Einspruch

Grund zum Pessimismus

Öffentlich und offiziell meldet sich die UCEI, die Dachorganisation der italienischen Juden, zwar oft zu Wort, aber selten zu politischen Fragen. Im Fall des Referendums über eine Verfassungsreform hat sich die UCEI vor einer Wahlempfehlung gehütet. Doch daraus zu schließen, wir Juden seien in Anbetracht der politischen Niederlage des Ministerpräsidenten Matteo Renzi unbekümmert, wäre falsch. Das Thema betrifft uns, es berührt uns sehr.

Monatelang hatte Renzi mitgeteilt, dass sein politisches Schicksal mit dem Ausgang des Referendums verbunden ist. Als klar wurde, dass »Nein!« deutlich gewonnen hatte, reichte der Ministerpräsident folgerichtig bei Staatspräsident Sergio Mattarella seinen Rücktritt ein. Viele Italiener vergleichen Renzis Schlappe mit der des damaligen britischen Premierministers David Cameron beim Brexit-Referendum. Entsprechend schauen viele von uns mit Sorge auf das Anwachsen eines antieuropäischen Populismus auch in Italien.

rechtspopulisten Etliche jüdische Intellektuelle melden sich mit großer Besorgnis zu Wort. Von einer Rückkehr zu »Selbstgefälligkeit und Rücksichtslosigkeit« spricht die Historikerin Anna Foa, Italien werde an die Rechtspopulisten der Lega Nord ausgeliefert. Deren Vorsitzender, Matteo Salvini, hatte den Entscheid so gefeiert: »Viva Trump, viva Putin, viva Le Pen!«

Doch der Ex-Komiker Beppe Grillo, Gründer der angeblich ideologiefreien Fünfsternebewegung (M5S), ist auch nicht besser. Begriffe wie »Lügenpresse« und »okkulte Mächte« sind die täglichen Arbeitsmittel von Grillos Anhängern.

Da fühlt sich der Historiker Claudio Vercelli gar an die 30er-Jahre erinnert: »Die Geschichte wiederholt sich zwar nicht, aber einige Konstellationen tauchen doch wieder auf.« Eine Tatsache dürfte helfen, zu verstehen, wie sich italienische Juden fühlen: 80 Prozent der Italiener, die in Israel wohnen, haben mit »Ja« gestimmt.

Der Autor ist italienischer Journalist in Berlin.

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