9. November

»Gelebte Erinnerungskultur«

Zentralratspräsident Josef Schuster Foto: dpa

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, warnt davor, die Erinnerung an die Vernichtung der Juden und die Gräuel der Nazi-Zeit zu verdrängen.

Laut einer aktuellen Umfrage wollten 49 Prozent der Deutschen gerne einen Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit ziehen, erinnerte er in einem Gastbeitrag für die »Süddeutsche Zeitung« (Mittwoch) zum 9. November: »Ich würde diesen Menschen dringend empfehlen, sich mit einem Schoa-Überlebenden zusammenzusetzen. Noch leben einige von ihnen. Und ihre Traumata hallen noch in ihren Kindern und Enkeln nach und werden auch bei deren Nachfahren noch nicht verklungen sein.«

zeitzeugen »Ohne eine gelebte Erinnerungskultur gibt es auch keine demokratische Kultur der Bundesrepublik Deutschland«, fügte Schuster hinzu. Es sei eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Erinnerung zu bewahren und weiterzuentwickeln: »Bald wird es keine Zeitzeugen mehr geben. Gleichzeitig wächst die Zahl an Menschen, die keine biografischen Bezüge zur NS-Zeit haben. All das macht das verantwortungsbewusste Erinnern nicht leichter.«

Schuster schrieb von einem »Paradigmenwechsel« in Deutschland: »Die Erinnerung an den Holocaust steht zur Disposition.« Dazu trügen auch kalendarische Zufälle bei, etwa dass der Fall der Mauer 1989 auch am 9. November stattfand, dem Tag der Novemberpogrome von 1938, die den »Anfang vom Ende jüdischen Lebens in Deutschland« markierten.

2022 sei ein Beispiel dafür, dass die Erinnerungskultur von verschiedenen Seiten in Gefahr sei, so Schuster weiter. Dabei kritisierte er unter anderem Literaturnobelpreisträgerin Annie Ernaux und den früheren Pink-Floyd-Musiker Roger Waters, die immer wieder zum Israel-Boykott aufriefen. Außerdem werde Israel, die einzige Demokratie im Nahen Osten, oft als »kolonialistisches Projekt« diffamiert.

documenta Auch die documenta in Kassel habe »abstoßendste antisemitische Darstellungen, finanziert durch deutsche Steuergelder« gezeigt, ergänzte der Zentralratspräsident: »Dass so etwas mehr als 75 Jahre nach der Nazi-Barbarei in Deutschland möglich ist, hätte ich mir in meinen schlimmsten Albträumen nicht vorzustellen gewagt. Erschreckend waren dabei nicht nur die Vorkommnisse in Kassel, sondern wie damit umgegangen wurde.«

Israelfeindliche und antisemitische Haltungen »sind im internationalen Kulturbetrieb schon lange keine Außergewöhnlichkeit mehr«, ergänzte Schuster. Auch in Politik und Medien nähmen »Aussagen von geistigen Brandstiftern, wie nach meiner Überzeugung Gauland und Höcke« zu. Zudem führe die »Beharrlichkeit der AfD« dazu, »dass dieser Revisionismus auch im bürgerlichen Lager aufgegriffen wird« und dass etwa Historiker in renommierten Medien ein »Recht auf Vergessen« einforderten.

Für Mittwoch haben Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und der Zentralrat der Juden zu einer Tagung unter dem Titel »Wie erinnern wir den 9. November? Ein Tag zwischen Pogrom und demokratischen Aufbrüchen« ins Schloss Bellevue eingeladen. Dabei wollen Zentralratspräsident Josef Schuster, Historiker und Politologen darüber debattieren, wie Gedenktage in Deutschland gelingen können und die Erinnerungskultur weiter entwickelt werden sollte. kna

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