Interview

»Einfach nur widerlich«

Zentralratspräsident Dieter Graumann Foto: Das Portrait

Herr Graumann, Sie haben öffentlich gesagt, dass Sie angesichts der Bilder aus Berlin-Hellersdorf Ekel empfinden. Was empört Sie an den aktuellen fremdenfeindlichen Vorgängen am meisten?
Hier schwappen dunkle Ressentiments an die Oberfläche, die mich erschrecken. Das schreckliche Schicksal der Flüchtlinge wird überhaupt nicht wahrgenommen. Die Menschen, die gegen Asylbewerber protestieren, schüren nur Hass und zeigen ihre Verachtung. Die Bilder haben mich auf furchtbare Weise an Hoyerswerda und an Rostock-Lichtenhagen erinnert.

Sie sprachen in diesem Zusammenhang vom »moralischen und politischen Markenkern« des Zentralrats. Was ist damit gemeint?
Für uns als Zentralrat der Juden ist es selbstverständlich, dass wir verfolgten und bedrängten Menschen immer beistehen. Damals nach den fremdenfeindlichen Übergriffen in Rostock-Lichtenhagen war der damalige Zentralratspräsident Ignatz Bubis der erste Vertreter des öffentlichen Lebens, der hingefahren ist und deutlich gezeigt hat: Wir dürfen den Menschenhass nicht akzeptieren. Wir Juden haben doch bitter erfahren müssen, was es bedeutet, wenn Länder ihre Tore und Herzen vor Flüchtlingen verschließen. Deshalb ist es nicht nur unsere moralische Pflicht, sondern unser Herzensanliegen, Menschen zu helfen, die Hilfe brauchen.

Welche Forderungen erheben Sie an Politik und Gesellschaft?
Die Politik kann und muss ihren wichtigen Beitrag leisten für ein tolerantes Klima des Miteinander. Dazu gehört eine nachhaltige finanzielle Unterstützung von Initiativen gegen Rechtsextremismus. Politiker sollten auch mit ihrer Sprache sensibel umgehen. Wenn die Zahl der Asylbewerber leicht steigt und dies gleich als »alarmierend« bezeichnet wird, setzt das ein problematisches Signal und verschmäht jegliche Willkommenskultur. Und die Zivilgesellschaft ist natürlich gefordert, sich den Umtrieben der Neonazis entgegenzustellen. Das geschieht ja auch, das macht mir Hoffnung.

Rechte Parteien schüren im Wahlkampf die Angst vor Asylbewerbern. Meinen Sie, dass diese Strategie am 22. September aufgeht?
Ich glaube immer noch daran, dass die Demokratie in Deutschland so gefestigt ist, dass diese rechten Rattenfänger keinen Erfolg haben werden. Doch selbst wenn sie nur wenige Prozentpunkte bei der Bundestagswahl bekommen, ist jede Stimme für den braunen Hass eine Stimme zu viel.

Muss angesichts der aktuellen Vorfälle die Forderung nach einem Verbot der NPD erneuert werden?
Warum erneuern, was offensichtlich ist? Wäre die NPD schon verboten, was wir ja schon längst fordern, könnte sie jetzt nicht dieses Klima für ihre Hetze missbrauchen. Und wie die NPD gerade die Stimmung schürt und für sich nutzt, ist einfach nur widerlich.

Mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden sprach Detlef David Kauschke.

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