Berlin

»Er soll als Verbrecher sterben«

Von ihren in Auschwitz ermordeten Schwestern hat Eva Nickel nur ein Foto, aufgenommen 1941 am Scharmützelsee in Brandenburg, sieben Jahre bevor sie selbst geboren wurde. Winzig, mit dunkel gelockten Haaren lachen Ruth und Brigitte in die Kamera. »Ich habe sie nie gekannt«, sagt die 65-Jährige, »aber immer vermisst.« Deshalb entschloss sich Eva Ruth Brigitte Nickel im März 2012 einen Prozess gegen den Mann anzustrengen, der Beihilfe zum Mord an ihren Schwestern geleistet haben soll: Johann Breyer.

nebenklage Der Sohn eines Slowaken und einer Amerikanerin war zur NS-Zeit zunächst Wachmann in Buchenwald, bis er 1943 seinen Dienst in Auschwitz antrat. Heute lebt der mittlerweile 88-jährige in Philadelphia im US-Bundesstaat Pennsylvania. Von den Vorwürfen will er nichts wissen. Er habe schließlich nie persönlich Hand an einen Juden gelegt, sagt er.

Für Eva Nickel ist das kein Argument: »Er brauchte sie nicht zu berühren. Für mich ist es Beihilfe zum Mord an Hunderten, Tausenden von Menschen.« Die Berlinerin ist Nebenklägerin im Prozess gegen den ehemaligen KZ-Wächter, der vor dem Landgericht Weiden/Oberpfalz stattfinden soll. Um die Vorwürfe gegen ihn zu erhärten, musste die Berlinerin sich auch einer Befragung durch das Landeskriminalamt stellen. »Zeigen Sie den Weg, den ihre Schwestern in Auschwitz gegangen sind«, das sei die letzte Frage während des Verhörs gewesen. Noch immer steigt Ärger in Eva Nickel auf: »Woher sollte ich das wissen, ich war schließlich nicht dabei.«

vormund Wie es zur Deportation der sieben Jahre alten Ruth Süssmann und ihrer zwei Jahre jüngeren Schwester Brigitte im August 1944 kam, ist eine lange Geschichte. Die Mutter der drei Schwestern, Alice Silbermann, heiratet 1936. Es ist eine unglückliche Ehe und so folgt bereits 1941 die Scheidung. Die beiden Kinder, Ruth und Brigitte, kurz Gittel genannt, benötigen nun einen Vormund.

So will es ein NS-Gesetz. Keine unverheiratete jüdische Frau, ob mündig oder nicht, kann gesetzlicher Vormund ihrer eigenen Kinder sein. Für kurze Zeit übernimmt deshalb der Anwalt der jüdischen Gemeinde, Doktor Lamm, dieses Amt. Als Massenvormund hilft er so vielen jungen Frauen aus der Misere.

Doch Alice Silbermann weiß sich selbst zu helfen. Sie nimmt einen Freund ihres Vaters zum Mann – Alfred Löwental. Mit ihm lebt sie in der Wohnung in Prenzlauer Berg, die Eva Nickel heute noch bewohnt. Vor der Haustür erinnern zwei Stolpersteine, auf Hochglanz poliert, an das Schicksal von Ruth und Gittel Süssmann. »Meine Mutter arbeitete als Schneiderin für Uniformen und ihr Mann in einer Fabrik, beide Zwangsarbeiter.

Aber 1943 kam der Vorarbeiter ihres Mannes nach Hause und erzählte meiner Mutter, dass Alfred abgeholt worden sei von den Nazis.« In der ersten Angst beschließt die Mutter sich und ihren beiden Töchtern das Leben zu nehmen. Sie rollt die Kinderbetten vor den Gasherd, dreht den Hahn auf und setzt sich neben sie auf den Fußboden. »Aber dann überlegte sie, was passiert, wenn Alfred zurückkäme. Was passiert, wenn sie nicht sterben.«

versteckt Alice Silbermann entscheidet sich für das Leben und holt sich Rat bei der Nachbarsfamilie Gabriel, die sie ermuntert, in den Untergrund zu gehen. Freunde vermitteln der kleinen Familie ein Haus im Fasanenpark, mitten im Wald. Noch heute steht es dort, verfallen, von seiner einstigen Heimeligkeit ist nichts geblieben. Als es auch hier nicht mehr sicher ist, bringt Evas Mutter ihre beiden Töchter in ein Versteck nach Weimar. Sie selbst kehrt nach Berlin zurück, um Lebensmittelmarken zu besorgen, als »Bezahlung« für die Menschen, die ihre Töchter bei sich aufgenommen haben.

Doch im August 1944 werden Ruth und Gittel entdeckt. Kurze Zeit später, so erzählt es später Eva Nickels Tante Elisabeth, suchte die Gestapo in der Berliner Nachbarschaft nach einer Bestätigung für die Identität der Mädchen. »Die Polizei kam in den Laden von Tante Elisabeth, da war immer viel los. Ein richtiger Tante-Emma-Laden, mindestens zehn Frauen, die herumstanden und tratschten.« Erinnerungen wirbeln durcheinander, Evas eigene und die ihrer Tante.

»Die Bilder meiner Schwestern wurden gezeigt, aber die Frauen gaben sich Zeichen, nichts zu verraten. Sie behaupteten die Löwental-Kinder seien schon lange fort und keiner könne wissen, wie sie jetzt aussehen. Aber die Nachbarsfrau von gegenüber, die verriet sie schließlich. Ich hatte nie Gelegenheit mit ihr zu sprechen, sie starb, als ich noch ein Kind war. Aber eines habe ich daraus gelernt: Selbst wenn zehn oder 15 Menschen zusammenhalten, genügt einer, der mitläuft.«

schuldgefühle Ruth und Gittel Süssmann werden am 10. August 1944 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Vom Schicksal ihrer Kinder erfährt Alice Silbermann erst nach dem Ende des Krieges. »Sie hatte Schuldgefühle ohne Ende«, sagt Eva Nickel, »deshalb hat sie mich wohl auch so erdrückt mit ihrer Liebe.« Keine Bitterkeit liegt in ihrer Stimme, kein Vorwurf über eine vermurkste Kindheit.

»Wir hatten eine Zeitlang ein schwieriges Verhältnis«, erinnert sich die Berlinerin an ihre Jugend. Doch mit dem eigenen Alter kam das Verständnis: »Als Sozialarbeiterin in der jüdischen Gemeinde spezialisierte ich mich auf Schoa-Spätfolgen. Man hat ja viel zu spät angefangen, darüber zu sprechen. Heute weiß ich, dass meine Mutter unter posttraumatischem Stress litt.«

Im März 2012 begannen die Prozessvorbereitungen gegen Johann Breyer, heute, nach über einem Jahr, kann Eva die unbestimmte Wut ihrer Mutter verstehen: »Mit eigenen Händen würde ich den Mörder meiner Kinder erwürgen«, habe Alice stets gesagt. Eva Nickels Stimme ist fest. Doch welche Mörder meinte ihre Mutter? Den SS-Mann, der die beiden Schwestern deportierte? Den Lokführer, der den Zug nach Auschwitz lenkte? Oder den Mann, der das Gas in die Kammer leitete?

Mit Johann Breyer soll nun wenigstens ein Verantwortlicher zur Rechenschaft gezogen werden. Eva Nickel bleibt allerdings skeptisch: »Ich glaube, dass dieser Prozess nie zustande kommen wird. Sei es aus ideologischen oder politischen Gründen, oder auch schlicht aufgrund der intellektuellen Unfähigkeit der beiden Staatsanwälte.«

Weiterkämpfen wird sie dennoch, in diesem und auch in zukünftigen Prozessen. »Aber nicht aus Rache«, sagt Eva Nickel, »die ist nutzlos.« Sie sitzt kerzengerade auf der Kante ihres Sessels, die Hände auf die Knie gelegt. »Es geht mir nicht um die Gefängnisstrafe. Was bringt eine physische Strafe bei einem alten Mann. Nein, er soll wissen, dass er ein Verbrecher ist. Mit dieser Gewissheit soll er sterben.«

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