Ukraine-Krieg

»Eine riesige Lüge«

Alexej Heistver Foto: Rolf Walter/xpress.berlin

Ukraine-Krieg

»Eine riesige Lüge«

Alexej Heistver über Russlands Krieg, Geschichte und Faschismus in neuem Gewand

von Joshua Schultheis  04.04.2022 08:17 Uhr

Herr Heistver, Sie haben sich als Vorsitzender eines Vereins von Holocaust-Überlebenden klar zu Russlands Krieg in der Ukraine positioniert. Warum?
Wir, die wir die nationalsozialistischen Ghettos und Konzentrationslager überlebt haben, können zu den Vorgängen in der Ukraine nicht schweigen. Putin sagt, er mache in der Ukraine Jagd auf Nazis und wolle das Land entnazifizieren. Das ist eine riesige Lüge. Wir verstehen besser als Putin, was Faschismus ist. Er nennt sich selbst einen Antifaschisten, dabei zeigt das, was er gerade tut, große Ähnlichkeiten zum damaligen Vorgehen der Nationalsozialisten.

Glauben Sie, dass sich Geschichte wiederholt?
Ich beschäftige mich seit fast 35 Jahren mit der Geschichte des Nationalsozialismus, und ich denke, die Situation Deutschlands nach der Machtergreifung der Nazis ist vergleichbar mit derjenigen im heutigen Russland. Große Teile der Opposition, kritische Journalisten und alle, die etwas gegen Putins Regime sagen, sind mundtot gemacht worden, wurden eingesperrt und zu Feinden des Volkes erklärt. Das ist Faschismus in einem neuen Gewand.

Was löst der russische Angriffskrieg bei Ihnen persönlich aus?
Ich wurde in Kaunas geboren, habe aber lange in Moskau gelebt. Meine Heimat ist auch in dieser Stadt. Putin hat Moskau nun zu einem Schaufenster seiner verbrecherischen Politik für die ganze Welt gemacht. Das schmerzt mich sehr. Und alles, was aktuell in der Ukraine geschieht, ist für mich eine unglaubliche Tragödie. Das ist ein riesiges Verbrechen gegen die Zivilisation und gegen die Menschheit.

In Ihrem Verein gibt es auch viele Überlebende mit russischen Wurzeln. Hat das zu Konflikten geführt?
Für viele unserer Mitglieder ist Russland ihre Heimat. Von denen zögern einige, das Vorgehen der russischen Regierung eindeutig zu verurteilen. Wir haben daher beschlossen, in unserer Erklärung gegen den Krieg sehr deutlich zu machen, dass wir uns nicht gegen das russische Volk wenden, sondern gegen Putin und seinen Machtzirkel. Außerdem habe ich die Erklärung mit meinem Namen unterschrieben und damit die Verantwortung für deren Wortlaut übernommen.

Stehen Sie zurzeit in Kontakt zu Schoa-Überlebenden in der Ukraine?
Unser Verein hatte immer gute Beziehungen zu Verbänden von NS-Verfolgten in der Ukraine. Erst 2019 waren wir dort, haben uns mit Überlebenden getroffen und Holocaust-Gedenkstätten besucht. Durch den Krieg sind diese Verbindungen aktuell jedoch unterbrochen, und wir wissen kaum etwas über das Wohlergehen der dortigen Holocaust-Überlebenden. Wir machen uns große Sorgen.

Mit dem Historiker und Vorsitzenden des Vereins »Phönix aus der Asche« sprach Joshua Schultheis.

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« reagiert auf Rüge des Deutschen Presserats

19 Rügen verteilt der Presserat an die deutsche Medienlandschaft. Eine davon geht an die »Jüdische Allgemeine« - wegen angeblicher gravierender Ehrverletzung eines in Gaza getöteten Journalisten

 23.03.2026

Gedenken

Zwei Buchenwald-Verbände gegen Auftritt von Wolfram Weimer

In der Gedenkstätte Buchenwald wird am 12. April an die Befreiung des Konzentrationslagers erinnert. Geplant ist ein Grußwort von Kulturstaatsminister Weimer. Zwei Verbände haben damit ein Problem

 23.03.2026

Krieg

Merz begrüßt vorläufigen Verzicht auf US-Kraftwerksangriffe im Iran

US-Präsident Donald Trump nimmt scharfe Drohungen gegen den Iran vorerst vom Tisch. Die Bundesregierung begrüßt das und bietet Mithilfe bei anderen Bemühungen an

 23.03.2026

Nahost

G7 verurteilen iranische Angriffe scharf und warnen vor Eskalation

In einer gemeinsamen Erklärung der G7-Außenminister ist von »nicht zu rechtfertigenden Angriffen« und einer Gefahr für die Stabilität die Rede

 23.03.2026

Schutz jüdischer Studenten

Klage von Lahav Shapira gegen FU Berlin abgewiesen

Der Gaza-Krieg sorgt auch an Berliner Hochschulen regelmäßig zu Protesten. Ein jüdischer Student fühlt sich nicht mehr sicher und zieht vor Gericht. Was sagen die Richter?

 23.03.2026

Berlin

Außenministerium stellt sich hinter Botschafter Seibert

Israels Außenminister kritisiert den deutschen Botschafter wegen Aussagen zur Siedlergewalt. Außenminister Wadephul telefoniert mit seinem Kollegen - und wiederholt die Kritik

 23.03.2026

Teheran

Können iranische Raketen nun Europa erreichen?

Nach dem Raketenangriff auf einen Militärstützpunkt auf der Insel Diego Garcia rückt auch Europa in den potenziellen Zielkorridor iranischer Raketen. Muss man sich in Berlin nun Sorgen machen?

von Arne Bänsch  23.03.2026

Griechenland

US-Flugzeugträger legt für Reparaturen auf Kreta an

Brand in der Bordwäscherei, Probleme mit Toiletten: Die »USS Gerald R. Ford« macht auf Kreta Halt. Ermittler der US-Marine gehen der Ursache des Feuers nach

 23.03.2026

Nahost

Iran dementiert Verhandlungen mit den USA

US-Präsident Donald verschiebt ein Ultimatum und verweist auf »produktive Gespräche« mit dem Iran. Aus Teheran kommt ein Dementi

 23.03.2026