Türkei

Hass als Taktik

Recep Tayyip Erdogan wird von seinen Anhängern verehrt. Foto: dpa

In rund sechs Wochen stehen in der Türkei Kommunalwahlen an. Alles andere als ein erneuter Sieg der islamisch-konservativen Partei AKP, die mittlerweile zwölf Jahre an der Macht ist, wäre eine Überraschung. Doch selbst wenn Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan die politische Bühne einmal verlassen wird, werde der von ihm geschürte Antisemitismus und Antizionismus in der türkischen Gesellschaft noch lange nachwirken, sagt der türkische Parlamentsabgeordnete Aykan Erdemir von der linksdemokratischen Partei CHP.

»Man kann die diplomatischen, ökonomischen und militärischen Verbindungen zwischen der Türkei und Israel relativ schnell verbessern«, so Erdemir zur Jüdischen Allgemeinen. »Aber es dauert lange, Vorurteile über Juden und Israelis in der türkischen Gesellschaft auszuräumen – und da hat sich die Situation durch die AKP massiv verschlechtert.«

israel Um Wähler für sich zu gewinnen, setzt Erdogan auf ein probates Mittel: harsche Attacken gegen Israel, gepaart mit antisemitischen Ausfällen. So bezeichnete Erdogan beispielsweise im Frühling 2013 den Zionismus als »Verbrechen gegen die Menschlichkeit«. Im Sommer 2013 behauptete ein Stellvertreter Erdogans, hinter den Protesten am Istanbuler Gezi-Park stecke die »jüdische Diaspora«. Erdogan selbst sprach von einer »Zinslobby«, welche die Türkei schädigen wolle.

Schon vor Erdogan habe es in der Türkei latenten Antisemitismus gegeben, sagt Aykan Erdemir. »Aber wir sind auch das Land, das immer wieder Juden auf der Flucht aufgenommen hat. Im Vergleich zu anderen muslimischen Ländern gibt es hier eine große Toleranz gegenüber Minderheiten.« Doch die Toleranz habe unter Erdogan deutlich abgenommen. »Wir bräuchten dringend ein Gesetz gegen Hassverbrechen.«

paranoia Ähnlich wie Erdemir sieht das der Historiker Barin Kayaoglu, ein Experte für türkische Politik, der mittlerweile in den USA forscht. »Warum gibt Erdogan antisemitische Statements ab? Ganz klar, weil es ihm Stimmen und Popularität einbringt.« Es gebe unter Türken die weitverbreitete Befürchtung, dass Israel, »alias ›die Juden‹«, zusammen mit den USA, »alias ›ein Land, das heimlich von Juden kontrolliert wird‹«, die Türkei schädigen wolle. »Allerschlimmste Paranoia also«, so Kayaoglu. Dieses Gefühl schüre der Premier und nutze er aus.

Viele Juden in der Türkei beklagen ein Klima, in dem sie vor allem durch die AKP-nahe Presse immer stärker als Fremde, als Feinde oder als Agenten Israels dargestellt werden. In den letzten Monaten seien Hunderte Juden aus der Türkei nach Israel oder in die USA ausgewandert, sagte Nesim Güvenis, Vorsitzender der Vereinigung türkischer Juden in Israel, der Zeitung Hürriyet Daily News. »Ich bin türkischer als viele Landsmänner, aber das wollte niemand glauben.«

Zwischen Ankara und Jerusalem herrscht politische Eiszeit, spätestens seit 2010 das türkische Schiff »Mavi Marmara« von israelischen Soldaten geentert wurde und dabei neun türkische Aktivisten starben. Nach israelischen Medienangaben hatte Jerusalem Ankara jüngst 20 Millionen US-Dollar an Kompensation angeboten. Auch andere Annäherungsversuche hatte es in letzter Zeit gegeben. Aber Kayaoglu glaubt nicht, dass eine Verbesserung der diplomatischen Beziehungen an der Grundhaltung Erdogans etwas ändern werde.

unkraut rupfen Der Antisemitismus vieler Politiker der AKP stehe nicht im direkten Zusammenhang mit Israel, sondern reiche weiter zurück. »Für viele in der AKP ist der Schriftsteller Necip Fazil Kisakürek ein sehr großer intellektueller Einfluss. Kisakürek war ein fanatischer Antisemit.« In den 40er-Jahren hatte er die Idee eines »islamischen großen Ostens« entwickelt, der durch die Türkei begründet werden sollte, und empfohlen, religiöse Minderheiten »wie Unkraut auszurupfen«. Im Mai 2013 hatte Erdogan eben diesen Kisakürek als einen der »wichtigsten türkischen Denker des 20. Jahrhunderts« und »Vorbild für kommende Generationen« gelobt.

»Manchmal reitet Erdogan auf der Welle der öffentlichen Meinung, andere Male manipuliert er sehr geschickt die Gefühle der Türken«, resümiert Politiker Erdemir. Und dass er vorhat, das noch eine ganze Weile zu tun, ist offensichtlich. »Hedef 2023« steht auf den Minivans, mit denen die AKP für die Kommunalwahlen auf Stimmenfang geht – »das Ziel ist 2023«.

Berlin

»Ich will mich nicht verstecken«

Ron Dekel wurde angepöbelt, weil er eine Kippa trug. Ein Video davon ging viral, er wurde im Netz beleidigt, man lauerte ihm vor der Synagoge auf. Hier spricht der Präsident der Studierendenunion darüber, was ihm passiert, seitdem er sich sichtbar als Jude zeigt

von Mascha Malburg  27.04.2026

Kunstwelt

»100 Euro für einen Picasso«

Der französische Informatiker Ari Hodara über den unerwarteten Gewinn eines Millionen Euro teuren Gemäldes

von Nicole Dreyfus  27.04.2026

Berlin

Wadephul: UN muss Verantwortung im Iran-Krieg übernehmen

Der Bundesaußenminister reist zu den Vereinten Nationen nach New York. Im Zentrum des Besuchs steht der Iran-Krieg. Doch es geht auch um die Rolle der Weltorganisation insgesamt

 27.04.2026

Hamburg

Mutmaßlicher Block-Entführer: »Ich bin kein Verbrecher«

Er ist ein weiterer mutmaßlicher Entführer der Block-Kinder, den das Landgericht befragt. Der Israeli berichtet, was seine Aufgabe bei der Rückholaktion war

 27.04.2026

Brüssel

Von der Leyen: Lockerung von Iran-Sanktionen wäre verfrüht

Der Kanzler stellt dem Iran eine Lockerung der Sanktionen in Aussicht, wenn Teheran eine Reihe von Bedingungen erfüllt. In der EU stößt er damit auf Skepsis

 27.04.2026

Stuttgart

Skandal im Gericht: Anwälte proben Aufstand

Israelfeindliche Aktivisten stehen in Stammheim vor Gericht. Der Auftakt wird zum Eklat. Gericht und Verteidigung geraten beispiellos aneinander

 27.04.2026

Nahost

Verdrehte Moral

Es ist geradezu atemraubend, mit welcher Inbrunst das Opfer-Täter-Verhältnis hierzulande verkehrt wird, wenn es um Israels Reaktion auf islamistische Terrororganisationen geht

von Jacques Schuster  27.04.2026 Aktualisiert

Nahost

Iran bietet USA Abkommen zur Öffnung der Straße von Hormus an

Gerade hatte Präsident Trump seine Vermittler zurückgerufen, als Teheran einen Vorschlag unterbreitete. Dieser klammert das iranische Atomprogramm vorerst aus

 27.04.2026

Anschlag

Hakenkreuz an Synagoge in Cottbus

Innerhalb weniger Tage ist die Cottbuser Synagoge zweimal von Unbekannten beschmiert worden. In der Nacht zum Montag wurde an der Fassade ein Hakenkreuz entdeckt. Zeitgleich wurde ein alternatives Wohnprojekt mit einer Rauchbombe attackiert

 27.04.2026