Dokumentation

»Es braucht einen Aufstand der Anständigen«

Ruth Rubinstein, Ehrenvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf, erinnert am Gedenkort an die Terroropfer. Foto: dpa

Sie werden sicherlich alle nachvollziehen können, dass ich mir einen anderen Anlass für meinen ersten öffentlichen Auftritt als Ehrenvorsitzende der Jüdischen Gemeinde Düsseldorf gewünscht hätte. Doch auf der anderen Seite ist das womöglich mehr Bestimmung als Zufall, denn ich erinnere mich noch sehr gut an dieses fürchterliche Ereignis vor genau 20 Jahren.

Als damaliges Vorstandsmitglied der Gemeinde habe ich es als eine der Ersten erfahren, und der Schock darüber traf mich völlig unerwartet. So etwas passiert in unserer Stadt? Und kenne ich jemanden unter den Opfern? Sind sogar Menschen darunter, mit denen ich privat oder in der Gemeinde zu tun habe?

OHNMACHT Und als ich Gewissheit hatte, was passiert ist und wer die Opfer waren, war ich erfüllt von ohnmächtiger Traurigkeit, Fassungslosigkeit und Angst um uns als jüdische Menschen in dieser Stadt, in diesem Land. Das eine junge Familie aus unserer Gemeinde ihr ungeborenes Kind verlor, hat mich nachhaltig erschüttert und mein Herz mit großem Mitgefühl und Schmerz erfüllt.

Eine Frau verlor bei diesem Anschlag ihr ungeborenes Kind. Für mich als Mutter ist das wohl das Schlimmste, was einem passieren kann.

Wie kann man als Eltern so etwas ertragen oder überwinden? Wie kann man diesen Menschen in so einer Situation Trost spenden, wenn man selbst fassungslos ist und einem die Worte dafür fehlen? Bis heute kommen diese Emotionen in mir hoch, wenn ich mich daran erinnere.

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20 Jahre ist der Wehrhahn-Anschlag bereits her, und erstmals gedenken wir diesem gemeinsam und öffentlich an diesem Ort. Zehn Menschen wurden damals teilweise schwer verletzt. Sechs von ihnen waren Mitglieder unserer und anderer Jüdischen Gemeinden im Umfeld sowie Migrantinnen und Migranten aus den ehemaligen GUS-Staaten. Eine Frau verlor bei diesem Anschlag sogar ihr ungeborenes Kind. Für mich als Mutter ist das wohl das Schlimmste, was einem passieren kann.

FEIGE All diese Menschen sind aus ihren Ländern geflohen, weil der Antisemitismus dort stärker und bedrohlicher wurde. Sie kamen nach Deutschland in der Hoffnung, hier frei und sicher leben zu können. Doch ausgerechnet in ihrer neuen Heimat, deren Sprache sie hier in der Nähe erlernten, wurden sie Opfer eines feigen antisemitischen Anschlags.

Und damit kam die Angst, sich als Jüdin oder Jude öffentlich zu bekennen und entsprechend zu leben, auch in unsere Stadt. Umso mehr schmerzt die Tatsache, dass es der Justiz bis heute nicht gelungen ist, einen Täter zweifelsfrei zu identifizieren und ihn zu verurteilen. Das muss uns in der Tat zu denken geben.

Unser vertrauensvolles Verhältnis zur Stadt lässt mir dennoch an dieser Stelle die Möglichkeit einer leichten Kritik.

Es ist mehr denn je unsere Pflicht, die Pflicht der Stadtgesellschaft, die fast tagtäglichen heimtückischen Anschläge bundesweit, wie hier am S-Bahnhof Wehrhahn, in das Bewusstsein der breiten Öffentlichkeit zu holen. Wir müssen dafür sorgen, dass eine Gedenkveranstaltung nicht Teil eines Rituals wird, nur um dem Anlass zu entsprechen.

SCHLÜSSE Dass wir nicht nur einen Moment an unschuldige Menschen denken, die ermordet oder schwer verletzt wurden oder werden, sondern dass wir daraus Schlüsse ziehen, die wir alle mit in unseren Alltag nehmen und leben. Paul Spiegel seligen Angedenkens nannte es einst den »Aufstand der Anständigen«, den wir benötigen.

Das mag der Gesellschaft aktuell womöglich zu viel abverlangen, daher kommt der Zivilcourage jedes Einzelnen eine umso größere Bedeutung zu. Wir sind eine vielfältige Stadtgesellschaft. Das jüdische Leben gehört seit vielen Jahrzehnten dazu und bietet seinen rund siebentausend Gemeindemitgliedern ein vielfältiges Angebot von der Geburt bis zum letzten Weg.

ZUKUNFT Die Jüdische Gemeinde Düsseldorf hat sich immer zu Düsseldorf und den Menschen hier bekannt, sie will für ihre Mitglieder ein Zuhause sein, ohne Angst und Verunsicherung, was die Zukunft betrifft. Auch aus diesem Grund sind wir dankbar, dass mit dieser Plakette nun ein sehr dunkles Kapitel unseres Lebens hier in die breite Öffentlichkeit gelangt. Wir danken allen Beteiligten, die dies möglich gemacht haben. Unser vertrauensvolles Verhältnis zueinander lässt mir dennoch an dieser Stelle die Möglichkeit einer leichten Kritik.

Zwar wurde auf unsere Bitte hin das Wort »antisemitisch« in dem Text hinzugefügt. Allerdings wird mit keinem Wort darauf erwähnt, dass jüdische Menschen unter den Opfern waren. Das ist ein Wermutstropfen, denn die Gesinnung des Attentäters ist ein abstrakter Fakt – im Gegensatz zu den Menschen, die es an diesem 27. Juli vor zwanzig Jahren konkret getroffen hat und deren Leben nie mehr war und ist wie vorher.

Ihnen und ihren Angehörigen gehört mein und unser aller Mitgefühl und das Versprechen, dieses Verbrechen nie zu vergessen. Und nie mehr zu schweigen bei Antisemitismus, Fremdenfeindlichkeit und Rassismus.

Jom Hasikaron

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