Bundeswehr

»Ein historischer Beschluss«

Der Berliner Rabbiner Avraham Daus auf dem jüdischen Friedhof Weißensee vor Bundeswehrsoldaten (Archiv) Foto: dpa

Ein wahrhaft historischer Beschluss steht heute im Bundestag an, darin sind sich alle einig: Neben die evangelische und katholische soll eine jüdische Militärseelsorge treten. Es wäre die erste Erweiterung des Seelsorgeangebots in der Bundeswehr seit 1957, als der Staatsvertrag mit der evangelischen Kirche geschlossen wurde. Erstmals nach rund 100 Jahren Pause und 75 Jahre nach dem Holocaust könnten jüdische Soldaten im Dienste Deutschlands schon bald wieder durch Rabbiner betreut werden.

Bis dahin war es ein langer Weg. Nach dem Zivilisationsbruch der Schoa und der Nazi-Diktatur konnte es sich auch angesichts der Verbrechen der Wehrmacht »kaum ein Jude vorstellen, in einer deutschen Armee Dienst zu tun«, wie es der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, einmal formulierte. Trotz aller auch anerkannter Unterschiede zwischen Bundeswehr und Wehrmacht blieben jüdische Soldaten lange nahezu undenkbar - und damit auch Militärrabbiner. Inzwischen sind es schätzungsweise rund 300 Juden, die unter den 180.000 Soldaten in der Bundeswehr dienen. Genau erfasst wird die Religionszugehörigkeit nicht.

Mit der Einführung einer eigenen Militärseelsorge solle jüdischem Leben in der Bundeswehr wieder der Raum und der Platz eingeräumt werden, den es verdient habe, sagte Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) Mitte Mai bei der ersten Lesung des nun zur Abstimmung stehenden Gesetzes. Damals zeichnete sich bereits eine fraktionsübergreifend große Zustimmung ab.

Grundlage der jüdischen Militärseelsorge ist ein im vergangenen Dezember von Kramp-Karrenbauer und dem Zentralrat unterzeichneter Staatsvertrag, der denen ähnelt, die mit der evangelischen und der katholischen Kirche geschlossen wurden. Noch in diesem Jahr soll in Berlin ein Militärrabbinat - analog zu den christlichen Militärbischofsämtern - eingerichtet werden. Es wird von einem vom Zentralrat zu bestimmenden Militärbundesrabbiner geleitet.

Bis zu zehn Militärrabbiner sind dann zunächst vorgesehen. Diese Zahl solle gewährleisten, dass Seelsorge im In- und Ausland geleistet und Auslandseinsätze auch zeitweise begleitet werden können, heißt es aus dem Ministerium. Die Auswahl der jüdischen Geistlichen werde voraussichtlich im Herbst beginnen. In Hamburg und München, später auch in Frankfurt/Main und Leipzig sind Außenstellen des Rabbinats geplant.

Wie ihre christlichen Pendants sollen die jüdischen Seelsorger die Soldaten und ihre Angehörigen begleiten, Trost spenden und Kraft geben. Ebenso werden sie am sogenannten lebenskundlichen Unterricht zur ethischen Bildung mitwirken. Daneben können sie laut Kramp-Karrenbauer aber auch »Verständnis schaffen«, zum Beispiel mit gemeinsamen Gebeten und Gottesdiensten, und auch »einen praktischen Beitrag zum Kampf gegen Antisemitismus leisten«.

Zentralratspräsident Schuster hatte bei der Unterzeichnung des Staatsvertrags ebenfalls die Hoffnung geäußert, dass Soldaten, die sich mit einem Rabbiner austauschen und jüdische Feiertage miterleben, weniger anfällig seien für judenfeindliche Vorurteile. »Den Horizont der Soldaten zu erweitern, trägt zum inneren Frieden in der Bundeswehr ebenso bei wie zum Frieden in unserer Gesellschaft«, sagte Schuster.

Der Beauftragte der Bundesregierung für jüdisches Leben und die Bekämpfung von Antisemitismus, Felix Klein, begrüßt ebenso, dass die Militärrabbiner dazu beitragen könnten, »das Wissen über jüdisches Leben und jüdische Positionen zu Ethikfragen zu vergrößern und damit Vorurteile abzubauen«.

Unterdessen hat die Verteidigungsministerin bereits weitere mögliche Angebote der Seelsorge im Blick: Im Bundestag nannte sie die wachsenden Gruppen der orthodoxen Christen und Muslime. Gerade die Einführung einer Seelsorge für die geschätzt rund 3000 muslimischen Soldaten gestaltet sich aber laut Kramp-Karrenbauer weiterhin kompliziert.

Der Grund: Im Gegensatz zu den beiden großen Kirchen und den jüdischen Gemeinden fehlt es an einem zentralen Ansprechpartner, mit dem sich ein Staatsvertrag schließen ließe. Auch dieser Weg könnte - wenn auch aus ganz anderen Gründen - noch länger werden.

Terror

Was an Bord des Flydubai-Flugs nach Tel Aviv wirklich passierte

Ein Überblick

 30.09.2026

Flug FZ1073

So reagiert Wadephul auf den versuchten Terroranschlag

»Ich bin zutiefst erleichtert darüber, dass die versuchte Entführung und womöglich noch weit Schlimmeres verhindert werden konnte«, sagt der Bundesaußenminister

 30.09.2026

Nach Berlin-Wahl

Generalstaatsanwältin: Kriminelle suchen Kontakt zur Politik

Ein Clan-Oberhaupt feiert nach dem Wahlerfolg der Linken mit der Partei. Ein Zufall? Die Chefin der Berliner Staatsanwaltschaften sieht ein typisches Muster

 30.09.2026

Rostock

Internationaler Polizeieinsatz gegen Nazi-Musik

Zahlreiche Polizisten durchsuchen zahlreiche Objekte. Die Beamten sind in mehreren Bundesländern im Einsatz

 30.09.2026

Passagiere am Flydubai-Schalter am Ben-Gurion-Flughafen Tel Aviv, 30. September

Saudi-Arabien/Israel

Passagierflugzeug auf dem Weg nach Tel Aviv notgelandet: Was bisher bekannt ist

Ein Überblick

 30.09.2026 Aktualisiert

Jahrestag

Terrorunterstützer planen für den 7. Oktober israelfeindliche Demos

In Duisburg, Frankfurt, Hannover und Köln sind Kundgebungen vorgesehen. Aufrufe zur Teilnahme enthalten unverblümte Terroraufrufe

von Imanuel Marcus  30.09.2026 Aktualisiert

Erfurt

Kerkeling und Maaßen bei erster Anhörung zu AfD-Verbot dabei

Thüringens AfD mit Björn Höcke an der Spitze gilt als besonders radikal. Ist das der Grund, warum erstmals ein Landesparlament Juristen und einen Promi zu einem möglichen AfD-Verbotsverfahren anhört?

von Simone Rothe  30.09.2026

Hessen

Mutmaßlicher IS-Kämpfer festgenommen

In Nordhessen wird ein Mann festgenommen, der für den IS gekämpft haben soll. So lautet der Vorwurf der Bundesanwaltschaft. Jetzt soll ein Richter über die U-Haft entscheiden

 30.09.2026

Rathaus Neukölln

Berlin

Hillel zieht seine Chanukkia aus dem Rathaus Neukölln ab

Der jüdische Bildungsverein will seine Chanukka-Feier künftig an einem »neutralen Ort« abhalten. Für den scheidenden Bürgermeister Martin Hikel ist die Entscheidung ein Schock

 30.09.2026 Aktualisiert