Antisemitismus-Studie

Es bleiben Fragen

Das wird man doch wohl noch googeln dürfen: Israel-Feindschaft am Rande der Berliner Al-Quds-Demonstration Foto: dpa

Das Antisemitismusverständnis der neuen Leipziger ›Mitte‹-Studie ist drastisch verkürzt und in Sachen Antisemitismusforschung nicht auf der Höhe der Zeit.» Der Göttinger Sozialwissenschaftler Samuel Salzborn geht mit seinen Kollegen von der Universität Leipzig hart ins Gericht.

Die hatten vergangene Woche eine empirische Untersuchung mit dem Titel «Enthemmte Mitte» vorgestellt. Das Team um Elmar Brähler und Oliver Decker kam zu dem Schluss, dass der Hass auf Muslime, Sinti und Roma sowie Flüchtlinge immer größer wird und damit auch eine zunehmende Gewaltbereitschaft einhergeht.

Für viele überraschend hingegen ging den Forschern zufolge der Judenhass in Deutschland zurück. «Die Zustimmung zum Antisemitismus ist in der Tendenz insgesamt rückläufig», heißt es in der Studie. Im Vergleich zu ihren früheren Untersuchungen – die Leipziger Studie wird alle zwei Jahre durchgeführt – sei der Wert immer weiter gesunken. Nur 4,8 Prozent der deutschen Bevölkerung sind demnach Antisemiten.

ausschreitungen Dieser Befund irritiert nicht nur Salzborn. «Neuere Formen des Judenhasses bleiben unberücksichtigt», bemängelt etwa auch Deidre Berger vom American Jewish Committee. «Die Studie hat die Chance verpasst, den Antisemitismus vor dem Hintergrund der judenfeindlichen Ausschreitungen im Sommer 2014 und der antisemitischen Terroranschläge in den vergangenen Jahren zu untersuchen.»

Auch der Grünen-Politiker Volker Beck hält dagegen: «Leider verzichtet die sonst sehr gute Studie darauf, Einstellungen zum israelbezogenen Antisemitismus abzufragen.» Folglich blende die Studie einen großen Teil des Alltagsantisemitismus aus, von einer rückläufigen Tendenz könne kaum eine Rede sein. «Es wäre bei diesem hohen Maß an Islamfeindlichkeit, Antiziganismus und Homophobie erklärungsbedürftig, dass ausgerechnet der Antisemitismus rückläufig sein soll. Auch wenn sich der Hass im Wechsel neue Opfergruppen sucht, bleibt der Hass ja bestehen.»

Item Antisemitismusforscher Salzborn sieht zudem methodische Mängel. Gegenüber der Jüdischen Allgemeinen kritisierte er die sogenannten Items; das sind in Aussageform formulierte Fragen, mit denen antisemitisches Denken bei den Teilnehmern der Studie abgefragt wurde. Mit den von den Leipziger Forschern gewählten Items ließen sich «im Prinzip nur die knallharten Antisemiten messen: Wer den drei Fragen zustimmt, die abgefragt wurden, vertritt letztlich Nazi-Positionen», so Salzborn. «Besorgniserregend» nennt er es, wenn die Leipziger Kollegen glaubten, «diese drei Fragen seien die aktuellen Ausdrucksformen von Antisemitismus».

Salzborn verweist auf andere Studien, die berücksichtigt hätten, «dass vor allem der Schuldabwehrantisemitismus und der antiisraelische Antisemitismus die zentralen Formen von Antisemitismus in Deutschland sind». Offen rassistischer oder völkischer Antisemitismus sei in der Tat seltener anzutreffen, er werde aber heutzutage «über den ›Umweg‹ von Schuldabwehr oder Israelhass kommuniziert», erläutert Salzborn, denn solche Sätze gelten «aus Sicht der Antisemiten als ›sagbar‹». Zudem bemängelt der Wissenschaftler, dass auch die Rolle eines islamistisch motivierten Antisemitismus in der vorgelegten «Mitte»-Studie nicht berücksichtigt worden sei.

Ähnlich argumentiert Deidre Berger vom AJC. Zwar könne die Leipziger Studie zeigen, dass traditionelle antisemitische Stereotype noch immer verbreitet sind: «Die Beschneidungsdebatte, die jüngst von der AfD wieder eröffnet wurde, belegt das.» Aber die Studie habe ausgeblendet, dass sich Antisemitismus in der Gegenwart wesentlich vielschichtiger präsentiere, «etwa als radikaler Israelhass oder in Form von Verschwörungsfantasien, die nicht selten eine antisemitische Schlagseite haben».

schlagzeilen Was die Rezeption der Studie angeht, die große Schlagzeilen machte, ist Samuel Salzborn besorgt: «Wenn man in einer empirischen Einstellungsuntersuchung zahlreiche, zumal die dominierenden, Formen von Antisemitismus ignoriert, dann bekommt man am Ende nicht nur empirisch völlig schiefe Ergebnisse, sondern sendet ein heikles politisches Signal eines angeblichen ›Rückgangs‹ von Antisemitismus.»

Das schwant wohl auch den Autoren der Studie. Diese dürfe «keinesfalls als Entwarnung in Hinsicht auf den Antisemitismus in Deutschland gewertet werden», sagte Mitautor Oliver Decker von der Uni Leipzig dem Berliner «Tagesspiegel». «Wir können in der Bevölkerung von einem antisemitischen Potenzial zwischen 20 bis 30 Prozent ausgehen», so der Wissenschaftler.

Man habe sich auf das Abfragen der klassischen Ressentiments beschränkt, da der Fokus der Untersuchung in diesem Jahr auf der Islamfeindlichkeit in Deutschland gelegen habe. Den von Salzborn erhobenen Vorwurf, dass diese Leipziger Art von Antisemitismusforschung «nicht auf der Höhe der Zeit» ist, dürfte er damit kaum entkräften.

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