Pro und Contra

Hat Sarrazin recht?

Thilo Sarrazin Foto: dpa

Pro

Was Sarrazin in seinem Buch thematisiert, ist das, was ich auf meinen Lesereisen durch Deutschland überall zu hören bekomme: von Lehrern, die über den Niedergang ihrer Schulen klagen, von Polizisten, die von No-go-Areas in deutschen Städten sprechen, von älteren Menschen, die mir von ihren zunehmend muslimischen Stadtteilen erzählen und von Gewalt und Jugendbanden, denen sie dort ausgesetzt sind. Die mir davon erzählen, sind keine Nazis und keine Rassisten, auch keine Politiker oder Wirtschaftsbosse mit Dienstwagen und Bodyguards, die sich einer unerfreulichen Realität entziehen können. Was sie sagen, ist ungefähr das, was ich selbst sehe, wenn ich im einstmals lustigen Köln oder in meiner Geburtsstadt Berlin unterwegs bin.

Sarrazin unterscheidet zwischen integrationswilligen und -unwilligen Einwanderern. Solchen, die arbeiten, studieren oder beruflich selbständig sind, und solchen, die sich diese Mühe nicht machen. Er belegt anhand von Statistiken, dass viele muslimische Einwanderer eine Integration in Deutschland für unnötig halten, die schwierige deutsche Sprache gar nicht erst lernen und ihren Lebensunterhalt aus staatlicher Wohlfahrt oder illegalen, nicht selten kriminellen Einnahmen bestreiten. Er macht deutliche Unterschiede zwischen dieser Attitüde und der Arbeits- und Lernbereitschaft anderer Einwanderer, etwa aus Osteuropa oder Asien. Aufgrund seiner differenzierten Sicht auf das Thema ist es absurd, ihm »Fremdenfeindlichkeit« vorzu- werfen. Die deutlichen Unterschiede in der Integrationsbereitschaft der Migranten führt er auf die hinter ihnen stehenden Kulturen und Religionen zurück. Er ist nicht der Erste, der feststellt, dass Einwanderer aus muslimischen Ländern integrationsunwilliger sind als andere. Ihm deshalb »Rassismus« zu unterstellen, ist gleichfalls absurd, da der Islam keine Rasse ist, sondern ein globales Glaubenssystem – mit ausgeprägten Lebensvorschriften, die mit dem Grundgesetz westlicher Demokratien in manchem unvereinbar sind.

Kürzlich wollte ich einem palästinensischen Bekannten helfen, der von der Hamas bedroht wird, und wandte mich an die Beamten der deutschen Botschaft in Ramallah. Ich erfuhr, dass nur noch Rechtsanwälte, Zahnärzte oder andere gut ausgebildete, als integrationswillig ausgewiesene Palästinenser für Visa in Erwägung gezogen werden. Man trifft unter der Hand längst im Sarrazinschen Sinne eine Auswahl und bewertet die Situation ähnlich wie er. Political correctness und eine ins Hysterische gehende Wut über Sarrazins offenherzige Darstellung bringen die gleichen Politiker dazu, ihn wider besseres Wissen zu verdammen.

Chaim Noll ist Schriftsteller. Seit Mitte der 90er-Jahre lebt der in der DDR geborene Kunsthistoriker in Israel. Soeben erschien sein jüngster Roman »Feuer« (Verbrecher Verlag).
Contra

Vor zwei Wochen sind wir in die USA gezogen: wir beide – ich und mein jüdisches Gen. Uns beiden geht es gut: Ich genieße die Lesecafés, mein Gen die guten Bagels. Aus der Distanz wundern wir uns über die Debatte in Deutschland: Man kann nicht nachvollziehen, wie jemand, der einen verantwortungsvollen Staatsposten innehat, eine ganze Bevölkerungsgruppe re-ethnisiert, biologisiert und diese Gruppe sozial auslagert. Von hier aus kann man nicht verstehen, wie zahlreiche Menschen als Reaktion auf den Rassismusvorwurf gegen Sarrazin große Augen machen, wo doch seine Äußerungen, würde man »Türken«/ »Araber«/»Muslime« durch »Juden« ersetzen, hohe Wellen der Empörung schlagen ließen. Es ist unglaublich, dass viele deutsche Juden jemanden unterstützen, der eine andere religiöse Gruppe beschimpft und ihr vorhält, unsere Gesellschaft zu zersetzen.

Vor allem Letzteres bereitet mir schlaflose Nächte: Sind wir Juden verrückt geworden? Sind wir unserer eigenen historisch durchlebten, durchkämpften, durchlittenen Überzeugung verlustig, dass jeder etwas erreichen kann, wenn er es nur will? Keiner darf zum Gefangenen seiner Herkunft proklamiert werden – das ist die Schlussfolgerung aus unserer Emanzipationsgeschichte. Sind wir, Juden in Deutschland, so billig zu kaufen: Man werfe uns 15-prozentigen IQ-Überschuss wie einen Knochen vor die Füße, schon sind wir bereit, jeden Unfug zu unterstützen? Oder ist unsere Furcht vor vorhandenen Ressentiments unter Zuwanderern so dominant, dass wir aus Angst bereit sind, uns mit denen zu verbünden, die über Muslime so reden, wie noch vor ein paar Jahrhunderten über uns Juden? Wir dürfen uns nicht vor den Karren der Intoleranz spannen lassen, so verraten wir unsere Geschichte. Unsere Vorfahren träumten davon, dass ihre Kinder nicht mehr Zielscheibe von Fremdzuschreibungen und genetischen Unterstellungen werden. Und kommen Sie mir nicht mit dem Vorhalt, Sarrazin habe inhaltlich in einigen Punkten recht. Über Integrationsdefizite türkisch- und arabischstämmiger Migranten wird bis zum Erbrechen auf allen politischen Ebenen geredet. Bei dieser Diskussion macht der Ton die Musik, und die Klaviatur, auf der Sarrazin spielt, ist mit Menschenverachtung verseucht. Auch das bedeutendste Musikstück wird zum Gift, wenn Sarrazin dieses Stück auf seinem Instrument spielt.

Zu guter Letzt: Ich stehe zu meinem jüdischen Gen und will gar nicht bestreiten, dass es dieses Gen gibt. Ich finde den Gedanken sogar ganz putzig und gar nicht fernliegend. Nur bedeutet meine genetische Konstitution nicht, dass andere dadurch minderwertig werden. Ab da ist Schluss mit lustig, Ende der Fahnenstange, Schluss der Debatte.

Sergey Lagodinsky ist Fellow an der Yale University in den USA, Sprecher des Arbeitskreises Jüdischer Sozialdemokraten und Vorsitzender des Integrationsausschusses der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

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