Hurensöhne«, »Scheiß Juden«, »Free Palästina« und »Scheiß Israel« beschimpft wurden.

»Ich werde auf dem rechten Auge nie mehr sehen können.«

Was das soll, habe Herr M. gefragt, woraufhin der Ältere aggressiv reagierte und den 61-Jährigen brutal zusammenschlug, mit schweren Folgen: »Ich werde auf dem rechten Auge nie mehr sehen können, weil der Sehnerv durch den Schlag stark beschädigt wurde. Da lässt sich operativ nichts mehr machen«, erklärt Herr M., der berichtet, dass die Täter ihn sogar noch filmten, als er am Boden lag.

Zudem habe er durch den Schlag eine vergrößerte Pupille. Sie sei nun in einer Art Schockstarre und könne sich nicht mehr zusammenziehen. Konkret bedeutet das: Er muss eine Augenklappe tragen, weil es zu schmerzhaft sei, wenn Licht in sein Auge fällt. Auf dem kaputten Auge sehe er nur noch hell und dunkel, sonst nichts mehr.

Im Hinblick auf diese irreversiblen Schäden empfindet Herr M. die nun erklärten Urteile für unverhältnismäßig, insbesondere die Tatsache, dass die Täter auf Bewährung verurteilt wurden. Dennoch betont er: »Nach der deutschen Rechtsprechung sind die beiden Urteile das Beste, was man erwarten konnte.«

Entsprechend äußerte sich der Hamburger Antisemitismusbeauftrage Stefan Hensel: »Es ist wegweisend und sendet eine klare Botschaft an alle Antisemiten, die glauben, dass ihr Handeln ohne Konsequenzen bleiben könnte.«

Einbeziehung Dennoch kritisiert er, dass er als Beobachter nicht am Verfahren teilnehmen durfte, nachdem ihn das Opfer darum bat. »Das Jugendstrafrecht ist sehr restriktiv, wenn es darum geht, dass andere als Beobachter bei Prozessen zugelassen werden.« Für die Zukunft wünsche er sich, eine stärkere, strukturelle Einbindung von Antisemitismusbeauftragten.

Ähnlich äußerte sich auch Felix Klein, Bundesbeauftragter für jüdisches Leben und den Kampf gegen Antisemitismus: »Bei antisemitischen Straftaten zeigt sich immer wieder, dass beratende Unterstützung für alle Beteiligten hilfreich ist, gerade wenn es um das Erkennen und Einordnen von Antisemitismus geht.«

So weist Klein darauf hin, dass beispielsweise Rheinland-Pfalz im Mai bereits ein Gesetz verabschiedet hat, das seiner Beauftragten Akteneinsichts- und Auskunftsrecht zusichert. »Ich würde es begrüßen, wenn die Antisemitismusbeauftragten in anderen Bundesländern ebenfalls entsprechende Befugnisse erhalten, um Ermittlungen und Strafverfahren zu begleiten«, sagt Klein.

Entsprechend empört reagierte Herr M., als er erfuhr, dass Stefan Hensel beim Prozess nicht anwesend sein darf. Hierzu sagte er: »Vom Gericht wurde es damit begründet, dass die Täter zu jung waren. Und: dass sich erst im Laufe des Verfahrens zeigen würde, ob es sich tatsächlich um eine antisemitische Tat handelte. Da habe ich mich gefragt: Was muss denn noch alles passieren?«

Grüne

Banaszak: Rot-Grün-Rot braucht klare Absprachen vor Start

Grünen-Chef Felix Banaszak sieht Risiken für das geplante Bündnis aus Linken, Grünen und SPD in Berlin. Er warnt vor ungelösten Problemen

 18.10.2026

Jan-Philipp Hein

Flugabwehr bei VW? Aber ja!

Volkswagen, Rafael und die deutsch-israelische Rüstungskooperation

von Jan-Philipp Hein  18.10.2026

JU-Deutschlandtag

Söder fordert Brandmauer nach links

Der Begriff Brandmauer wurde in der Union bisher vor allem für die Abgrenzung nach rechts verwendet. CSU-Chef meint, sie sollte jetzt eher an anderer Stelle eingezogen werden

 18.10.2026

IWF-Tagung

KfW-Chef: »Demokratie ist ein harter Standortfaktor«

Auch aus der Finanzwelt kommen nach den Wahlerfolgen der AfD für Deutschland ungewohnte Fragen: Ist der Standort noch so verlässlich wie bekannt? Für Investitionsentscheidungen kann das wichtig sein

 18.10.2026

Iran-Krieg

Irans Parlament stimmt für neuen Verteidigungsminister

Das Verteidigungsministerium im Iran wurde mehr als ein halbes Jahr kommissarisch geleitet. Nun übernimmt ein erfahrener Funktionär aus der Rüstungsbranche das Amt

 18.10.2026

Leitantrag für Parteitag

CSU-Parteitag: Klare Kante gegen AfD und Linkspartei

Kommende Woche steht bei der CSU ein großer Parteitag an. Als Gast wird Kanzler Merz erwartet. Inhaltlich setzt die Partei auf neue Geschlossenheit durch die Benennung klarer Feindbilder

 18.10.2026

Offenburg

Özdemir zu Berliner Linken: Mit so jemandem nicht koalieren

Cem Özdemir lehnt eine Zusammenarbeit der Grünen mit der Linken in Berlin ab. Zwar verweist er auf gute Erfahrungen mit der Partei in anderen Ländern, in Berlin sieht er die Lage anders

 18.10.2026

Regierungsbildung

Rot-Grün-Rot in Berlin rückt näher - Kritik der CDU

Linke, Grüne und SPD wollen in Berlin Koalitionsverhandlungen aufnehmen. Die Sondierungsgespräche waren von Antisemitismus-Vorwürfen gegen die Linke überschattet. Kritik kommt nun von der CDU

 18.10.2026

Auftritt vor Parteinachwuchs

NRW-Minister: Linke muss »Judenhasser und Clan-Freunde« ausschließen

Nach einer Warnung des Kanzlers von Friedrich Merz vor einer Zusammenarbeit mit der Linken in Berlin legt NRW-Minister Nathanael Liminski nach. Er wählt drastische Worte

 18.10.2026