Faktencheck

Hitler war kein Kommunist

Bezeichnete Adolf Hitler als Linken: Alice Weidel Foto: IMAGO/Chris Emil Janßen

AfD-Chefin Alice Weidel hat den Nationalsozialisten Adolf Hitler als »Kommunisten« bezeichnet. »Nationalsozialisten, wie das Wort schon sagt, waren Sozialisten«, sagte sie am 9. Januar 2025 in ihrem Online-Gespräch mit dem US-Tech-Milliardär Elon Musk auf dessen Plattform X. »Er war ein Kommunist und sah sich selbst als Sozialisten.« Auch in sozialen Medien wird diese These verbreitet.

Bewertung

Das ist falsch. Historiker verweisen auf die nationalsozialistische Politik, in der Kommunisten, Sozialisten und Sozialdemokraten verfolgt wurden.

Fakten

Die Grundlage der Weltanschauung in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) ist die Ungleichwertigkeit der Menschen, auf welcher der sogenannte NS-Rassenwahn fußt. Das ist das genaue Gegenteil des linken Gleichheitsideals.

Die Nationalsozialisten sahen Kommunisten, Sozialisten und Sozialdemokraten als Hauptgegner und haben sie nach der Machtübernahme 1933 systematisch verfolgt, inhaftiert und ermordet.

Wissenschaflter widersprechen Weidels These

»Hitler als Kommunisten zu bezeichnen - dazu bedarf es schon sehr großer Geschichtsklitterung«, sagt der Dresdner Politologe Hans Vorländer im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Weidel wolle sich damit selbst als wirklich konservativ und libertär identifizieren. »Das ist der Versuch, die Geschichte umzudeuten, um sich vom Vorwurf des Rechtsextremismus zu befreien.«

Als »historisch grundfalsch« bezeichnet der Leiter des Münchner Instituts für Zeitgeschichte, Andreas Wirsching, Weidels Aussage. »Unter Hitlers Verantwortung wurden nicht nur Zehntausende Kommunisten verfolgt, in Konzentrationslager gesperrt und ermordet, sondern auch zahllose Sozialdemokraten und Gewerkschaftler.«

Hitler sei spätestens seit 1919 ein radikaler Antisemit gewesen, ein völkischer Nationalist und militanter Feind des Kommunismus, so Wirsching. Sein Programm habe auf eine rassistisch und ideologisch neu formatierte Volksgemeinschaft gezielt.

Auch der Grazer Geschichtsprofessor Werner Suppanz sieht das so: Auf die Frage, ob die Nazis Sozialisten waren, antwortet er im Januar 2022: »Eindeutig nicht.« Hitler selbst habe 1928 erklärt, dass seine NSDAP nicht sozialistisch sei. Bei den Nazis habe ein rassisches und biologistisches Denken geherrscht, das klar »rechts zu verorten ist«, so Suppanz.

Woher die These stammen könnte

In Hitlers nicht veröffentlichtem zweiten Buch von 1928 steht tatsächlich der Satz: »Ich bin Sozialist.« Doch weiter führt er aus: »Ich sehe vor mir keine Klasse und keinen Stand, sondern jene Gemeinschaft von Menschen, die blutsmäßig verbunden, durch eine Sprache geeint, einem allgemeinen gleichen Schicksal unterworfen sind.«

Die Betonung von »blutmäßig« statt von sozialen Kriterien zeige, so der Soziologe Christoph H. Werth in seinem Buch »Sozialismus und Nation«, »dass dem Rassedenken bei Hitler eindeutig Vorrang vor allen sozialpolitischen Erwägungen zukommt«. Sein Sozialismus-Begriff entspreche »ganz seiner verächtlichen Vorstellung vom dummen, stets mit billigen Wohltaten verführbaren Volkshaufen«.

Hitler selbst sagt zum Beispiel im Mai 1930: »Der Ausdruck Sozialismus ist an sich schlecht. Aber vor allem heißt er nicht, daß die Betriebe sozialisiert werden müssen, sondern dass sie sozialisiert werden können, nämlich wenn sie gegen das Interesse der Nation verstoßen. Solange sie das nicht tun, wäre es einfach ein Verbrechen, die Wirtschaft zu zerstören.«

Die Verstaatlichung der Industrie dient den Nationalsozialisten in erster Linie zur deutschen Kriegsvorbereitung. Hitlers Ansichten zu möglichen Verstaatlichungen fußen also auf der NS-Ideologie, bei der die arische »Volksgemeinschaft« im Mittelpunkt steht, nicht unbedingt soziale Klassen.

Sozialistischer NSDAP-Flügel früh entmachtet

Mit dem NS-Mann Gregor Strasser und seinen Anhängern hat die NSDAP in ihren Anfangsjahren tatsächlich einen Flügel, der sich sozialistisch geben will. Doch nach einer Auseinandersetzung über die Ausrichtung der Partei befiehlt Hitler dessen Entmachtung. Im Juli 1930 heißt es in Strassers Zeitungen: »Die Sozialisten verlassen die NSDAP!«

Dieser NSDAP-Flügel ist nach Aussagen des Historikers Suppanz hauptsächlich dafür gedacht gewesen, Arbeiter und Arbeiterinnen für die Partei zu gewinnen. Die Nazis seien nie für eine Verstaatlichung privater Produktionsmittel, das zentrale Fundament linker Weltanschauung, eingetreten.

In Sachen Privateigentum geht die NSDAP »geschickter als jede andere Partei auf die speziellen Nöte und Bedürfnisse der eigentumsorientierten, standesbewussten Mittelschichten ein«, heißt es bei der Bundeszentrale für politische Bildung.

Die Partei stehe »auf dem Boden des Privateigentums«, schreibt denn auch Hitler 1928 (S. 80). Und an anderer Stelle: »Mitbesitz und also Mitbestimmung der Arbeiter - das ist ja eben Marxismus, während ich nur dem von einer höheren Schicht geleiteten Staat das Recht dieser Einflußnahme gebe.«

Sebastian Haffner als Gewährsmann für Weidel?

Der Jurist Sebastian Haffner, der mehrere Bücher über die deutsche Geschichte schrieb, wird häufig als Gewährsmann für die These des angeblich linken Hitler herangezogen.

In seinem Buch »Anmerkungen zu Hitler« von 1978 heißt es: »Hitler ist keineswegs so leicht als extrem rechts im politischen Spektrum einzuordnen, wie es viele Leute heute zu tun gewohnt sind.« Nichts sei irreführender, »als Hitler einen Faschisten zu nennen«.

Aber so eindeutig, wie es an dieser Textstelle scheint, bleibt Haffner in seinem Buch nicht: Auch ihm zufolge ist eines der NS-Ziele die Abschaffung der linken (und in der Folge aller) Parteien. »Da man aber das, was hinter den linken Parteien stand, die Arbeitschaft, nicht abschaffen konnte, musste man sie politisch für den Nationalismus gewinnen, und das bedeutete, [...] man musste ihr Sozialismus bieten, jedenfalls eine Art von Sozialismus, eben einen Nationalsozialismus«, schreibt er. »Ihren bisherigen Glauben aber, den Marxismus, musste man [...] ausrotten, und das bedeutete [...] die physische Vernichtung der marxistischen Politiker und Intellektuellen, unter denen gottlob eine ganze Menge Juden waren.«

Täuschungsmanöver beliebt bei Rechtsextremen

Der Versuch, den NS-Führer aufgrund der frühen antikapitalistischen Affekte in der NSDAP und ihres sozialistischen Namenselementes als »links« zu bezeichnen, ist für Historiker Wirsching nur ein beliebtes Täuschungsmanöver. Diese These tauche in der rechtsextremen Szene immer wieder auf. »Faktisch handelt es sich um ein reines und gemessen an der historischen Wahrheit infames Propagandamanöver. Mit ihm sollen rechte Vergangenheiten und die wahren Ziele rechtsextremer Politik camoufliert werden.« dpa

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