Chemnitz

»Es reicht nicht, nur Gesetze zu beschließen«

Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland Foto: dpa

Der Zentralrat der Juden in Deutschland dringt auf mehr Widerstand der Gesellschaft gegen Antisemitismus.

»Es ist nicht Aufgabe von uns Juden allein, Vorurteile gegenüber uns zu entkräften«, sagte Zentralratspräsident Josef Schuster am Montag in Chemnitz bei einem Festakt der Jüdischen Gemeinde anlässlich der Jahrestage ihrer Gründung vor 135 Jahren und ihrer Wiedergründung vor 75 Jahren. »Das ist vor allem Aufgabe der Politik, der Zivilgesellschaft, der Medien«, erklärte er.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

internet »Antisemitismus ist keine Meinung, Antisemitismus ist ein Verbrechen«, betonte Schuster. Er begrüßte, »dass in letzter Zeit die Betreiber der sozialen Netzwerke aufgewacht zu sein scheinen, was den Hass im Internet angeht«.

»Antisemitismus ist keine Meinung, Antisemitismus ist ein Verbrechen«, betonte Josef Schuster.

Notwendig sei dort »aber immer noch mehr Engagement gegen den Antisemitismus, und auch ein klares, unerbittliches Auftreten von Polizei und Staatsanwaltschaften bei der Anwendung bestehender Gesetze«, forderte der Zentralratspräsident. »Es reicht nicht, nur Gesetze zu beschließen, man muss sie auch anwenden und das nötige Personal bei Polizei und Justiz einstellen.«

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Mit Blick auf die Corona-Proteste warnte Schuster vor der Verbreitung von Verschwörungsmythen. Die Einschränkung von Freiheitsrechten in der Pandemie sei eine Bewährungsprobe und tue weh. »Und doch sollten wir uns alle hüten, diese als eine Art ›Staatsstreich von oben‹ anzusehen und wilde Verschwörungstheorien in Umlauf zu setzen«, betonte er.

geschichte »Erstens gibt es von der Sorte schon genug«, erklärte Schuster. Zweitens werde »etwas Falsches nicht dadurch richtig, dass man es hunderttausendfach wiederholt«. »Gerade die deutsche Geschichte sollte uns da eine Lehre sein«, betonte er in seiner Rede bei der Jubiläumsfeier.

Mit Blick auf den wachsenden Antisemitismus in Deutschland, den Anschlag von Halle am 9. Oktober 2019 und den rechtsextremen Teil der AfD erklärte Schuster, er sehe »die dunklen Wolken, die sich da am Horizont auftun«. Er sei jedoch auch Optimist und habe – etwa beim Zusammenbruch des Ostblocks 1989 – miterlebt, »wie schnell, ja, urplötzlich sich Dinge auch zum Besseren wandeln können, wenn man nur gemeinsam und mit Nachdruck darauf drängt«.

Das Judentum gehöre seit 1700 Jahren zu Deutschland, bekräftigte der Präsident des Zentralrats.

Das Judentum gehöre seit 1700 Jahren zu Deutschland, bekräftigte der Präsident des Zentralrats. Für sein Wiederaufblühen nach 1945 seien vor allem die Gemeinden vor Ort verantwortlich. »Juden haben dieses Land schon immer mitgeprägt, wir waren und sind ein Teil davon, und wir lassen uns aus unserer Heimat nicht verjagen«, betonte Schuster.

zuwanderung Der Zentralratspräsident würdigte auch den Beitrag des langjährigen Gemeindevorsitzenden Siegmund Rotstein sel. A. (1925–2020), der im August starb, zur Integration jüdischer Zuwanderer aus Osteuropa und zum Bau der 2002 eröffneten neuen Synagoge. Vor dem Festakt hatten sich Schuster und die Gemeindevorsitzende Ruth Röcher ins Goldene Buch der Stadt Chemnitz eingetragen.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Die Jüdische Gemeinde von Chemnitz wurde 1885 offiziell als Körperschaft des öffentlichen Rechts gegründet. 1923 hatte sie 3500 Mitglieder. Nach dem Völkermord der Nationalsozialisten an den Juden gründeten 57 überlebende Mitglieder die Gemeinde erneut. Heute zählt die Gemeinde rund 600 Mitglieder.

ENTWICKLUNG Sachsens Staatskanzleichef Oliver Schenk (CDU) betonte, jüdische Persönlichkeiten hätten in Chemnitz in bewegenden 135 Jahren einen »großen Beitrag« zur wirtschaftlichen und kulturellen Entwicklung geleistet. Angesichts der Umstände sei die Wiedergründung der Gemeinde nach der Nazi-Herrschaft »noch bedeutsamer« als die ursprüngliche Gründung 1885.

Aus ihr spreche »der ungeheure Lebensmut eines jahrtausendealten Volkes. Schenk betonte, es sei «Teil der sächsischen Staatsraison», alles zu tun, «dass Juden hier sicher und unbehelligt leben können». kna/epd/ja

Lesen Sie mehr zu diesem Thema in unserer Ausgabe am Donnerstag.

Auszeichnung

Ehrenamtspreis für jüdisches Leben geht nach Köln und Berlin

Bereits zum vierten Mal wird der Ehrenamtspreis für jüdisches Leben verliehen. In diesem Jahr werden Projekte geehrt, die vor allem auf einen niederschwelligen Zugang setzen

von Birgit Wilke  14.07.2026

Medien

Wechsel im ARD-Studio Tel Aviv: Sophie von der Tann wird abgelöst

Während der BR seine Korrespondentin in höchsten Tönen lobt, wurde extern immer wieder heftige Kritik geübt. Von der Tanns Nachfolgerin in Israel ist Pia-Marie Steckelbach

 14.07.2026

Kommentar

Wenn Studenten wieder anfangen, Juden auszugrenzen

Es sind Beschlüsse wie der Boykott-Beschluss des Studierendenparlaments der Humboldt-Uni, bei denen man sich unwillkürlich fragt, ob die zukünftige sogenannte deutsche Bildungselite noch zu retten ist

von Leeor Engländer  14.07.2026

München

Bayerns 180-Grad-Restitutionswende

Der Freistaat hat sich entschieden, eine Bronze von Picasso zurückzugeben und dabei gleich seinen Umgang mit NS-Raubkunst zu reformieren

von Michael Thaidigsmann  14.07.2026

Faktencheck

Henry Kissinger wollte die »weiße Rasse« nicht beseitigen

Dem früheren US-Außenminister Henry Kissinger werden immer wieder völlig frei erfundene Zitate zugeschrieben. Etwa, dass er die »weiße Rasse« durch multikulturelle Gesellschaften habe ersetzen wollen

 14.07.2026

Washington D.C.

Trump droht mit Angriff: Was über »Pickaxe Mountain« bekannt ist

Den Berg, der eine Atomanlage beherbergt, bezeichnet der US-Präsident als mögliches Ziel für einen »großen, fetten« Angriff

 14.07.2026

Osnabrück/Doha

Iron-Dome-Deal zwischen Israel und VW droht an Katar-Veto zu scheitern

Ein Verteidigungsdeal mit Israel und Hunderte Arbeitsplätze am VW-Standort Osnabrück sind in Gefahr, da der katarische Staatsfonds blockiert

 14.07.2026

Washington D.C.

USA-Iran-Rahmenabkommen: Was hat Trump überhaupt erreicht?

Groß war der Jubel des US-Präsidenten, als er mit der Führung im Iran ein vages Rahmenabkommen erzielte. Knapp einen Monat später stellt sich jedoch die Frage: Was ist davon noch übrig?

von Franziska Spiecker, Khang Mischke  14.07.2026

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Lionel Messis Herkunft und Sympathien rumoren, erzählt der Sohn eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  14.07.2026 Aktualisiert