Entschädigung

Ein Stück Gerechtigkeit

Altenhilfe steht jetzt im Zentrum der Entschädigungsleistungen für jüdische NS-Opfer. Foto: Marco Limberg

Als vor 60 Jahren das Luxemburger Abkommen zwischen der Bundesrepublik, Israel und der Jewish Claims Conference abgeschlossen wurde, rechnete kaum jemand damit, dass dies eher ein Anfang als ein Ende sein würde. Im Vordergrund der öffentlichen Wahrnehmung standen die vereinbarten Leistungen im Wert von 3,45 Milliarden D-Mark zugunsten der jüdischen NS-Opfer.

Weniger auffällig, aber langfristig äußerst folgenreich war jedoch, dass dort nicht nur weitere Verbesserungen des Bundesentschädigungsgesetzes, sondern regelmäßige Konsultationen mit der Jewish Claims Conference vereinbart wurden. Daraus folgte eine jahrzehntelange enge Zusammenarbeit zwischen diesem in New York beheimateten Zusammenschluss internationaler jüdischer Organisationen und dem Bonner Bundesfinanzministerium. Über wechselnde politische Konstellationen hinweg führte dieses politische Arrangement immer wieder zu neuen Entschädigungsleistungen für jüdische NS-Opfer.

entschädigungsmaterie Nach mehrfachen Novellierungen des Bundesentschädigungsgesetzes endete dieser Prozess vorläufig 1965: In der Bundesrepublik wurde damals das »Ende der Nachkriegszeit« ausgerufen. Passend dazu verabschiedete der Deutsche Bundestag im selben Jahr das Bundesentschädigungs-Schlussgesetz, das als legislativer Sarkophag über der glühenden Entschädigungsmaterie konzipiert war. Dieser Deckel, der relativ großzügig bemessene Entschädigungsansprüche weitgehend auf NS-Opfer mit deutschem Hintergrund beschränkte, konnte bis heute nicht abgesprengt werden.

Doch konnte die Jewish Claims Conference bis zum Ende der alten Bundesrepublik immerhin noch einige zusätzliche Leistungen zugunsten sowjetischer Juden, die seit den 70er-Jahren ausgewandert waren, erreichen. Verbesserungen waren in diesen Jahrzehnten nur möglich um den Preis der Zusicherung, dass es sich um abschließende Forderungen handele. Die deutsche Seite betrachtete verbesserte Entschädigungsleistungen als Prämie für den erhofften Schlussstrich unter die Entschädigungsfrage, welche für die jüdische Seite jedoch prinzipiell als unabschließbar galt.

Seit den späten 70er-Jahren wurden vor allem aus dem deutschen Alternativmilieu Forderungen nach Entschädigung der »vergessenen Opfer« formuliert, und in diesem neuen Entschädigungsdiskurs gerieten die Juden plötzlich in die Rolle der saturierten Verteidiger des bestehenden Systems der Entschädigung. So wurde Walter Schwarz, der jüdische Nestor des deutschen Wiedergutmachungsrechts, von zornigen jungen Deutschen gegeißelt, als er 1984 in einem Leserbrief an die ZEIT erklärte, »dass ein Deutscher das Recht hätte, auf das Werk der Wiedergutmachung stolz zu sein«.

generationenkonflikt Hier handelte es sich zugleich um einen Generationenkonflikt: Die Älteren verteidigten dabei das nach dem Krieg geschaffene System der Wiedergutmachung, während die Jüngeren einen radikalen Neuansatz forderten. Dieser sollte sich nicht mehr primär am Maßstab der vor der Verfolgung eingenommenen sozialen Positionen, sondern an den aktuellen Bedürfnissen der NS-Opfer orientieren. Die Jewish Claims Conference, die stets auf diskrete Verhandlungen mit der Bonner Ministerialbürokratie statt auf lautstarke öffentliche Auftritte gesetzt hatte, geriet in dieser neuen Auseinandersetzung in den Hintergrund.

Das änderte sich schlagartig mit der deutschen Wiedervereinigung: Der Eiserne Vorhang hatte im sowjetischen Machtbereich Rückerstattungs- und Entschädigungsansprüche für jüdische NS-Opfer jahrzehntelang stillgelegt. Nach dem Ende des Kalten Krieges entstand dagegen eine vor allem von den USA unterstützte Welle, die »unerledigten Fragen« des Holocaust endlich zu regeln. Dazu gehörte die Klärung der Ansprüche auf früheres jüdisches Eigentum im ehemaligen Ostblock ebenso wie die Ausweitung von Entschädigungsleistungen auf dort lebende jüdische NS-Opfer, die bislang von Ansprüchen ausgeschlossen waren.

skandalisierung Nachdem sich am Ende des 20. Jahrhunderts auch jüdische Organisationen stärker auf eine Kombination von medialer Skandalisierung und juristischen Klagen verlegt hatten, kehrte die Jewish Claims Conference zu Beginn des 21. Jahrhunderts wieder in die vertrauten Bahnen diskreter Arkanpolitik zurück. Dies mag auch damit zu tun haben, dass sie gelegentlich selbst zum Ziel derartiger Skandalisierungsmechanismen wurde.

Statt öffentlicher Kampagnen finden nun jährliche Verhandlungen mit dem Bundesfinanzministerium statt, die regelmäßig zu neuen Entschädigungsleistungen für jüdische NS-Opfer führen. Doch besitzen diese mittlerweile eine andere Grundlage als in den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik: Ging es damals um die Rehabilitierung jüdischer Überlebender, steht nun die Altenhilfe im Zentrum.

Indem beide Seiten damit akzeptieren, dass die Entschädigungsfrage auf die Generation der unmittelbar Betroffenen beschränkt werden soll, kommt es so nach 60 Jahren gemeinsamer Verhandlungen gewissermaßen auf natürliche Weise zu einer Konvergenz der eigentlich unvereinbaren Perspektiven der jüdischen und deutschen Seite: Der unendliche Horizont der Entschädigungsforderungen schließt sich allmählich biografisch.

Der Autor ist Professor für Zeitgeschichte an der Ruhr-Universität Bochum.

Teheran

Trotz Angriffen: Iran mobilisiert zu Al‑Kuds‑Protesten

Zum Ende des Fastenmonats Ramadan findet im Iran immer eine staatlich-inszenierte Großdemonstration gegen Israel statt. Die Führung rief die Bevölkerung auf, es dem »Feind« zu zeigen

 13.03.2026

Andenes

Kanzler Merz sieht keinen Anlass für Militäreinsatz in Straße von Hormus

Der französische Präsident treibt die Idee eines Militäreinsatzes zum Schutz von Öltankern und Handelsschiffen in der Straße von Hormus voran. Kanzler Merz ist da deutlich zurückhaltender

 13.03.2026

Washington D.C.

»Schaut mal, was heute mit diesen geistesgestörten Drecksäcken passiert«

»Wir verfügen über beispiellose Feuerkraft, unbegrenzte Munition und viel Zeit«, schreibt der amerikanische Präsident auf seiner Plattform Truth Social

 13.03.2026

Maskat

Bericht: Tote und Verletzte durch Drohne im Oman

Woher die Drohnen kamen, war zunächst nicht bekannt. Trotz Vermittlungsbemühungen wurde der Oman mehrfach zum Ziel iranischer Angriffe

 13.03.2026

Meinung

Iran: Der Verrat des Westens

Die Islamische Republik ist angeschlagen, doch ihre Unterstützer im Westen sind nach wie vor aktiv

von Jacques Abramowicz  13.03.2026

Paris

Nationaler Widerstandsrat will Übergangsregierung im Iran stellen

Die Gruppe exilierter Iraner will nach dem Sturz der Mullahs innerhalb von sechs Monaten Wahlen durchführen. Der Widerstandsrat ist jedoch höchst umstritten

 13.03.2026

Nahost

US-Tankflugzeug bei Einsatz im Irak abgestürzt

Vier der fünf Crew-Mitglieder starben

 13.03.2026

Incirlik

Iranische Rakete auf NATO-Stützpunkt in der Türkei abgefeuert

Als Reaktion auf die wachsende Bedrohung verstärkt die Allianz ihre Luftverteidigung in der Region. Ankara droht derweil dem Regime in Teheran

 13.03.2026

Analyse

Der strategische Fehler Teherans – und die Chance auf eine neue Ordnung im Nahen Osten

Wie der Krieg gegen das iranische Regime die Machtverhältnisse der Region dauerhaft verändern könnte

von Sacha Stawski  13.03.2026