Bundestagswahl

»Friedlich und demokratisch«

Deutschland hat gewählt: Stimmverteilung zur Bundestagswahl 2013 Foto: Frank Albinus

Ilja Richter, Schauspieler und Moderator, Berlin
»Ich persönlich habe den Wahlkampf als außerordentlich langweilig empfunden. Wir spazieren fröhlich ins Biedermeier. Bis auf die Überraschung der abgestraften FDP bot die Bundestagswahl keinerlei Überraschung. Natürlich bleibt Frau Merkel weiterhin am Ruder. Genau das wurde seit Monaten ja auch in sämtlichen Wahlprognosen vorhergesagt. Beachtlich ist letztlich nur, wie überlegen sie die Wahl für sich entschieden hat. Theoretisch ist Rot-Rot-Grün zwar noch denkbar. Das aber wird es nicht geben. Die SPD ist viel zu ängstlich. Sie krankt daran, eine lavierende und allzu vorsichtige Partei zu sein. Rot-Rot-Grün wäre so links, wie es sich die SPD niemals wagen würde zu sein.«

Lala Süsskind, ehemalige Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin
»Ich bin relativ zufrieden mit dem Wahlergebnis und hoffe, dass wir nun eine wunderbare Bundesregierung bekommen werden. Schade finde ich nur, dass die FDP an der Fünf-Prozent-Hürde gescheitert ist. Zusammen mit den Liberalen hätte die CDU eine satte Mehrheit zum Regieren gehabt. Ob die Wiederwahl Angela Merkels positiv oder negativ für den jüdischen Staat ist? Natürlich gut! Mit gutem Grund ist die Kanzlerin in Israel überaus beliebt.«

Ralph Giordano, Schriftsteller und Publizist, Köln
»Ich möchte nicht den geringsten Zweifel daran lassen, dass ich Frau Merkel gewählt habe. Entscheidend dafür war für mich ihre Haltung zu Israel, die keine Selbstverständlichkeit in der deutschen Parteienlandschaft ist. In dieser Hinsicht habe ich zur Bundeskanzlerin enorm großes Vertrauen. Das habe ich ihr in persönlichen Gesprächen auch schon des Öfteren gesagt. Was mich ebenfalls sehr bewegt, ist die Art und Weise, wie gestern in Deutschland ein Machtwechsel stattgefunden hat: friedlich, demokratisch, unblutig. Was für ein Kontrast zu vielen anderen Staaten in der Welt! Dort gehen Machtwechsel mit Aufruhr, Blutvergießen und Mord einher. Was haben wir doch Glück mit unserer Demokratie! Wie froh wir über diesen Umstand sein können!«

Marian Offman, IKG-Gemeindevorstand und CSU-Stadtrat, München
»Ich sehe die AfD momentan als gefährlichen Gegner der Demokratie. Das, was ihr Vorsitzender Bernd Lucke gestern verbreitet hat: Wir befänden uns in einer ›Entartung der Demokratie‹ und der Umstand, dass auf ihrer Webseite in Ansätzen der Hitlergruß gezeigt wird, zeigt dass die Partei offensichtlich von Rechtsradikalen unterwandert ist. Wir müssen alles dagegensetzen, dass sich ein so hoher Stimmenanteil für sie etwa bei der Europawahl im nächsten Jahr nicht wiederholt. Es kann sein, das unter Umständen ein solch durchaus charismatischen Persönlichkeit wie Herr Lucke das rechte Lager sammeln kann.«

Margot Friedlander, Schoa-Überlebende, Berlin
»Ich bin nun 92 Jahre alt und habe gestern zum ersten Mal in meinem Leben in Deutschland gewählt. Als Schoa-Überlebende wollte ich nach 1945 nichts mehr von Deutschland wissen und bin in die USA emigriert. Erst vor drei Jahren bin ich aus New York nach Berlin zurückgekehrt, wo ich geboren wurde und aufgewachsen bin. Die deutsche Staatsbürgerschaft besitze ich erst wieder seit Kurzem. Für mich war es jetzt daher auch nicht so zentral, wen ich wähle. Viel wichtiger ist mir, dass ich wählen konnte.«

Michael Szentei-Heise, Verwaltungsdirektor der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf
»Wir gehen zwar davon aus, dass die politischen Beziehungen der Bundesrepublik zu Israel auch durch eine SPD-geführte Regierung kein Deut schlechter wäre als unter Angela Merkel. Dennoch haben wir die positive Gewissheit, dass die vergangene und künftige Bundeskanzlerin mit außerordentlich deutlichen Gesten, Worten und Taten zum Staat Israel steht und auch ein Garant für diese Position bleiben wird. Insoweit betrachten wir das Wahlergebnis als positiv für die Beziehungen beider Länder. Die einzige Frage, die sich in diesem Zusammenhang in den nächsten Wochen stellen wird, ist, welche Person der künftige Außenminister sein wird beziehungsweise welche politische Partei ihn in der Regierung stellen wird. Das Ergebnis wird man zur gegebenen Zeit prüfen und eventuell neu bewerten müssen, denn jeder Außenminister – wie auch jeder sonstige Minister – bringt seine eigenen Auffassungen und seinen eigenen Stil mit.«

Peter Schüler, Präsident Stadtparlament, Potsdam
»Was die AfD programmatisch erklärt, halte ich für ausgesprochen gefährlich. Es beunruhigt mich, dass man mit sich feindlich abgrenzenden und rechten Programmen so viele Stimmen in Deutschland zusammenbekommt. Das Programm gibt sich den Anschein, sehr breit gefächert zu sein, und greift Themen von vielen anderen Parteien auf. Aber für mich vertritt die AfD gravierendste Anti-Ausländer-Positionen, wie die gegen Sinti und Roma gerichteten Positionen. Das sehe ich mit großem Misstrauen. Ich hoffe, dass das nur ein kurzes Aufflammen der Partei ist.«

Andrej Hermlin, Pianist und Bandleader, Berlin
»Als Linke-Mitglied bin ich natürlich nicht zufrieden mit dem Ausgang der Bundestagswahl. Wir haben kräftig verloren im Vergleich zu den letzten Wahlen. Immerhin sind wir dennoch drittstärkste Partei geworden. Wenn man sieht, wo Die Linke vor 15 Jahren stand, ist das sehr beachtlich. Dass es zu einer rot-rot-grünen Koalition kommen wird, halte ich für völlig ausgeschlossen. Damit würden sich SPD und Grüne ins Knie schießen, wenn sie nun entgegen ihrer Auskunft im Wahlkampf mit der Linken koalieren würden. Ich bin zudem der Ansicht, dass es nicht genügend Gemeinsamkeiten für Rot-Rot-Grün gibt.«

Zusammengestellt von Philipp Peyman Engel und Heide Sobotka

Berlin

Josef Schuster für Bestrafung der Leugnung von Israels Existenzrecht

Der Zentralratspräsident stellt sich hinter das Vorhaben aus Hessen. Derweil sind einige Strafrechtler skeptisch

 18.05.2026

Interview

»Sonntagsreden reichen nicht«

Hessens Justizminister Christian Heinz will, dass Aufrufe zur Vernichtung Israels künftig unter Strafe stehen. Wie lässt sich ein solcher Eingriff in die Meinungsfreiheit begründen? Ein Gespräch über Staatsräson, den Schutz jüdischen Lebens und Mehrheiten im Bundesrat

von Joshua Schultheis  18.05.2026

Mailand

Provokantes »Hitler mit Kufiya«-Mural bei israelfeindlicher Demonstration aufgetaucht

Nach Angaben des Künstlers versteht sich die Aktion als Warnung vor wachsender gesellschaftlicher Radikalisierung und der zunehmenden Normalisierung antisemitischer Sprache

 18.05.2026

Washington D.C.

Mutmaßlicher Drahtzieher von Angriffen auf jüdische Einrichtungen vor Gericht

Auch für einen Brandanschlag auf ein jüdisches Restaurant in München soll Mohammad Baqer Saad Dawood Al-Saadi verantwortlich sein

 18.05.2026

Initiative

Offener Brief jüdischer Organisationen an Berliner Senatorin

Nachdem eine Klage des jüdischen Studenten Lahav Shapira gegen die Freie Universität Berlin für unzulässig erklärt worden ist, fordern jüdische Organisationen eine Gesetzesänderung

 18.05.2026 Aktualisiert

Potsdam

Forscher: Offenheit für AfD wächst trotz mehr Radikalität

Der Extremismusforscher Botsch erklärt, warum die Bereitschaft wächst, die zumindest in Teilen rechtsextremistische Partei zu wählen - ungeachtet ihrer Entwicklung

von Marc-Oliver von Riegen  18.05.2026

Ramallah

Abbas will blockierte Gelder als Terror-Renten verwenden

In Zusammenhang mit Israels Entscheidung, Teile der Steuereinnahmen für die PSA einzubehalten, spricht der Palästinenserpräsident von einem Rechtsbruch, will aber weiterhin illegale Terror-Renten bezahlen

 18.05.2026

Pilsen

Wie es mit Marla Svenja Liebich weitergehen könnte

Nach monatelanger Fahndung wurde die Rechtsextremistin gefasst. Seit einigen Wochen sitzt sie in Tschechien in Haft. Ein Gericht dort will nun über eine Auslieferung entscheiden

 18.05.2026

Washington D.C.

Trump zu Iran: »Die Uhr tickt«

Die Angriffe gegen das iranische Regime, dessen Revolutionsgarden und Atomanlangen könnten diese Woche wiederaufgenommen werden

 18.05.2026