Standpunkt

Es reicht!

Philipp Peyman Engel, Chefredakteur der Jüdischen Allgemeinen Foto: Marco Limberg

Standpunkt

Es reicht!

Wie muslimischer Antisemitismus das jüdische Leben in Deutschland gefährdet – vor allem nach den Hamas-Pogromen vom 7. Oktober

von Philipp Peyman Engel  15.11.2023 16:59 Uhr

Sie kamen am frühen Morgen und hatten nur ein Ziel: möglichst viele Juden zu töten. Mehr als 1200 Israelis ermordeten die Terroristen der Hamas am 7. Oktober im Süden Israels. Unter den Toten waren – man muss es so klar benennen, um das Ausmaß des Grauens zu erfassen – Babys, Kinder, Jugendliche, Frauen, Eltern, Behinderte, Greise und Holocaust-Überlebende.

Es ist der dunkelste Moment in der Geschichte Israels und der dunkelste Tag in der Geschichte des jüdischen Volkes nach 1945. An keinem anderen Tag nach der Schoa wurden mehr Juden ermordet als am Schabbat des 7. Oktober 2023. Seitdem befindet sich die jüdische Gemeinschaft weltweit im Schockzustand. Das Entsetzen, die Fassungslosigkeit und die Trauer sind auch mehr als fünf Wochen nach diesem Massaker grenzenlos.

Nicht nur in Israel, auch in Deutschland ist die jüdische Gemeinschaft in höchstem Maße gefährdet.

Viele von uns gehen in diesen Tagen mit Meldungen wie dem versuchten Pogrom in Dagestan ins Bett und wachen mit der Nachricht auf, dass die in den Gazastreifen verschleppte 22-jährige Deutsch-Israelin Shani Louk von ihren Peinigern ermordet wurde.

Doch nicht nur in Israel, auch in Deutschland ist die jüdische Gemeinschaft in höchstem Maße gefährdet. Die Bedrohung war wohl noch nie so akut wie jetzt. Seitdem Israel sich gegen den Terror wehrt, erlebt die Bundesrepublik eine beispiellose Welle an judenfeindlichen Ausschreitungen.

Bei Kundgebungen in Berlin, Essen oder Frankfurt verurteilten die Demonstranten nicht etwa das Abschlachten unschuldiger israelischer Zivilisten, stattdessen wurden der Tod von Juden bejubelt, massenhaft antisemitische Slogans skandiert und ein judenreines Palästina »from the river to the sea« gefordert. Die Polizei ist guten Willens, doch angesichts der Masse aufgebrachter und oftmals auch gewaltbereiter, überwiegend arabisch- und türkischstämmiger Demonstranten heillos überfordert. Es ist ein Stück Kontrollverlust des Staates, um genau zu sein, die zeitweise Auflösung des staatlichen Gewaltmonopols.

Arabische Jugendliche sagen im Gespräch mit Journalisten, dass sie sich Adolf Hitler zurückwünschen und rufen »Vergast die Juden«.

Hätte jemand es bis vor Kurzem für möglich gehalten, dass das Holocaust-Mahnmal in Berlin von Polizisten beschützt werden muss, damit es nicht von einem aufgebrachten »pro-palästinensischen« Mob gestürmt wird? Dass arabische Jugendliche im Gespräch mit Journalisten sagen, dass sie sich Adolf Hitler zurückwünschen und »Vergast die Juden« rufen? Dass Juden sich fragen, ob sie noch eine Zukunft im eigenen Land haben?

Die Angst ist groß unter den Juden in Deutschland – und sie ist tief verankert in den historischen Pogromerfahrungen. An zwei Wochenenden hintereinander hatte die Hamas im Oktober weltweit zu einem »Tag des Zorns« aufgerufen, was nichts anderes als ein Aufruf war, Juden zu ermorden. An einem der beiden Tage blieben meine Kinder – wie so viele andere jüdische Kinder auch – zu Hause und besuchten nicht ihre jüdische Kita. Bei allem Mut und aller Entschlossenheit, dass wir uns nicht von einem judenfeindlichen Mob tyrannisieren lassen wollen – an diesem Tag siegte die Angst.

Wer verstehen will, was es bedeutet, im Jahr 2023 in Deutschland Jude zu sein, fast auf den Tag 85 Jahre nach den Novemberpogromen, der muss nur die Nachrichten vom Wochenende zur Kenntnis nehmen: Ein libyscher Asylbewerber verübt einen Brandanschlag auf die Synagoge in Erfurt, in Berlin schlägt ein Dönerbuden-Besitzer auf einen israelischen Filmemacher ein, und in Frankfurt wird ein Rabbiner vor seinem Hotel antisemitisch beleidigt – die Liste dieser Vorfälle wird immer länger, und zwar jeden Tag.

Der Hamas-Terror wird verherrlicht, die Ermordung von Juden gefeiert – mitten in Berlin.

All das hinterlässt tiefe Spuren. In den vergangenen Tagen wurde ich von nichtjüdischen Journalistenkollegen oft gefragt, ob die jüdische Gemeinschaft in Deutschland wieder auf gepackten Koffern sitze. Ganz ohne Polemik würde ich die Frage so beantworten: Warum sollten ausgerechnet wir Juden die Koffer packen? Wer keinen Aufenthaltstitel hat und antisemitisch hetzt, muss ausgewiesen werden. Wer einen Aufenthaltstitel hat oder deutscher Staatsbürger ist, der muss strafrechtlich verfolgt und im Rahmen der Möglichkeiten hart bestraft werden.

Aus Angst vor einem Schub für den Rechtsextremismus, der ebenfalls eine Kampfansage an unsere liberale Demokratie gerichtet hat, darf man sich der Realität nicht verweigern. Zentralratspräsident Josef Schuster brachte es jüngst auf den Punkt: »Nicht alle gesellschaftlichen Konflikte, die durch Migration erzeugt werden, haben etwas mit Diskriminierung oder Rassismus zu tun. Sie zu verleugnen, wäre der wahre Affront auch gegenüber dem Großteil der friedlichen in Deutschland lebenden Muslime.«

Werden diese Maßnahmen ausreichen? Sicher nicht. Neben dem wehrhaften Rechtsstaat ist es wichtig, junge Menschen mit antisemitischen Einstellungen in Erziehung und Schule mit pädagogischen Mitteln in richtiges Fahrwasser zu bringen. Ob es dann reichen wird? Unklar. Aber es gibt keine andere Lösung.

Wer keinen Aufenthaltstitel hat und antisemitisch hetzt, muss ausgewiesen werden.

Vor genau drei Jahren hielt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in New York zum Erhalt der Leo-Baeck-Medaille eine bemerkenswerte Rede. Darin würdigte er das »Wunder der Versöhnung« zwischen Deutschen und Juden – und konstatierte: »Nur wenn Juden sich vollkommen sicher fühlen, ist Deutschland ganz bei sich.«

Es ist eine bittere Erkenntnis nach den zurückliegenden sehr schwarzen fünf Wochen: Deutschland ist außer sich. Noch nie war die Bundesrepublik so weit von sich und ihren Werten entfernt wie jetzt. Und keiner kann abschätzen, ob oder wann und unter welchen Umständen sich das wieder ändern wird.

engel@juedische-allgemeine.de

Berlin

»Ich will mich nicht verstecken«

Ron Dekel wurde angepöbelt, weil er eine Kippa trug. Ein Video davon ging viral, er wurde im Netz beleidigt, man lauerte ihm vor der Synagoge auf. Hier spricht der Präsident der Studierendenunion darüber, was ihm passiert, seitdem er sich sichtbar als Jude zeigt

von Mascha Malburg  27.04.2026

Kunstwelt

»100 Euro für einen Picasso«

Der französische Informatiker Ari Hodara über den unerwarteten Gewinn eines Millionen Euro teuren Gemäldes

von Nicole Dreyfus  27.04.2026

Berlin

Wadephul: UN muss Verantwortung im Iran-Krieg übernehmen

Der Bundesaußenminister reist zu den Vereinten Nationen nach New York. Im Zentrum des Besuchs steht der Iran-Krieg. Doch es geht auch um die Rolle der Weltorganisation insgesamt

 27.04.2026

Hamburg

Mutmaßlicher Block-Entführer: »Ich bin kein Verbrecher«

Er ist ein weiterer mutmaßlicher Entführer der Block-Kinder, den das Landgericht befragt. Der Israeli berichtet, was seine Aufgabe bei der Rückholaktion war

 27.04.2026

Brüssel

Von der Leyen: Lockerung von Iran-Sanktionen wäre verfrüht

Der Kanzler stellt dem Iran eine Lockerung der Sanktionen in Aussicht, wenn Teheran eine Reihe von Bedingungen erfüllt. In der EU stößt er damit auf Skepsis

 27.04.2026

Stuttgart

Skandal im Gericht: Anwälte proben Aufstand

Israelfeindliche Aktivisten stehen in Stammheim vor Gericht. Der Auftakt wird zum Eklat. Gericht und Verteidigung geraten beispiellos aneinander

 27.04.2026

Nahost

Verdrehte Moral

Es ist geradezu atemraubend, mit welcher Inbrunst das Opfer-Täter-Verhältnis hierzulande verkehrt wird, wenn es um Israels Reaktion auf islamistische Terrororganisationen geht

von Jacques Schuster  27.04.2026 Aktualisiert

Nahost

Iran bietet USA Abkommen zur Öffnung der Straße von Hormus an

Gerade hatte Präsident Trump seine Vermittler zurückgerufen, als Teheran einen Vorschlag unterbreitete. Dieser klammert das iranische Atomprogramm vorerst aus

 27.04.2026

Anschlag

Hakenkreuz an Synagoge in Cottbus

Innerhalb weniger Tage ist die Cottbuser Synagoge zweimal von Unbekannten beschmiert worden. In der Nacht zum Montag wurde an der Fassade ein Hakenkreuz entdeckt. Zeitgleich wurde ein alternatives Wohnprojekt mit einer Rauchbombe attackiert

 27.04.2026