Mein verstorbener Mann, Rabbiner Leo Trepp, liebte den Rhein. Wenn er in seiner Geburtsstadt Mainz lehrte, saßen wir an lauen Sommerabenden manchmal am Ufer und schauten auf das Wasser, beobachteten die Menschen, die auf den Passagierschiffen zu sehen waren, und wunderten uns über die schweren Frachtschiffe, die sich beharrlich wie Nilpferde durch den Fluss schoben. »Während der Kreuzzüge war der Rhein rot mit dem Blut der Juden«, sagte er einmal in die Stille hinein.
In den darauffolgenden Jahrhunderten starben Juden in Pogromen in England, Frankreich oder Russland und wo immer die Mehrheitsgesellschaft einen Grund herbeifantasierte, eine winzige Minderheit auszubeuten, zu berauben und zu töten. Und dann kam die Schoa. Neben meinem Mann überlebten in seiner Familie sein Bruder und ein Cousin.
Der industrialisierte Massenmord als Kulmination eines Antisemitismus
Für Leo Trepp war der industrialisierte Massenmord die Kulmination eines Antisemitismus, dem die Juden allein nicht in der Lage waren, etwas entgegenzusetzen. Öffentlich sprach er über seine Erlebnisse auf beinahe analytische Weise. Seine Gefühle – der Schmerz und die Trauer – fanden erst in seinen letzten Wochen einen Weg, als er aus Albträumen erwachte und erzählte.
Wie kann man das als Gesellschaft erinnern? Den Verlust einer Familie? Einer Kultur? Einer Welt? Der Holocaust gehöre zu den Erfahrungen, die einen zum Schweigen verdammten, sagte der israelische Autor Aharon Appelfeld einmal in einem Gespräch mit Philip Roth. »Jede Aussage, jede Feststellung, jede Antwort ist klein, ohne Bedeutung und manchmal lächerlich. Und selbst die beste Antwort scheint belanglos.«
Vielleicht sollten wir heute fragen, worauf wir überhaupt eine Antwort wollen. Was sollen die Erfahrungen der Überlebenden uns lehren? Oder die Holocaust-Museen und zahlreiche andere Institutionen, die diese Erfahrungen vermitteln, indem sie an den Völkermord erinnern, und auf die wir uns, wenn auch die letzten Überlebenden nicht mehr da sein werden, ausschließlich verlassen müssen?
Was soll die Lehre aus der Schoa sein?
Was also soll die Lehre aus der Schoa sein? Für den amerikanischen Vizepräsidenten James David »JD« Vance ist sie beispielsweise das Versprechen, »nie wieder den dunkelsten Weg« zu gehen. Was das bedeutet, konnte man in seinem Tweet am diesjährigen Internationalen Holocaust-Erinnerungstag allerdings nicht erkennen. Die Juden kamen zumindest nicht vor. So ließ sich aus seinem »Nie wieder« alles machen. Oder eben nichts. Zumindest nichts Konkretes, das die Antisemiten in den Reihen seiner eigenen Partei, den Republikanern, verstören könnte.
In der Blase des universellen Nichtsagens fühlen sich Redner, Dozenten, Lehrer und Publizisten zunehmend sicher, wenn sie über die Schoa sprechen. Anfang des Jahres strahlte die BBC einen Beitrag über die Kindertransporte aus. Die überwältigende Mehrheit der rund 10.000 Jungen und Mädchen, die so 1938 und 1939 vor den Nationalsozialisten in Sicherheit gebracht wurden, war jüdisch. Die Redakteure erwähnten sie mit keiner Silbe.
Leo Trepp konnte der ihm zugedachten Opferrolle oft nicht entkommen.
In zahlreichen Holocaust-Museen in den Vereinigten Staaten enden Ausstellungen und Erzählungen nicht mehr mit Juden oder jüdischem Leben nach der Schoa, sondern mit anderen Genoziden. Nun kann niemand etwas dagegen haben, Menschen über die Massenverbrechen an den Tutsi in Ruanda oder über andere Völkermorde aufzuklären.
Mit der Aufklärung den Antisemitismus bekämpfen
Das Irritierende daran ist, dass man sich umso intensiver auf die Holocaust-Erziehung konzentriert, je mehr antisemitische Anschläge es gibt, mit der Aufklärung offensichtlich also auch den Antisemitismus bekämpfen will. Wie das gelingen soll, wenn nicht der jahrtausendealte Judenhass mit seinen irrationalen, hasserfüllten Stereotypen als einer der maßgebenden Gründe für die Schoa erklärt wird, bleibt ein Rätsel.
Stattdessen wird der Massenmord zu einer Art Moralmetapher dafür, was passieren kann, wenn Menschen sich nicht gegenseitig tolerieren, Vorurteile haben und sich nicht achten. Kurzum, wenn es an Liebe fehlt. Das alles ist nett, hat aber mit dem Mord an den Juden und der Erinnerung an sie wenig zu tun.
Auf der anderen Seite ist die Vereinnahmung der Opfer nicht neu. Als Elie Wiesels Erzählung Die Nacht 1958 auf Französisch veröffentlicht wurde, hatte er seine Erinnerungen bereits aufgeschrieben. 1954, auf Jiddisch, unter dem Titel Un die velt hot geshvign. An vielen Stellen wortgleich und doch mit einem anderen Tenor. Wütend und enttäuscht und mit dem Gedanken an Rache. Als ihn der Schriftsteller und Nobelpreisträger François Mauriac zum Schreiben der französischen Fassung motivierte, änderte sich der Ton. In seinem Vorwort gibt Mauriac der Geschichte eine beinahe christliche Wendung, wie die Literaturwissenschaftlerin Naomi Seidman schildert, indem er Wiesel als Lazarus beschreibt, auferstanden von den Toten, immer noch wandelnd zwischen Leichen.
Verweigerung der Opferrolle und der Zorn des Überlebenden
Während die französische Version mit dem fassungslosen Blick in den Spiegel endet, in dem Wiesel sich nach dem Lager zum ersten Mal als abgemagertes Skelett sieht, das aus ihm geworden ist, endet die jiddische Version damit, dass er den Spiegel mit geballter Faust zerschlägt und zehn Jahre später anklagt, dass die Täter wieder ihr Leben genießen – dass die Vergangenheit ausgelöscht sei. Worüber nicht gesprochen werden kann, weder in Französisch noch in anderen Weltsprachen, ist genau die Verweigerung dieser Opferrolle und der Zorn des Überlebenden, die sich in Un die velt hot geshvign finden.
Auch Leo Trepp konnte der ihm zugedachten Opferrolle oft nicht entkommen. Doch aus seiner Sicht hatten Juden auf Dauer keinen Platz in dieser Form von Erinnerungskultur. Schon 1988 setzt er sich in dem damals populären US-Magazin »Judaism« mit Möglichkeiten auseinander, der Opfer der Schoa in einem jüdischen Rahmen zu gedenken. Das geschah nicht nur, um, wie er schreibt, »uns der Einheit unseres Volkes über Zeit und Raum hinweg zu vergewissern«.
Für ihn machte es auf Dauer keinen Sinn, die Menschen, die über die Jahrhunderte als Juden verfolgt und getötet worden waren, im Tod und im Gedenken zu trennen. Vor allem aber drängte er darauf, Schlüsse aus dem unvorstellbaren Verlust zu ziehen. Frauen, Vaterjuden, nichtjüdische Partner von Juden – ihnen allen mussten die Rabbiner es aus seiner Sicht künftig leichter machen, zu gleichberechtigten Mitgliedern des Volkes zu werden. Sein Projekt hieß jüdische Zukunft. Natürlich stieß er damit auch auf Widerstand. Er debattierte, dachte, schrieb und lehrte. Zum Opfersein fehlte ihm die Zeit.
Es ist kein Zufall, dass, wann Juden getötet wurden, die Mörder auch ihre Bücher zerstörten.
Auf keine der zahlreichen Katastrophen hat das jüdische Volk mit Resignation geantwortet, sondern stets mit dem unbedingten Willen, weiterzugehen – seine Ethik und Kultur weiterzuentwickeln – und sich notfalls vollkommen neu zu erfinden. Wahrscheinlich hätte Rabbi Jochanan ben Sakkai es mit gelehrteren Worten gesagt. Doch letztlich tat er genau das, als er sich in einem Sarg aus Jerusalem herausschmuggeln ließ. Als der Tempel zerstört wurde, legte er in Jawne bereits die Grundlagen für das rabbinische Judentum. Wenn man so will, für eine intellektuelle jüdische Revolution.
Der Talmud steht für Selbstermächtigung, für den unbändigen Drang, es besser zu machen
Der Talmud selbst, dieses zweite Bein der Halacha, steht für diese Selbstermächtigung, für den unbändigen Drang, es besser zu machen, besser zu verstehen und, wenn nötig, zu ändern. Nach der Entdeckung des Talmuds habe die Kirche »ein Schock« durchfahren, schreibt der Historiker Jeremy Cohen.
Denn sie musste erkennen, dass die Juden, statt die ihnen zugedachte Rolle als Außenseiter auszufüllen, ihre Tora weiterentwickelt hatten. Dass sie nicht Opfer waren, die den anderen, wie geplant, vor Augen hielten, wie miserabel Menschen ohne den Erlöser Jesus dahinvegetierten, sondern kreative Denker, die aus ihren eigenen Texten neue Gedanken geformt und dadurch ihrer Religion und Ethik zusätzliche Stärke verliehen hatten.
Die Entdeckung gab dem Hass gegen die Juden einen neuen Schub. Es ist kein Zufall, dass, wann immer Juden verfolgt und getötet wurden, die Mörder auch ihre Bücher zerstörten, ihre Torarollen und Talmudbände. Dass sie auch ihr Denken und ihre Kultur auslöschen wollten.
Kann man diese Komplexität des Antisemitismus in die Erinnerungsarbeit eines Museums integrieren? Vielleicht kann man sich das Nachdenken darüber sparen. In den USA, wo weltweit die meisten Holocaust-Museen stehen, scheint es in eine ganz andere Richtung zu gehen. Es dürfte nicht weiter erstaunen, dass als Katalysator dafür Israel dient, über das der Schriftsteller Herman Wouk nach dem Sechstagekrieg schrieb, dass es »im Endeffekt das Warschauer Ghetto ist, das rechtzeitig Widerstand leistete und dadurch überlebte«.
Der jüdische Staat ist die landgewordene Ablehnung der Opferrolle
Der jüdische Staat ist die landgewordene Ablehnung der Opferrolle sozusagen. Doch wenn viele nicht einmal einen verhungerten KZ-Häftling verkraften, der sein Spiegelbild zerschlägt, weil er dieses Opfer nicht sein will – wie soll dann eine solche Öffentlichkeit mit Juden umgehen, die sich wehren? Die zurückschlagen? Die sich weigern, der Liebling der Welt zu sein, und dafür aber tot? In der Erinnerungsarbeit wird sich in den nächsten Jahren vieles ändern. Es ist abzusehen, dass es mit Juden, ihrem Denken und ihrer Kultur immer weniger zu tun haben wird.
Die Autorin gründete 2019 die Leo Trepp Stiftung, um das Wissen über jüdisches Leben im öffentlichen Bewusstsein zu verankern und das Andenken an Rabbiner Leo Trepp wachzuhalten.