Berlin

Ein Freund

Auf kleinen silbernen Tabletts trägt die Kellnerin ordentlich hintereinander aufgereihte Pita‐Fladen an den fein gedeckten Tisch. Mit einem gekonnten Schwung platziert sie die Brote neben den Gläschen, die mit Hummus und Salaten gefüllt sind. Noch ist es ruhig im Glashof des Jüdischen Museums Berlin. Doch Spannung liegt in der Luft – schließlich wird der wichtigste Mann des Abends erwartet: Christian Wulff. Der Bundespräsident steht als Träger des 55. Leo‐Baeck‐Preises im Mittelpunkt des Abends. Beinahe jeder, der an diesem Mittwoch vergangener Woche in dem Glashof steht oder sitzt, möchte ihn und seine Frau Bettina sehen.

Souverän schreitet das Paar an der Seite des Gastgebers Dieter Graumann, dem Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, begleitet von drängelnden Fotografen und heftigem Blitzlichtgewitter die Treppe zum Saal hinab. Vorbei an prominenten Gästen und ehemaligen Baeck‐Preisträgern wie der Schauspielerin Iris Berben oder der Verlegerin Friede Springer. Köpfe werden gereckt, an einem der hinteren Tische hält kurz jemand sein Foto‐Handy hoch, um den Moment für zu Hause festzuhalten: ein Bild von Christian Wulff.

Laudatio Sein Engagement, so heißt es in der Begründung, sei »von herausragender, von aufrichtiger Empathie und von tiefer Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, Israel und der Welt getragen«. Zentralratspräsident Dieter Graumann lobte Wulff als engen Freund Israels und des jüdischen Volkes. Der Bundespräsident, der im November 2010 als eine seiner ersten Amtshandlungen mit seiner 17‐jährigen Tochter Annalena nach Israel fuhr, habe »in seiner noch kurzen Amtszeit durch tiefe Verbundenheit mit der jüdischen Gemeinschaft« beeindruckt, sagte Graumann. Und dieser Besuch des deutschen Staatsoberhauptes im jüdischen Staat habe ihn nachhaltig berührt.

Zudem hatte der Bundespräsident in seiner Rede am 3. Oktober 2010 erklärt, dass das Judentum zweifelsfrei zu Deutschland gehöre. Lange hätten Juden in diesem Land »auf diese höchst offizielle Einsicht gewartet«, sagte Graumann. Und Zeichen habe Wulff auch mit seinem Besuch der Gedenkstätte Auschwitz gesetzt. Das seien aber nur einige Beweggründe, warum Wulff für den Leo‐Baeck‐Preis ausgewählt wurde. Schließlich habe sich der frühere Ministerpräsident des Landes Niedersachsen schon in seinem damaligen Amt »für ein neues Miteinander« engagiert.

Spirit Graumann betonte, dass die Auszeichnung, die seit 1956 jährlich verliehen wird, voll und ganz im »so besonderen ›Spirit‹ von Leo Baeck« vergeben werde. Denn der 1873 im heutigen Leszno in Posen Geborene war »ohne Zweifel die herausragende Figur des deutschen Judentums in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts«. Baeck vereinte vieles in einer Person: Rabbiner, Gelehrter, Seelsorger, Philosoph, Staatsmann. »Wie keiner sonst in seiner Zeit hat er über das Wesen des Judentums reflektiert und seinen Glauben auch praktiziert.«

Leo Baeck habe seinen Glauben auch immer mit dem Tun verbunden, hob Graumann hervor. In seiner Dankesredes nahm auch Christian Wulff Bezug auf Leo Baeck und erzählte von einer eindrucksvollen Begegnung zwischen dem späteren ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss und Baeck noch während der NS‐Zeit.

Heuss habe dieses Treffen als »Geschenk im Gedächtnis aufbewahrt, weil es eine Gnade ist, in dieser Zeit der seelischen Verwirrung drei Kräften in einem Menschen zu begegnen: der ruhigen Würde, der souveränen Bildung und der inneren Freiheit«.

Allerdings sprach Wulff nicht nur über die Vergangenheit, sondern forderte für die Gegenwart, dass Eltern verstärkt mit ihren Kindern über Geschichte reden sollten: »Als meine Tochter Annalena zehn Jahre alt war, hat sie ein Lied aus einem Musical von Udo Lindenberg gehört. Darin geht es um einen Koffer mit Liedern, Gemälden und Gedichten von Künstlern, die in den 30er‐Jahren vor den Nazis nach Amerika flüchten mussten.«
Vater und Tochter unterhielten sich »über Flucht, Vertreibung, Hass, Unmenschlichkeit und Menschlichkeit«, erzählte der Bundespräsident. »Ich glaube, solche Gespräche gehören zu dem Wichtigsten, was wir jungen Leuten mit auf den Weg geben müssen.«

Muslime Genau wie Dieter Graumann sprach auch Christian Wulff die rechtsextreme Mordserie an Menschen mit türkischem oder griechischem Migrationshintergrund an, die vor zwei Wochen bekannt geworden war. Wulff dankte dem Zentralratspräsidenten, »dass Sie den Muslimen in unserem Land immer wieder Unterstützung gegeben haben. Gerade dann, als man Sie für das christlich‐jüdische Abendland gegen das Morgenland vereinnahmen wollte.«

Im Wortlaut

Dieter Graumann: »Ganz Deutschland ist im Schock. Wir stehen vor einem Abgrund von Rechtsterrorismus, der uns allen Sorge machen muss. Ich glaube, wir brauchen eine neue Entschlossenheit gegen Rechts, einen resoluten Ruck gegen Rechts in der ganzen Gesellschaft, in der Politik, mit einer ganzen Palette von vielen, vielen Maßnahmen. Aber ich glaube, wir brauchen auch eine neue Empathie, eine neue Sensibilität. Das beginnt schon, wie ich finde, bei der Sprache: Dönermorde heißt es oft – meistens sicher ohne böse Absicht. Aber Sprache verharmlost, denn hier sind keine Döner vertilgt und keine Buden zerschmettert worden. Hier hat ein faschistisches Killerkommando – mordend durchs Land ziehend – auf eine Weise, die uns alle fassungslos macht, Menschen hingemetzelt. Menschen, die unschuldig waren und die ihren Familien und Angehörigen für immer fehlen werden. Hier ist eine Lücke gerissen worden, die niemals wieder geschlossen werden kann. Und ich glaube, wir brauchen eine stärkere Trauerarbeit, mehr Empathie, mehr Mitgefühl. Mehr wäre gut, und noch mehr wäre noch besser. Lieber Herr Kolat (Bundesvorsitzender der Türkischen Gemeinde. Anm.d.Red.), in diesen Tagen fühlen wir uns Ihnen ganz besonders nahe. Uns verbindet ein starkes Band von Solidarität, von Empathie, von gefühltem Miteinander. Das sollen Sie wissen. Und das wird immer so sein.«

Christian Wulff: »In den vergangenen Tagen wurde bekannt, dass über einen langen Zeitraum erschütternde rechtsextremistische Gewalttaten, vor allem eine Vielzahl von Morden, gegen unschuldige Mitbürgerinnen und Mitbürger begangen worden sind. Menschen in unserem Land, mitten unter uns, wurden Opfer von tödlichem Hass und rechtsextremistischer Gewalt. Ich bin erschüttert und teile die Empörung der Menschen in unserem Land. Wir gedenken der Toten und teilen das Leid ihrer Angehörigen. Noch wissen wir nicht, wie viele Menschen insgesamt betroffen sind. (…) Wir dürfen gegenüber den Hinterbliebenen nicht sprachlos sein. Deutschland profitiert von seiner Weltoffenheit. Diese werden wir ausbauen und verteidigen gegen alle, die Ängste vor Fremden und Fremdem schüren. Wir alle sind aufgefordert, jeden Angriff konsequent zu unterbinden. Wir brauchen ein Klima, das schon pauschale Diffamierungen nicht zulässt. Sie sind der Nährboden für Gewalt. »Niemand darf wegen seines Geschlechtes, seiner Abstammung, seiner Rasse, seiner Sprache, seiner Heimat und Herkunft, seines Glaubens, seiner religiösen oder politischen Anschauungen benachteiligt oder bevorzugt werden.«

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