Verhältnis

Gemeinsame Stärke

Kurs halten: Ohne enge Bindung verlieren sich der jüdische Staat und die Gemeinden in aller Welt. Foto: Frank Albinus (M)

Bei offiziellen Anlässen wird sie gern propagiert: die Brüderlichkeit zwischen Israel und der Diaspora, den 40 Prozent des jüdischen Volkes, die in der biblischen Heimat leben und den 60 Prozent, die rund um den Globus zerstreut sind. Mit umso mehr Aufmerksamkeit wird der politische Streit beobachtet, der zwischen der israelischen Regierung und ihren Kritikern ausgefochten wird. Im Mittelpunkt steht dabei die vor zwei Jahren in den USA gegründete jüdische Organisation J-Street. Unter dem Motto »Für Israel. Für den Frieden« setzt sie sich für die Zweistaatenlösung des israelisch-palästinensischen Konflikts ein, geißelt das rechtsgerichtete Kabinett Benjamin Netanjahus für die von ihr vermutete Unwilligkeit, Kompromisse einzugehen und fordert amerikanischen Druck auf Israel.

Entfremdung Aus Sicht der israelischen Regierung ist damit die Grenze zur Illoyalität überschritten. Inzwischen ist der von J-Street propagierte Aktionismus auch in Europa angekommen. Unter dem Namen JCall haben mittlerweile mehr als 6.000 europäische Juden eine Internet-Petition unterzeichnet, in der sie die EU auffordern, Israel und die Palästinenser zur Vernunft zu bringen. Doch die Hauptgefahr für das Verhältnis zwischen den beiden Teilen des jüdischen Volkes ist nicht gegenseitige Kritik, sondern Entfremdung. Und diese greift immer mehr um sich. Als typisch seien zwei in den vergangenen Jahren durchgeführte Umfragen genannt. Laut einer von ihnen sieht ein volles Drittel der israelischen Juden keinen gemeinsamen Nenner mit der Diaspora. Umgekehrt ergab eine Umfrage in den Vereinigten Staaten, dass nur noch weniger als drei von zehn US-Juden eine tiefe emotionale Verbindung zu Israel empfinden. In europäischen Gemeinden mögen solche Tendenzen weniger stark ausgeprägt sein, doch sind auch sie von dem Phänomen betroffen.

Daher ist die Umkehr dieses Trends das Hauptziel, das sich die Verantwortlichen in Israel wie in der Diaspora setzen sollten. Denn durch ein Auseinanderdriften können beide Seiten nur verlieren. Ohne enge Bindung an die Wiege des Judentums würden Diasporagemeinden ein prägendes Element ihrer Identität aufgeben. Und ohne Verbundenheit mit der Diaspora kann sich den Israelis die geistige Vielfalt des Judentums nicht in vollem Maße erschließen. Freilich setzt eine Reform voraus, den Istzustand schonungslos zu diagnostizieren. Zunächst einmal muss Israel erkennen, dass das alte Muster einer starken Diaspora, die sich um den heldenhaften, aber kleinen und armen Judenstaat kümmert, heute so nicht mehr zutrifft. Auf der einen Seite ist Israel, auch nach europäischen Maßstäben, kein wirtschaftlich notleidender Staat. Gleichzeitig steigen die Eigenbedürfnisse der an Überalterung und Armut leidenden Diasporagemeinden. Das führt zu einer Umschichtung der politischen wie finanziellen Ressourcen.

Ergebnis Der Generationswechsel spielt ebenfalls eine entscheidende Rolle. In den ersten Jahrzehnten der israelischen Staatlichkeit wurde das Verhältnis zwischen Israel und der Diaspora von Menschen getragen, die noch von der »alten Welt«, dem osteuropäischen Judentum der Vorkriegsära, geprägt waren. Die kulturellen und sprachlichen Gemeinsamkeiten machten ein instinktives Einvernehmen möglich, wie es die heutigen Nachfahren nicht ohne Weiteres nachvollziehen können. Es ist deshalb kein Zufall, dass die Umfragen zu dem Ergebnis kommen: In der jüngeren Generation der Diasporajuden wird Israel weniger als Teil des eigenen Lebens aufgefasst, als es bei Senioren der Fall ist. Und in Israel geht das Interesse für die Diaspora mit abnehmendem Alter ebenfalls zurück.

Der Weg aus der Krise führt über Partnerschaft. Der jüdische Staat kann der Diaspora unersetzliche Hilfe bei der Stärkung ihres Erziehungswesens sowie ihres religiösen und geistigen Lebens leisten. Auf israelischer Seite gibt es eine lange Reihe von Organisationen und Einrichtungen, die an einem derartigen Programm teilnehmen möchten. Heute schon sind viele von ihnen auf eigene Faust um Diaspora-Projekte bemüht, doch kann nur eine Gesamtstrategie das bestehende Potenzial angemessen erschließen. Das läge auch in Israels eigenem Interesse: Vor dem Hintergrund geistiger Partnerschaft stiege das Verständnis für Israels Belange.

Partnerschaft Allerdings würde ein Programm dieser Art auch die Diaspora vor große Herausforderungen stellen. Landes- wie weltweit tätige Organisationen, aber auch einzelne Gemeinden müssten innerhalb ihres Wirkungskreises um Teilnehmer und Förderer werben, Informationsarbeit leisten und sich an der Durchführung der Maßnahmen beteiligen. Dennoch ist mit hoher Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass sich viele jüdische Einrichtungen dazu bereitfänden. Für die jüdische Gemeinschaft in der Bundesrepublik gilt das auf jeden Fall. Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland ist bereit, an Initiativen für eine neue Partnerschaft mitzuwirken. Ob es zu solchen Initiativen auch kommt? Bei dieser Frage ist man versucht, Theodor Herzl zu zitieren: Wenn ihr wollt, ist es kein Märchen.

Washington

Trump-Freund und Israel-Unterstützer: Senator Lindsey Graham ist tot

Gerade hatte der US-Republikaner Graham noch Kiew besucht, im November wollte er sich erneut zur Wahl stellen. Nun ist der langjährige Senator überraschend gestorben

 12.07.2026

Meinung

Wenn die Brandmauer bröckelt

Immer öfter erlebt unser Autor, dass die rechtsextreme AfD selbst in der gesellschaftlichen Mitte verharmlost wird. Ein persönlicher Erfahrungsbericht aus Düsseldorf

von Jacques Abramowicz  12.07.2026

Interview

Karin Prien: »Würde mit Davidstern-Kette nicht in bestimmte Stadtviertel«

Die Bundesfamilienministerin (CDU) über Einsparungen in ihrem Ressort, das Programm »Demokratie leben« und ihre persönliche Betroffenheit vom wachsenden Antisemitismus in Deutschland

von Alexander Riedel, Birgit Wilke  12.07.2026

Magdeburg

Die AfD und ihr Plan für Sachsen-Anhalt

Jubel für Ulrich Siegmund, Vorwürfe gegen die CDU und ein 100-Tage-Plan mit radikalen Forderungen – was die AfD in Sachsen-Anhalt nach der Landtagswahl vorhat

von Christopher Kissmann  12.07.2026

Teheran

Iranische Tageszeitung fordert Rache – auch gegen Merz

Die iranische Zeitung »Hamshahri« ruft in einer Online-Grafik zu Vergeltung gegen westliche Politiker auf. Darunter sind auch europäische Regierungschefs abgebildet

 12.07.2026

Maskat

Oman meldet Drohnenangriffe nahe Straße von Hormus

Der Oman hat sich im Iran-Krieg um eine möglichst neutrale Haltung bemüht, wurde aber auch selbst zum Ziel von Angriffen. Jetzt meldet das Land neue Drohnenangriffe

 12.07.2026

Meinung

Reformprogramm der Bundesregierung: Auf schmalem Grat

Ein Sozialstaat, der Sicherheit verspricht und Misstrauen praktiziert, ist ein Signal für jene Kräfte, die von Angst und Spaltung leben

von Günter Jek  12.07.2026

Erfurt

Voigt: Gespräch über Simson-Sonderstatus mit der EU

Die auf eine jüdische Familie zurückgehenden Simson-Mopeds sind mehr als DDR-Nostalgie: Sie können mit Tempo 60 fahren und verheißen jungen Leuten Mobilität. Doch Reimporte müssen langsamer fahren. Worin das Problem liegt

 12.07.2026

München

Anne Applebaum: Darum sollten CDU und AfD nicht kooperieren

Die jüdische US-Historikerin befasst sich mit den Gefahren für demokratische Gesellschaften. Im Interview mit der »Süddeutschen Zeitung« legt sie ihre Position zu Deutschland und Europa dar

 12.07.2026