Krise

Es geht bergab

Integration versus Dow-Jones-Kurve: Russische Immigranten, wie hier in Brighton Beach, werden die Einsparungen besonders zu spüren bekommen., Foto: Daniel Rosenthal

Es war ein Moment der Hoffnung, unerwartet, aber auch ein wenig erschreckend: Gabrielle Giffords kehrte nach Washington zurück – für wenige Minuten. Giffords, eine jüdische Abgeordnete der Demokraten, war vor einem guten halben Jahr von einem Attentäter in den Kopf geschossen worden. Niemand glaubte zunächst, dass sie überleben würde, aber nach einer langen Behandlung kann sie wieder laufen und sprechen.

Und so erschien sie zur Abstimmung über den Kompromiss zum Bundeshaushalt am 1. August, um ihre Stimme abzugeben – sie stimmte mit Ja. Noch sah man ihr die Strapazen an. Sie wirkte abgemagert, die Haare waren kurz geschoren, die Kopfverletzung war zu erkennen, und sie konnte den rechten Arm nicht bewegen. Aber Giffords will ihren Sitz im Kongress wieder einnehmen, sagen ihre Mitarbeiter, und nächstes Jahr, wenn es um die Wiederwahl geht, antreten.

Giffords’ Auftritt fand in den letzten Minuten statt, nach einem wochenlangen Ringen um den Bundeshaushalt, bei dem insbesondere die konservative Tea Party aufs Sparen drang. Erst am Tag vor dem drohenden Konkurs gab es einen Kompromiss zwischen US-Präsident Barack Obama, den Demokraten und den Republikanern, die nach der Wahl von 2010 die Mehrheit im Repräsentantenhaus haben.

Aber niemand ist so recht zufrieden, auch nicht die nichtjüdische Gemeinde Amerikas. Zwischen einer und 1,5 Billionen US-Dollar sollen in der ersten Etappe gekürzt werden, darunter 550 Milliarden bei inländischen Ausgaben, aber auch am Pentagon und bei Medicaid, der Krankenkasse für Arme. Die Details werden in den kommenden Monaten zwischen mehreren führenden Parlamentariern, Obama und seinem Budget-Direktor Jacob Lew verhandelt.

sparprogramm Klar ist: Jüdische Gemeinschaften in ganz Amerika werden betroffen sein – Krankenhäuser, Altersheime und Schulen, ambulante Hilfe für Kranke und Alte, die bereits in den vergangenen Monaten Mittelkürzungen erlitten hatten.

Allein in New York waren das der Zeitung Jewish Week zufolge 6,8 Millionen US-Dollar. Über die Verteilung solcher Gelder wachen Federations, Dachverbände in den einzelnen Bundesstaaten. Sie geben bis zur Hälfte des Budgets für Soziales aus und bekommen dafür Bundeszuschüsse aus Medicare und Medicaid.

Rabbiner Arthur Waskow vom Shalom Center in Philadelphia hält das Ergebnis für ein »Desaster« für Arme, Alte, Kranke und Kinder, die zur Schule wollen. Der Rabbi hatte während der Verhandlungen bei einem Sit-in protestiert. Susan Fox, Direktorin einer Sozialeinrichtung in Brighton Beach, Brooklyn, sagte, Alphabetisierungs- und Englischprogramme für Immigranten könnten nun womöglich nicht mehr finanziert werden.

In Brighton Beach leben viele russische Juden. Und der National Council for Jewish Women sorgt sich, dass nun auch präventive Programme gekürzt werden könnten, etwa Hilfen bei der Jobsuche.

Außerdem – so fürchtet die Jewish Week – wären die Federations künftig mehr auf private Spenden und gemeinnützige Stiftungen angewiesen. Dieses Geld aber werde dann anderweitig fehlen, etwa bei Birthright Israel, einer Stiftung, die junge Juden nach Israel schickt, oder auch bei internationalen Hilfsorganisationen wie dem American Jewish Joint Distribution Committee oder der Jewish Agency for Israel.

Barry Shrage, Präsident der Combined Jewish Philanthropies im Großraum Boston, warnt davor, dass jüdische Philanthropen das Interesse verlieren könnten, wenn es keine Ressourcen mehr für jüdische Erziehung und Identität gäbe.

Spenden Der Dachverband Jewish Federations of North America war bereits während der Verhandlungen in Washington vorstellig geworden und wird dies auch weiterhin tun. Insbesondere gehe es um Suppenküchen und Obdachlosenheime, sagt Vize-präsident William Daroff. Daroff will auch verhindern, dass Spenden nicht mehr wie bisher von der Steuer absetzbar sind.

Nicht alle jüdischen Abgeordneten haben dem Kompromiss zugestimmt, wie die jüdische Wochenzeitung Forward auflistete. Von den 25 jüdischen Kongressabgeordneten haben neun mit Nein gestimmt, darunter der Linke Barney Frank aus Massa- chusetts und das kalifornische Urgestein Henry Waxman.

Von den zehn jüdischen Senatoren votierte nur der parteilose Bernie Sanders und der Demokrat Frank Lauterberg aus New Jersey mit Nein. Eric Cantor, der einzige jüdische Republikaner im Senat, der zeitweise auch Verhandlungsführer war und sich mit Obama heftig gestritten hatte, stimmte hingegen mit einem Ja.

Der Forward, der den Demokraten zuneigt, glaubt, der Budgetkompromiss sei nicht gut für die Juden. »Der Deal macht uns ein wenig seekrank«, meint Forward-Kommentator J. J. Goldberg. Wegen der Blindheit der Republikaner werde mitten in dieser ernsthaften Krise die Handlungsfähigkeit der Regierung beschnitten, in der vagen Hoffnung, dass ein Kader ultrareicher Amerikaner (und Parteispender) »eine Zillion Jobs« schaffen werde.

Die Republikaner hätten traditionelle jüdische Wer- te wie soziale Gerechtigkeit und Verantwortung über Bord geworfen, sagt Goldberg. Und ein schwächeres Amerika, das auf der Weltbühne nicht mehr führe, bedeute auch ein schwächeres Israel, das militärisch und diplomatisch von den USA abhängig sei.

israelhilfe Tatsächlich, so fürchtet die israelische Zeitung Haaretz, könnte sich die Krise in Amerika auf die Militärhilfe für Israel auswirken. Amerika wird Israel Zuschüsse für ein Raketenabwehrsystem zahlen. Dafür hat das Repräsentantenhaus im Mai 205 Millionen US-Dollar bewilligt. Durch den Kompromiss werde dies auf kommenden März verschoben.

Die Waffensysteme seien bereits bestellt und teilweise geliefert, schreibt Haaretz. Auch die generelle Hilfe für Israel, drei Milliarden US-Dollar im Jahr, wird auf 2,775 Milliarden gekürzt. Der vollständige Betrag wird zwar trotzdem fließen, aber ein paar Monate später.

uch bei den letzten Haushaltsverhandlungen im April 2011 war die Hilfe für Israel eingestellt worden, noch bevor eine generelle Einigung erzielt worden war. Bei vielen Amerikaner sind diese Zahlungen nicht so beliebt.

Berlin

Karin Prien bietet jungen Leuten Dialog über Probleme an

Vor dem Protesttag am Samstag gibt es Warnungen vor Krawallen. Nun kommen verstärkt Mahnungen hinzu, die Anliegen der »Gen Z« ernst zu nehmen. Die Jugendministerin ergreift die Initiative

 30.10.2026

Los Angeles

Bürgermeisterkandidaten für Los Angeles gerät wegen Haltung zu Israel unter Druck

Nach dem Geschmack der Democratic Socialists of America (DSA) ist die Bürgermeister-Kandidatin nicht israelfeindlich genug

 30.10.2026

Düsseldorf

Friedman und Neubaur mahnen zum Schutz jüdischen Lebens

Die Grünen-Politikerin Mona Neubaur ist neue Trägerin der Josef-Neuberger-Medaille, die den Einsatz für die jüdische Gemeinschaft ehrt. Bei ihrer Auszeichnung dringt die stellvertretende NRW-Ministerpräsidentin darauf, jüdisches Leben zu schützen

 30.10.2026

Washington D.C.

Militärchef berät Trump persönlich über Optionen im Iran-Krieg

Seit Tagen wird über mögliche neue Angriffe der USA und Israels im Iran sowie über Bemühungen um eine diplomatische Lösung berichtet. Nun liegen US-Medien Informationen zu einem seltenen Treffen vor

 30.10.2026

Ovda/Nevatim

Spannungen mit Iran: Mehr US-Militärflugzeuge landen in Israel

Die Ankunft steht demnach im Zusammenhang mit einer größeren Verlegung amerikanischer Militärausrüstung in den Nahen Osten

 30.10.2026

Berlin

Giffey verweigert Mitarbeit an Koalitionsverhandlungen mit der Linken

Wie begründet die Wirtschaftssenatorin ihr Nein?

 30.10.2026

Berlin

CDU will Grünen und SPD Sondierungsgespräche anbieten

Nach einem Bericht über Sorgen der Berliner linken Wahlsiegerin Eralp um die Sicherheit ihrer Familie sorgt sich die CDU um die Sicherheit der Stadt. Welche Alternative sie zu Rot-Grün-Rot sieht

 29.10.2026

Berlin

Zentralrat warnt vor Linken-Regierungsbeteiligung in Berlin

»Die Ohnmacht der Parteiführung und die Angst, die Frau Eralp persönlich zu verspüren scheint, schockieren mich – aber sie überraschen mich nicht«, sagt Zentralratspräsident Josef Schuster

 29.10.2026

Meinung

Elif Eralp und die Angst

Die Linken-Politikerin traut sich nicht, Terrorsympathisanten beim Namen zu nennen. Wer nicht einmal die Israelfeinde in den eigenen Reihen bekämpfen kann, kann auch keine Stadt regieren

 29.10.2026