Parlamentswahlen

Frankreichs Juden im Parteien-Dilemma

Am Sonntag wird in Frankreich gewählt: der linksextreme LFI-Parteichef Jean-Luc Mélenchon und die Kandidatin des rechtspopulistischen Rassemblement National, Marine Le Pen Foto: picture alliance / abaca

Das politische Erdbeben der Europawahlen hat Frankreich bis ins Mark durchgeschüttelt. Es war ein Erdbeben mit Ansage. Das Nachbeben aber war unerwartet und kaum weniger heftig: Mit seiner Ausrufung kurzfristiger vorgezogener Neuwahlen am 30. Juni und 7. Juli hat Präsident Emmanuel Macron alle überrascht, auch sein eigenes geprügeltes Lager.

In der bürgerlichen Mitte gibt es nun Absetzbewegungen nach rechts. Was macht das mit der jüdischen Minderheit im Land? Jüngste Aussagen von Serge Klarsfeld, einer Leuchtturmgestalt des französischen Judentums, machen das Dilemma deutlich.

Doch zuvor ein paar Zahlen: Unter den rund sechs Millionen Muslimen in Frankreich stimmten laut einer Nachwahlumfrage knapp zwei Drittel (62 Prozent) für die linkspopulistische Liste La France Insoumise (LFI); der rechtsextreme RN erhielt von dieser Wählergruppe nur 6 Prozent. Auch bei der Präsidentenwahl 2022 hatte LFI-Parteichef Jean-Luc Melenchon bei Muslimen eine Zustimmung von 69 Prozent. Die europaskeptische Partei fiel im Wahlkampf durch israelfeindliche Töne auf; auch immer wieder solche, die Juden in Frankreich als klar antisemitisch einstuften.

Kein Wunder, dass sich der jüdische Dachverband (Conseil representatif des institutions juives de France, CRIF) teils heftige Schlagabtausche mit Melenchon lieferte. Kein Wunder auch, dass die jüdische Community jede Annäherung und jedes Paktieren anderer Parteien des linken Spektrums mit La France Insoumise als »Pakt mit dem Teufel« verurteilen; erst recht das für die Parlamentswahlen neu gegründete Linksbündnis Nouveau Front populaire (NFP), das LFI einschließt.

»Ohne zu zögern«

Diese Perspektive ist eine so ganz andere, als die meisten deutschen Beobachter auf die politische Entwicklung in Frankreich haben. Hier schaut man gebannt nach rechts, wo Marine Le Pen, nun wieder mit ihrer Nichte Marion Marechal, zum Flügelsturm ansetzt.

Serge Klarsfeld nun, 88-jähriger Anwalt und Historiker, hat für sich eine Entscheidung getroffen; eine überraschende Entscheidung und eine, die in der jüdischen Community für Entsetzen und Empörung sorgt. Von einem Journalisten wurde er gefragt, wen er, der sein Leben der Erinnerung an den Holocaust und der Verteidigung jüdischen Lebens gewidmet hat, wählen würde, wenn im zweiten Wahlgang nur noch das Linksbündnis NFP und der rechtspopulistische Rassemblement National stünde. Und Klarsfeld erklärte, er wäre dann bereit, für den RN zu stimmen; und zwar »ohne zu zögern«.

Der Rassemblement National, Nachfolgepartei des Front National von Jean-Marie Le Pen, steht namentlich in der Tradition des Rassemblement National Populaire (RNP, Nationaler Zusammenschluss des Volkes), einer rechtsextremen Partei, die unter dem Vichy-Regime ab 1941 für eine Kollaboration mit Nazi-Deutschland eintrat.

Über Jahrzehnte hat sich Klarsfeld einen Namen gemacht mit dem Gedenken an deportierte Juden und der Jagd auf ehemalige Nazis. Doch, so stellte er klar: »Die Achse meines Lebens ist die Verteidigung des jüdischen Gedächtnisses, die Verteidigung verfolgter Juden, die Verteidigung Israels. Doch nun bin ich mit einer extremen Linken konfrontiert, die unter dem Einfluss von La France Insoumise für antisemitische Untertöne und gewalttätigen Antizionismus steht.«

»Eine Falle!«

»Er tappt in eine Falle!«, so lautete eine Reaktion aus der jüdischen Gemeinde - die mehrheitlich ein »weder - noch« befürwortet: weder RN noch La France Insoumise. CRIF-Präsident Yonathan Arfi warf Melenchons LFI unter anderem vor, »Judenhass zu seiner Wahlkampfsache« gemacht zu haben. Am selben Tag verurteilte er allerdings auch den spektakulären Flirt des Vorsitzenden der bürgerlich-konservativen Republicains (LR), Eric Ciotti, mit dem RN. Jede Wahlvereinbarung mit der Le-Pen-Partei sei entschieden abzulehnen und wäre »ein Verrat an den Grundwerten der republikanischen Rechten«.

Auch Frankreichs Oberrabbiner Haim Korsia sieht den einzig richtigen Weg durch die schwere See in dem schmalen verbliebenen bürgerlichen Korridor. Keine Stimme für die Extremen: Diese Empfehlungen lief freilich schon bei der Europawahl ins Leere. Und da gab es nur einen Wahlgang.

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