Justiz

»Ich möchte vergessen«

Bruno D. zu Prozessbeginn im Oktober 2019 Foto: dpa

Der in Hamburg vor Gericht stehende ehemalige SS-Wachmann möchte sich heute nicht an seine Dienstzeit im KZ-Stutthof erinnern. »Ich möchte vergessen und nicht weiter aufarbeiten«, sagte er am Mittwoch auf die Frage der Vorsitzenden Richterin, ob er mit seinen Enkeln und Urenkeln über die Zeit spreche. Er wolle sie damit nicht belasten. Das, was er erlebt habe, würde er, wenn er gefragt werde, auch so erzählen. Der 93-Jährige fügte hinzu: »Ich habe keine Schuld, was damals passiert ist. Ich habe dazu nichts beigetragen, außer dass ich Wache gestanden habe. Aber dazu wurde ich gezwungen, das war Befehl.«

Dem Angeklagten wird Beihilfe zum Mord in 5230 Fällen vorgeworfen. Als SS-Wachmann in dem KZ bei Danzig habe er von August 1944 bis April 1945 »die heimtückische und grausame Tötung insbesondere jüdischer Häftlinge unterstützt«. Zu seinen Aufgaben habe es gehört, die Flucht, Revolten und die Befreiung von Gefangenen zu verhindern, erklärte die Staatsanwaltschaft. Weil der Angeklagte zur Tatzeit 17 bis 18 Jahre alt war, findet der Prozess vor einer Jugendstrafkammer statt.

Bei der Befragung zu seiner Person gab der 93-Jährige bereitwillig und zum Teil sehr detailliert Auskunft. Schon in der Schule sei er als Sohn eines katholischen Bauern Einzelgänger gewesen. Sein Vater sei in dem Dorf Mitglied des Zentrums gewesen, das eine der tragenden Parteien der Weimarer Republik war. Als die Nazis an die Macht kamen, sei er als Dorfvorsteher abgesetzt worden. Über Politik sei zu Hause nie gesprochen worden. Auch vom Krieg, der im nur gut 20 Kilometer entfernten Danzig begann, habe er zunächst kaum etwas mitbekommen.

Bei Kriegsende bewachte der Angeklagte Gefangene aus Stutthof, die von der SS auf einem Schiff über die Ostsee nach Neustadt in Holstein gebracht wurden. Kurz vor der Einnahme der Stadt durch die Briten habe sein SS-Trupp Häftlinge auf einem Lastwagen in den Hafen gebracht. Dann habe er Leichen am Strand einsammeln müssen. Wehrmachtsoffiziere hätten ihm geraten, nach Hause zu gehen. Auf der Flucht sei er in amerikanische Gefangenschaft geraten.

Verteidiger Stefan Waterkamp beantragte, ein Neurowissenschaftler solle die Erinnerungsfähigkeit seines Mandanten begutachten. Von den Nebenklage-Vertretern sei suggeriert worden, der Angeklagte wolle sich nicht erinnern. Wenn auch das Gericht nur von einem Teilgeständnis ausgehen würde, könne das negative Folgen für seinen Mandanten haben. Erinnerungslücken an Ereignisse vor 75 Jahren dürften ihm nicht zum Nachteil ausgelegt werden. Die Vorsitzende Richterin, Anne Meier-Göring, erklärte, dass diese Frage auf jeden Fall geklärt werden müsse.

Entscheidung

Halberstädter Museum für jüdische Kultur wird weiter gefördert

Im Jahr 2001 wurde das Berend Lehmann Museum für jüdische Geschichte und Kultur in Halberstadt gegründet. Zum Museum gehören die frühere Mikwe sowie die Synagoge im ehemaligen rabbinischen Lehrhaus, der Klaus. Sie bekommen weiterhin eine Förderung.

 09.07.2026

Magdeburg

Was eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt ändern könnte

Von der Kündigung des Rundfunkstaatsvertrages bis hin zur Ängerungen von »Geschichte«-Lehrplänen: Was will die rechtsextremistische Partei im Falle eines Wahlsieges noch?

von Christopher Kissmann  09.07.2026

Frankfurt am Main

Becker fordert Verbot von Pro-Terror-Kundgebung, DIG initiiert Gegendemo

»Palästina darf sich wehren, auch mit Steinen und Gewehren«: Unter diesem Motto ruft eine Gruppierung zu einer Kundgebung auf. Auch die Grünen wollen die Versammlung untersagen

von Imanuel Marcus  09.07.2026

Antisemitismus

Chrupalla-Lob für Möllemann

DIG-Präsident Volker Beck übt heftige Kritik am Co-Chef der AfD

 09.07.2026

Humanitäre Hilfe

Israel weist Berichte über Versorgungsengpässe in Gaza zurück

Einem neuen Bericht zufolge sind seit der Waffenstillstandsvereinbarung vom Oktober 2025 1800 Millionen Tonnen an Lebensmitteln nach Gaza gelangt. Israel sagt, das sei mehr als vor dem Krieg

 09.07.2026

berlin

Strafbefehl gegen Hudhaifa Al-Mashhadani

Der Leiter einer säkularen Arabischschule in Neukölln soll einen Mordanschlag gegen sich erfunden haben

 09.07.2026

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Lionel Messis Herkunft und Sympathien rumoren, erzählt der Sohn eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  09.07.2026

Genf

Bericht: UNESCO ehrte tote Terroristen als »Journalisten« – und korrigierte sich nie

Die UN-Unterorganisation soll die Fakten nie richtiggestellt haben, obwohl die Hamas und die Gruppe Islamischer Dschihad die Mitgliedschaften teils selbst öffentlich gemacht hatten

 09.07.2026

Freudenstadt

Waldorfschule bewarb Theaterstück »Der Geizhals« mit Hakennasen-Mann

In der Schule war niemandem aufgefallen, dass das mittlerweile entfernte Werbeposter eine antisemitische Bildsprache benutzt

 09.07.2026