Ortstermin

Ganoven und Pelmeni

Russland am Meer: In Brighton Beach geht es beschaulich zu. Es sei denn, das FBI kommt. Foto: Daniel Rosenthal

Brighton Beach im November: Die Sonne scheint, der Atlantik schickt immer neue grüne Wellen von Europa her, die sanft am Sandstrand unterhalb von Brooklyn verenden, und alles spricht Russisch. Die beiden alten Frauen auf der Parkbank zum Beispiel, die eine ganz in Rosa, die andere in Schwarz gekleidet. Sie haben Einkaufstüten dabei und gestikulieren heftig. Oder die beiden alten Männer ein paar Hundert Meter weiter, beide tragen altmodische Schiebermützen und scheinen sich über irgendetwas zu streiten. Vielleicht sagt der mit dem Schnurrbart: »Was für eine Schweinerei, was für Verbrecher. 42 Millionen Dollar!« Und womöglich ist sein Gesprächspartner gar kein Jude, sondern Antisemit und kommentiert: »Ihr verdamm- ten Itzigs seid Gauner, allesamt – sogar noch aus dem Holocaust schlagt ihr Geld.« Vielleicht reden die beiden aber auch nur übers Wetter.

Das Herz von Brighton Beach, besser als »Klein-Odessa« oder »Russland am Meer« bekannt, ist die gleichnamige Avenue, die immer im Schatten liegt, auch an diesem strahlenden Herbsttag. Über sie hinweg rattert auf Stelzen alle zehn Minuten der Q-Train in Richtung Manhattan. Hier ist es gut, wenn man ein bisschen Kyrillisch lesen kann, denn englische Ladenschilder sind in den Geschäften links und rechts der Straße rar gesät: »Apteka«, buchstabiert der Flaneur im Vorübergehen und »Advokat«. In den Lebensmittelläden liegt eine tolle Mischung aus Tvorog, russischem Hüttenkäse aus Pennsylvania, sauren Aprikosen aus Usbekistan, Kwas, einer Art Brotgetränk direkt aus Moskau, und Halva aus Israel. Ob die nette Frau, die dem Fremden hilft, seinen Lieblingskaffee aufzutreiben, schon von dem Skandal der Jewish Claims Conference gehört hat, und was sie wohl dazu denkt? »Njet«, sagt sie, »ich kümmere mich nicht um so was.« Ist ihr Lächeln eine winzige Spur blasser geworden? »Hier ist Ihr Kaffee. Drei Dollar 80.«

Ein paar Schritte weiter hat ein Zeitschriftenhändler seinen Stand aufgeschlagen, fast alle Blätter sind in kyrillischer Schrift. In einem von ihnen haben die Betrüger jene Anzeigen aufgegeben, mit denen sie nach russischsprachigen Juden suchten, die dann mit gefälschten Überlebensgeschichten ausgestattet wurden, damit sie bei der Claims absahnen konnten.

Ja, Brighton Beach ist eine Parallelgesellschaft. Hier unten am Fuß von Brooklyn kommt man an keine Wohnung, wenn man nicht dazugehört. Die Russen bleiben genauso unter sich wie die Chinesen drüben in Chinatown oder die Chassiden in Williamsburg. Und daran ist auch nichts verkehrt, so lange sich alle – wenigstens ungefähr – an die Gesetze des Landes halten.

Am Dienstag vergangener Woche wurde die vermeintliche Beschaulichkeit des russischen Einwandererviertels jäh durchbrochen. Am frühen Vormittag rückten Einheiten des FBI mit Blaulicht an, Bundespolizisten klopften laut an Türen und streckten elf überraschten Bewohnern Haftbefehle entgegen.

Nach der Razzia macht sich Zorn auf die Übeltäter breit. Die Nachbarschaftsvereinigung, die gewöhnlich auf seriöse Art den Anwohnern beim Ausfüllen ihrer Ansprüche an die Claims Conference hilft, hängt in großen Lettern die Namen der Angeklagten in ihr Schaufenster. »Wegen dieser Idioten werden die Leute mit legitimen Ansprüchen nun für die nächsten 100 Jahre schief angeschaut«, schimpft Pat Singer, die Chefin der Vereinigung. Kritiker der »Holocaust-Industrie« wie Norman Finkelstein dürften sich über diesen Vorfall die Hände reiben.

Ein paar Straßen weiter, im Obergeschoss von »International Foods«, kann man für eigentlich gar kein Geld Pelmeni oder Golubzi mit Smetana essen. Die Portionen werden einzeln abgeworgen, und der Gast zahlt nach Gewicht. Es ist warm genug, dass man mit seinem Tablett auf die Dachterrasse gehen kann. Dort sind zwei rauchende junge Männer in ein Gespräch vertieft. Haben sie schon von dem Skandal gehört? »Nein«, sagt der eine. »Klar«, sagt der andere und schnippt Asche von seinem Glimmstengel in einen Blechbecher. »Aber wen interessiert so was?« Der Erste: »Wie sind die Kohlrouladen? Gut? Dann hole ich mir auch ein paar.«

Exklusiv

Causa Georg Restle: Jetzt meldet sich WDR-Chefredakteurin Ellen Ehni zu Wort

Felix Schotland, Mitglied im WDR-Rundfunkrat und im Vorstand der Synagogen-Gemeinde Köln, beschwerte sich über einen X-Post des Journalisten Georg Restle. Nun bekam er eine Antwort

von Michael Thaidigsmann  13.08.2026

Florida

»Es geht um uns gegen den Juden«: Antisemitische Hetze im Wahlkampf

»Unsere Regierung ist nichts anderes als ein Werkzeug für jüdische Vorherrschaft«, schreibt der republikanische Vorwahl-Kandidat und Influencer Dan Bilzerian

 13.08.2026

Nahost

Ex-Botschafter Seibert fordert »klare europäische Position« zu Israel

Bis vor kurzem war er das Gesicht deutscher Diplomatie in Israel: Steffen Seibert. In einem Interview äußert er sich zu Grenzen der Staatsräson, Siedlungen, dem Terror der Hamas und gegen Boykotte

 13.08.2026

Geburtstag

Romani Rose wird 80: »Nie vergessen, zu welcher Unmenschlichkeit Menschen fähig sind«

Romani Rose kämpft gegen Vorurteile und Ausgrenzung. Der Minderheitenschutz ist für ihn eine tragende Säule der Demokratie. Nun wird der Heidelberger Bürgerrechtler 80 Jahre alt - und will weiter mitmischen

von Volker Hasenauer  13.08.2026

Meinungsfreiheit

Wenn Juden plötzlich Nazis sein sollen

Ein Gericht erklärt die Gleichsetzung von Hakenkreuz und Davidstern für zulässig. Kritiker sind irritiert

von Michael Thaidigsmann  13.08.2026

Sachsen-Anhalt

Polizeirabbiner vor der Wahl: Erstarken der AfD bereitet Sorgen         

Mehr Begegnung zwischen Juden und Nicht-Juden - das wünschen sich Deutschlands Polizeirabbiner. Sie bilden Polizeianwärter hierzulande fort und vermitteln jüdische Kultur. Seit fünf Jahren gibt es sie

von Nina Schmedding  13.08.2026

Hamburg

Haftbefehl gegen AfD-Politiker wegen offener Böhmermann-Kosten

Maximilian Krah bezeichnete den Satiriker als »einen Widerling« und erklärte, er zahle deshalb »nur widerwillig«

 13.08.2026

Hamburg

Gericht erklärt Kritik an Claim für zulässig: Journalist darf NGO »unsaubere« Zahlen vorwerfen

Der Investigativjournalist Sascha Adamek darf der Organisation vorwerfen, bei der Erfassung antimuslimischer Vorfälle mit »unsauber« erhobenen Zahlen gearbeitet zu haben. Die Hintergründe

 13.08.2026

Meinung

AfD als Sicherheitsrisiko

Es ist die Pflicht jedes Einzelnen, unsere Verfassung zu verteidigen und ein Überprüfungsverfahren anzustrengen. Verbieten kann nur unser freiheitlich-demokratischer Rechtsstaat

von Roderich Kiesewetter  13.08.2026