Bundestagswahl

»Ich bin oft Lernende«

Fordert staatlich geschützte jüdische Feiertage: Die religionspolitische Sprecherin der Linken in der Redaktion Foto: Gregor Zielke

Frau Buchholz, zur Forderung nach einem Antisemitismusbeauftragten war von der Linken noch nicht viel zu hören.
Doch, im Bundestag hatte meine Kollegin Petra Pau dies unterstützt. Und sie hat sie ergänzt um etwas, das wir schon lange fordern: einen Beauftragten für Demokratie und Bürgerrechte. Das wäre eine Instanz, bei der Antisemitismus und andere Formen von Menschenfeindlichkeit behandelt werden, etwa antimuslimischer Rassismus.

Was ist für Sie Antisemitismus?
In dem Moment, wo Juden als Gruppe definiert und mit negativen Eigenschaften beschrieben werden, ist das Antisemitismus. Das gilt auch, wenn die Kritik an der Politik Israels über das Jüdischsein definiert wird. Die Linke stellt sich gegen diese menschenverachtende Ideologie. Die Mitte-Studie der Universität Leipzig zeigt, dass 90 Prozent des Antisemitismus rechts verortet ist.

Bei der Förderung jüdischen Lebens fällt einem aber nicht sofort die Linke ein.
Vereinfacht gesagt, haben wir zwei Richtungen in der Partei: einen laizistischen und einen auf Kooperation mit Kirchen und Religionsgemeinschaften setzenden Flügel. Auf dem Parteitag 2013 in Dresden hatten wir einen Eklat, weil die Forderung nach der Abschaffung des Blasphemie-Paragrafen durchgeboxt wurde. Bodo Ramelow und ich hatten zusammen dagegen argumentiert, dass dies in Zeiten, in denen es Schweineblutattacken auf Synagogen und Moscheen gibt, ein fatales Zeichen wäre. Die Linke muss immer schauen, welche Signalwirkung so etwas hat. Wir waren damals gescheitert, jedoch hat dies bei uns eine Debatte losgetreten.

Aber Sie blieben Minderheit ...
.... allerdings eine relevante. Und die Diskussionen zogen sich über drei, vier Jahre hin. Ein Ergebnis ist, dass wir eine religionspolitische Kommission einsetzen, die weitere Positionen ausarbeitet. Das betrifft etwa das Staatskirchenrecht, Finanzfragen, aber auch die Religionsfreiheit. Im Wahlprogramm haben wir eine Position gegen das Kopftuchverbot und machen auch die Forderung nach Gleichberechtigung der Religionen stark.

Was heißt das?
Wo Kirchen ein Recht auf Religionsunterricht oder Seelsorge haben, muss das anderen Religionsgemeinschaften auch zugestanden werden. Oder eine weitere Forderung, die wir mit dem Zentralrat der Juden und mit muslimischen Gesprächspartnern diskutiert und in unser Wahlprogramm aufgenommen haben: staatlich geschützte Feiertage für Juden und Muslime. Wir hatten das Beispiel von einem Studenten, der an Jom Kippur sein Staatsexamen hatte.

Das ist jetzt eine Forderung der Linken?
Ja, die Linke fordert im Wahlprogramm für die Bundestagswahl, dass muslimische und jüdische Feiertage als staatlich geschützt anerkannt werden. Wir müssen vielmehr die Frage nach der Realität jüdischen Lebens in den Blick nehmen. Das ist ja nicht nur der Kampf gegen Antisemitismus, das sind ja auch Fragen der Rente, der Pflege. Ich bin da in vielen Bereichen Lernende.

Was ist das Besondere des Judentums?
Alle Religionen haben eine zivilgesellschaftliche Funktion. Das ist in der linken Tradition durchaus umstritten, weil dort teilweise von falschem Bewusstsein die Rede ist. Ich denke aber, Religion gibt es auch, weil sie eine Dimension zur gesellschaftlichen Realität hinzufügt, die von anderen Welterklärungen nicht abgedeckt wird. Was konkret die jüdische Religion angeht, ist sie nicht ohne den Bezug auf jahrhundertelange Judenfeindschaft und die Schoa zu sehen.

Das zeigt doch, dass man Antisemitismus nicht mit anderen Diskriminierungsformen in einen Topf werfen sollte.
Es ist wichtig, die eigene Ausprägung der unterschiedlichen Diskriminierungsformen im Blick zu haben. Aber in der Praxis ist es wichtig, auch zu schauen, wie bestimmte Muster andere befördern: Wer etwa an antisemitische Verschwörungstheorien glaubt, tendiert oft auch zu anderen Verschwörungstheorien.

Wann distanziert sich die Linke von BDS?
Die Linke unterstützt BDS nicht. Wir haben allerdings vielfältige Verbindungen nach Israel. Wir haben etwa gute Beziehungen zu Meretz, zur Chadasch, zur Vereinten Liste und zu vielen außerparlamentarischen Bewegungen. Darunter sind Partner, die BDS unterstützen. Auch wenn die Linke hier eine andere Meinung hat, arbeitet sie bei anderen Themen mit ihnen zusammen.

Wie sieht Ihre besondere Verantwortung aus, wenn Sie 2010 nach der Rede von Schimon Peres am Holocaustgedenktag im Bundestag sitzen geblieben sind?
Als Peres zu Ehren und zum Andenken an die Opfer das Kaddisch sprach, habe ich mich selbstverständlich erhoben. Aber Teile von Peres’ Rede habe ich als Kriegsdrohungen in Richtung des Iran wahrgenommen. Da habe ich mir gesagt, da kann ich mich nicht erheben. Die Entscheidung habe ich spontan, still für mich und nicht demonstrativ gefällt.

Gilt die Bedeutung von Symbolik für linke Politik bei der Peres-Rede nicht?
Der Respekt gegenüber den Opfern ist meine tiefste Überzeugung. Deshalb war ich nach dem ersten Teil der Rede aufgestanden. Seit ich politisch aktiv bin, bin ich immer gegen rechts und gegen Rassismus aktiv gewesen. Dass ich später sitzen blieb, ergab sich aus meiner Überzeugung gegen Krieg.

Gesprächsreihe
Am 24. September wählen die Deutschen einen neuen Bundestag. Die Jüdische Allgemeine hat daher die religionspolitischen Sprecher der Fraktionen in die Redaktion eingeladen. Bis zum Wahltag dokumentieren wir die Gespräche – nächste Woche an dieser Stelle: Kerstin Griese (SPD).

Washington D.C.

Ein Begräbnis und ein Gipfeltreffen

Israels Premier Netanjahu und Ukraine-Präsident Selenskyj waren offiziell angereist, um an der Beerdigung von US-Senator Lindsey Graham teilzunehmen. Doch das Begräbnis wird auch für ein geopolitisches Gipfeltreffen mit US-Präsident Trump genutzt

 29.07.2026

The OpenAI logo is displayed on a mobile phone screen in this photo illustration, as artificial intelligence tools continue to expand across consumer and business applications in Brussels, Belgium, on February 28, 2026. (Photo by Jonathan Raa/NurPhoto)

Meinung

KI: Wie die Welt einmal untergehen könnte

Der Kontrollverlust der Softwarefirma OpenAI über ihr neuestes Modell macht erneut die Notwendigkeit deutlich, KI-Technologie stärker zu regulieren. Dabei geht es um nicht weniger als die Zukunft der Menschheit

von Joshua Schultheis  28.07.2026

Dresden

Petition wirft AfD Missbrauch der Marke Simson vor

Die Traditionsmarke Simson steht für eine erfolgreiche Firmengeschichte. Die AfD nutzt das positive Image, das stößt auf Widerstand

 28.07.2026

Terror

Nach dem CSD-Anschlag: Wo Berlin trauert

Blumen, Botschaften und Regenbogenflaggen: Im Berliner Tiergarten suchen Menschen Trost am Ort des Terroranschlags. Was ein Notfallseelsorger erzählt

 28.07.2026

Berlin

Bekennervideo des mutmaßlichen CSD-Attentäters auf Mobiltelefon entdeckt

Was ist in der Aufnahme zu sehen?

 28.07.2026

Meinung

Wir müssen darüber sprechen, was der Terror mit dem Islam zu tun hat

Die islamistische Ideologie muss endlich als solche benannt werden – auch weil Muslime zu den ersten Opfern der Terroristen gehören

von Ali Ertan Toprak  28.07.2026

München

Deutsche Post will Davidstern-Briefmarke doch drucken

Die Poste lehnte eine Briefmarke mit einem Davidstern und dem Schriftzug »Antisemitismus – ohne mich!« erst ab. Nach Kritik hat sie sich nun umentschieden

 28.07.2026 Aktualisiert

Washington D.C./Rom

USA kündigen weitere Gespräche zwischen Israel und Libanon in Rom an

Nach jahrzehntelangem Kriegszustand gab es zuletzt Annäherungsversuche zwischen Jerusalem und der libanesischen Regierung. Die USA als Vermittler setzen vor allem auf den Erfolg sogenannter Pilotzonen

 28.07.2026

Washington D.C.

Trump weist Netanjahus Kritik an möglichem F-35-Verkauf an die Türkei zurück

»Niemand schreibt mir vor, was wir verkaufen sollen«, sagt der amerikanische Präsident vor seinem Treffen mit Benjamin Netanjahu

 28.07.2026