Berlin

»Erschreckender Rechtsruck«

Zentralratspräsident Josef Schuster Foto: ZR

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, sieht durch den Ausgang der Landtagswahlen die Befürchtungen bestätigt. Die verbreiteten Ressentiments gegen Flüchtlinge und die Ängste vor etwas Fremden haben der AfD zu unverdient hohen Wahlergebnissen verholfen, sagte Schuster der Jüdischen Allgemeinen: »Dass eine durch und durch rechtspopulistische Partei, die mitunter rechtsextreme Positionen duldet, derart viele Stimmen erhält, zeugt von einem erschreckenden Rechtsruck der Gesellschaft.«

Reaktion Es sei jetzt auch Aufgabe der demokratischen Parteien, auf die Ängste in Teilen der Bevölkerung zu reagieren und einer weiteren Spaltung der Gesellschaft entgegenzuwirken, um der AfD den Boden zu entziehen.

»Gemeinsam müssen wir uns gegen die Ausgrenzung und Abwertung von Minderheiten in unserem Land wehren. Wir sind überzeugt, dass sich in der parlamentarischen Arbeit das Unvermögen der AfD zeigen wird, tatsächlich Lösungen für politische Probleme zu finden«, so Schuster.

Barbara Traub, Vorstandsvorsitzende der Israelitischen Religionsgemeinschaft Baden-Württembergs in Stuttgart, nennt den Wahlerfolg der AfD »erschreckend«. Auch die hohe Wahlbeteiligung, die bislang rechten Parteien eher geschadet hätte, habe sich diesmal eher zugunsten der AfD ausgewirkt.

beschneidungsverbot Dass die rechtspopulistische Partei möglicherweise ein Schächt- und Beschneidungsverbot fordern könnte, empört Traub sehr. »Das würde die jüdische Gemeinschaft natürlich nicht akzeptieren. Weil die Beschneidung und das Schächten fundamentale Bestandteile unserer Religion sind. Ein Verbot ist für uns nicht verhandelbar«, sagt Traub.

»Wir müssen optimistisch bleiben«, rät der Vorsitzende des Landesverbandes Jüdischer Gemeinden in Sachsen-Anhalt, Max Privorozki. Nun sei tatsächlich der schlimmste Fall eingetreten, den er sich habe vorstellen können. Die AfD erreichte 24,2 Prozent der Wählerstimmen. »In allen Wahlbezirken um Halle herum ist die AfD mit ihren Kandidaten auf Platz eins gekommen.« Man könne nur versuchen – wie die Franzosen mit ihrem Front National –, mit der rechtspopulistischen AfD umzugehen.

grundgesetz Inwiefern die AfD tatsächlich ein Verbot von Schächtung und Beschneidung fordert, müsse man abwarten. »Ich habe auch gehört, dass die AfD-Vorsitzende Frauke Petry sich bei der Abwägung zwischen Grundgesetz und Verbotsforderung für das Grundgesetz ausgesprochen hat. Aber wir können nur hoffen, dass diese Meldung richtig ist«, sagte Privorozki. Die etablierten Parteien beneide er nicht um die Regierungsbildung. Jetzt müssten Juden erst einmal mit dem Wahlergebnis leben, »wir haben schon Schlimmeres überstanden«, meint der Landesvorsitzende von Sachsen-Anhalt.

In Mannheim ist die AfD bei den Landtagswahlen auf 23 Prozent der Stimmen gekommen. Schoschana Maitek-Drzevitzky, Gemeindevorsitzende der Jüdischen Gemeinde Mannheim, kann sich die Wählerwanderung von allen etablierten Parteien hin zur rechtspopulistischen AfD nur als »Zeichen einer großen Unsicherheit und Zukunftsangst« erklären.

protest »Es ist mir völlig unverständlich für Mannheim, der toleranten Stadt, in der seit Jahrzehnten 170 Nationen friedlich nebeneinander leben.« Maitek-Drzevitzky sieht in dem hohen Stimmenanteil einen Protest der politischen Mitte, die sich in der Flüchtlingsproblematik und auch mit Fragen des Transatlantischen Freihandelsabkommens TTIP »über den Tisch gezogen fühlt«. Vieles bei der AfD sei populistisch.

Über mögliche Auswirkungen des Wahlausgangs auf die jüdische Gemeinschaft sagte Maitek-Drzevitzky der Jüdischen Allgemeinen: »Wir brauchen keine AfD, um zu wissen, dass es Antisemitismus in Deutschland gibt, das haben uns Pegida und Aussagen auch von Politikern anderer Parteien deutlich gezeigt.« Sie hoffe, dass die Jüdische Gemeinde in Mannheim so gut vernetzt ist, dass sie – wie bislang – keine Angst zu haben braucht. »Die NPD halte ich nach wie vor für gefährlicher und hoffe auf ein Verbot dieser Partei«, sagt die Mannheimer Gemeindevorsitzende. ja

Berlin

Auswärtiges Amt kritisiert Menschenrechtsbeauftragten

In einer Reaktion auf einen X-Post von Bundesbildungsministerin Prien im Zusammenhang mit dem Flydubai-Flug nennt Lars Castellucci Israels Regierung rechtsradikal. Außenminister Wadephul reagiert

 05.10.2026

Der Verfassungsrechtler Steffen Augsberg, Hessens Justizminister Christian Heinz (CDU), der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker und Zentralratspräsident Josef Schuster (v.l.)

Gutachten

Hessischer Gesetzentwurf zur Leugnung des Existenzrechts Israels verfassungskonform

Hessens Justizminister Christian Heinz: »Wir brauchen dringend eine gesetzliche Regelung.« Zentralratspräsident Josef Schuster: Die Politik steht in der Pflicht, dem Antisemitismus in seinem neuen Gewand Einhalt zu gebieten

 05.10.2026

7. Oktober

Rotes Rathaus zeigt Ausstellung zum Hamas-Überfall auf Israel

Der Überfall der Terrororganisation Hamas hat überall in Israel Spuren hinterlassen. Eine neue Berliner Ausstellung beleuchtet die Erfahrungen von Sportlern und Fans rund um den 7. Oktober 2023

 05.10.2026

Recht

Gute Absicht, falsche Umsetzung

Daniel Botmann, Geschäftsführer des Zentralrats der Juden, kritisiert den hessischen Vorschlag für eine Strafbarmachung der Leugnung des Existenzrechts Israels. Er hat aber einen Alternativvorschlag

 05.10.2026

Studie

»Neue antisemitische Normalität«: 7. Oktober für Juden in Deutschland biografische Zäsur

Eine wissenschaftliche Untersuchung zeigt, wie der Hamas-Angriff vom 7. Oktober 2023 das Leben von Jüdinnen und Juden in Deutschland verändert hat. Die Befragten berichten von einer »neuen antisemitischen Normalität«, wachsendem Misstrauen und Ausgrenzung

 05.10.2026

Der Verfassungsrechtler Steffen Augsberg, Hessens Justizminister Christian Heinz (CDU), der hessische Antisemitismusbeauftragte Uwe Becker und Zentralratspräsident Josef Schuster (v.l.)

Initiative

Hessen dringt auf Strafen für Leugnung des Existenzrechts Israels

Die hessische Landesregierung dringt darauf, dass ihr Vorschlag zur Strafbarkeit israelfeindlicher Äußerungen umgesetzt wird. Die Bundesregierung bleibt aber skeptisch. Auch der Zentralrat der Juden ist nicht restlos überzeugt

 05.10.2026

Josef Schuster

Berlin

Zentralrat: Linke muss Mitglieder bei Antisemitismus ausschließen

Der Präsident des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, äußert klare Erwartungen an die Linkspartei in Bezug auf den innerparteilichen Kampf gegen Judenhass

 05.10.2026

Magdeburg

BSW: Wählen den AfD-Kandidaten zum Landtagspräsidenten

Am Dienstag kommt der neu gewählte Landtag von Sachsen-Anhalt erstmals zusammen. Die AfD hat die Zusage des BSW für die nötigen Stimmen

 05.10.2026

Berlin

Parteien in der Hauptstadt bereiten sich auf drittes Vorgespräch vor

Nach der Abgeordnetenhauswahl setzen Linke, Grüne und SPD auf ein drittes Vorgespräch. Details bleiben geheim – und keiner weiß, wo das Ganze hinführt

 05.10.2026