Nachruf

»Er war ein Optimist«

2006 erhielt Noach Flug sel. A. das Bundesverdienstkreuz Foto: dpa

Bewusst bin ich Noach Flug zum ersten Mal Mitte der 80er-Jahre in Bonn begegnet. Er diente an der israelischen Botschaft als Landwirtschaftsattaché, und ich war der politische Korrespondent der Jüdischen Allgemeinen sowie Deutschland-Korrespondent für zwei israelische Zeitungen.

Allerdings klärte mich Noach – beziehungsweise Henryk oder Heniek, wie er von seinen Polnisch sprechenden Freunden genannt wurde – auf, dass unsere Bekanntschaft sich in mein Geburtsjahr 1954 datiere. Damals wohnten die Flugs und die Struminskis in Warschau nahe beieinander. Henryk und Dorota – sie sollten 67 Jahre verheiratet bleiben – hatten zwei Töchter. »Du hast mit ihnen im Sandkasten gespielt«, beteuerte er.

Flug war gebürtiger Lodzer. Dort wurde er groß und dort kam er 1940 auch ins Ghetto. Weitere Stationen seines Leidensweges waren die Konzentrationslager Auschwitz, Groß-Rosen und Mauthausen. Nach der Befreiung setzte sich der 20-Jährige zwei Ziele: zu lernen und beim Aufbau eines besseren, sozialistischen Polens zu helfen.

Charakter Ersteres gelang ihm beim Wirtschaftsstudium in Lodz und in Warschau bestens. Letzteres nicht. 1958 wanderte er mit seiner Familie nach Israel aus, wo er zum Wirtschaftsberater des Finanzausschusses der Knesset aufstieg. In den 80er-Jahren war er Diplomat in der Schweiz und in Deutschland. Drei Charaktereigenschaften fielen mir an ihm auf: Seine Freundlichkeit, seine Offenheit und sein auch durch Auschwitz nicht gebrochener Optimismus. Auf ihn traf die Definition, »mit jedermann auf Augenhöhe« zu sprechen, voll und ganz zu.

Weder blickte er auf diejenigen herab, deren sozialer Status nicht dem seinen entsprach, noch war er gegenüber Amts- und Würdenträgern in irgendeiner Weise unterwürfig. Das während der Verfolgung erlittene Leid vergaß er nie, doch übertrug er das nicht auf alle Deutschen. Während seiner Zeit in Bonn hatte er viele Freunde gewonnen. Weder obwohl noch weil sie Deutsche waren, sondern schlicht, weil er sie mochte.

Nach seiner Rückkehr nach Israel 1988 stürzte sich Flug für den Rest seines Lebens in einen unermüdlichen Kampf für die Rechte von Holocaust-Überlebenden. Als erster Generalsekretär des von ihm ins Leben gerufenen Dachverbands »Zentrum der Organisationen von Holocaust-Überlebenden in Israel« forderte er von Deutschland Entschädigungsrenten für Überlebende, die vom deutschen Bundesentschädigungsgesetz nicht oder nur mit geringen Einmalzahlungen bedacht wurden.

Dass er sogar innerhalb der jüdischen Welt schon mal belächelt wurde, focht den ewigen Optimisten nicht an. Als damaliger Büroleiter des Zentrums konnte ich seine zähen Kämpfe aus unmittelbarer Nähe beobachten.

Vision Dann aber bekam die jüdische Welt die Chance, Flugs Vision wenigstens zum Teil zu realisieren. Auf Drängen von Holocaust-Überlebenden sagten die beiden deutschen Staaten im Einigungsvertrag vom August 1990 neue Entschädigungsmaßnahmen zu. Im Laufe der darauffolgenden Jahre wurde die Zahl der Empfänger von monatlichen Beihilfen bei Verhandlungen zwischen der Bundesregierung und der Claims Conference auf bisher 108.000 Personen erhöht. Daran hatte Flug keinen geringen Anteil.

Als Sekretär der Claims-Conference-Delegation saß ich am Verhandlungstisch und beobachtete – ich gebe es zu – nicht ohne ein inneres Lächeln, wie das Delegationsmitglied Flug mit seiner Beharrlichkeit manch einen der deutschen Verhandlungspartner zu nur mühsam versteckter Verzweiflung bringen konnte: Freilich für einen guten Zweck und ohne jemandem etwas nachzutragen.

Letztendlich wusste man Flug in Deutschland zu schätzen: Für seinen Einsatz für die Holocaust-Überlebenden und für die Verständigung zwischen Juden und Nichtjuden sowie zwischen Israel und Deutschland wurde er im Jahre 2006 mit dem Großen Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik ausgezeichnet.

Hartnäckigen Einsatz zeigte Flug aber auch zu Hause und trotzte der israelischen Regierung zahlreiche Hilfsleistungen und soziale Erleichterungen für die in Israel lebenden Überlebenden der Schoa ab.

Er war nicht nur bei der Claims Conference als Vizepräsident tätig, sondern übte eine Reihe öffentlicher Ämter aus, darunter als Vorsitzender des Internationalen Auschwitz-Komitees, Mitbegründer des israelischen »Sozialfonds für Holocaust-Überlebende in Israel« und als Direktoriumsmitglied der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.

Bis kurz vor seinem Tode blieb er aktiv – und optimistisch. Umso mehr möchte man ihm jetzt zurufen: »Heniek, wach auf. Es passt nicht zu dir, tot zu sein.«

Möge sein Andenken zum Segen gereichen.

Khan Younis

Israel wirft Hamas Folter in Klinik vor

Die Terrororganisation soll ein Krankenhaus im Süden des Gazastreifens als Folterzentrale nutzen, um ihre Macht über die Bevölkerung auszubauen

 20.08.2026

Berlin

Diskriminierung wegen falscher Hummus-Aussprache?

Im Ortsteil Prenzlauer Berg soll ein arabisches Restaurant einen israelischen Gast wegen der vermeintlich falschen Aussprache des Kichererbsengerichts nicht bedient haben. Das Lokal widerspricht dem Vorwurf

 20.08.2026

USA

Amerikas nächster Präsident?

Rahm Emanuel gilt als Hoffnungsträger der Demokraten und steht für einen Kurs der Mitte – sowohl in innenpolitischen Fragen als auch im Verhältnis zu Israel. Eine Annäherung

von Joshua Schultheis  20.08.2026

München

Knobloch in Zeiten von Judenhass: »Ich habe mich getäuscht«

Die ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden spricht offen über ihre Enttäuschung: Warum die Reaktion auf das Hamas-Massaker ihr nicht genügt und der Judenhass sie tief erschüttert

 20.08.2026

Florida

Nach antisemitischen Angriffen: »Hebräischer Hammer« gewinnt Vorwahl

Der jüdische Abgeordnete Randy Fine, ein republikanischer Israel-Unterstützer, setzt sich gegen den Antisemiten Dan Bilzerian durch

 20.08.2026

Berlin

Medienbericht: Andreas Franck will nicht Antisemitismusbeauftragter werden

Das Bundesinnenministerium wollte die Absage Francks auf Anfrage weder bestätigen noch dementieren

 20.08.2026

Mar del Plata

Argentinien entlässt Bundesrichter wegen antisemitischer Äußerungen

Der Justizrat sieht einen schweren Verstoß gegen die für Richter geltenden Anforderungen an Anstand und Unparteilichkeit

 20.08.2026

München

Brandanschlag auf jüdisches Gemeindezentrum: Hinweise auf deutschen Täter verdichten sich

56 Jahre nach dem tödlichen Anschlag in der Reichenbachstraße 27 legen die Ermittler einen neuen Erkenntnisstand vor

 20.08.2026

Berlin

Umfrage: Mehrheit lehnt AfD-geführte Regierung im Osten ab

Die zumindest in Teilen rechtsextremistische Partei kann bei den Landtagswahlen im Osten mit hohen Stimmanteilen rechnen. Die Möglichkeit, dass sie im Anschluss einen Ministerpräsidenten stellen könnte, stößt überwiegend auf Ablehnung

 20.08.2026