Syrien

Ein Feind weniger?

Diktator in Übergröße: Bei einer Anti-Assad-Demonstration in Deraa versuchen einige Menschen, sein Bild herunterzureißen. Foto: Reuters

Massive Proteste in Syrien haben am Dienstag Präsident Baschar al-Assad gezwungen, seine Regierung abzuberufen. »Assads Herrschaft ist vorbei«, sagt Mordechai Kedar, ehemaliger israelischer Geheimdienstler und heute Syrien-Experte an der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan. Der Diktator hatte vor elf Jahren von seinem Vater die Macht übernommen.

Für Israel bedeutet der Umbruch im Nachbarland etwas grundlegend Neues. Bislang schien es, als erreichten die Revolutionen in der arabischen Welt nur Länder, mit denen Jerusalem gut oder zumindest pragmatisch kooperierte: Ägypten, Tunesien, dann Bahrain und Jordanien. »Wir hatten die Befürchtung«, heißt es aus Regierungskreisen, »dass die Revolutionen nur die gemäßigten arabischen Staaten erfassen«. Doch nun, mit Libyen und Syrien, zeige es sich, dass auch Israels erklärte Feinde nicht von Aufständen verschont bleiben. »Und trotz brutaler Gewalt gegen die eigene Bevölkerung haben die Despoten sogar bessere Aussichten, an der Macht zu bleiben.«

bündnisgenossen Israels Regierung beurteilt den möglichen Umbruch im Nachbarland hinter vorgehaltener Hand dennoch durchaus positiv. »Wenn auch die Extremisten von der Welle der Rebellionen erfasst werden, eröffnet das neue Perspektiven«, lautet eine Einschätzung. Assad hat Syrien als engen Bündnisgenossen des Iran etabliert. Noch Ende Januar begründete er im Wall Street Journal seine harte Anti-Israel-Politik damit, dass sie im Einklang mit dem Volkswillen stehe. Sie sei Garant dafür, dass bei ihm – im Gegensatz zu Ägypten und Tunesien – keine Unruhen ausbrechen würden.

Seit Jahrzehnten spielt Syrien eine zentrale Rolle in der Anti-Israel-Achse: In Damaskus haben Terrororganisationen wie die Hamas ihr Hauptquartier aufgeschlagen. Auf dem Flughafen der syrischen Hauptstadt werden nach Erkenntnissen des israelischen Militärgeheimdienstes die Waffenlieferungen Teherans an die libanesische Hisbollah entladen. Laut ausländischen Berichten hat Assad den Kämpfern der Hisbollah ganze Kasernen mit Mittelstreckenraketen zur Verfügung gestellt.

Daneben drohte er auch immer wieder mit einer militärischen Rückeroberung der von Israel 1967 in Besitz genommenen Golanhöhen. Syriens reguläre Armee gilt zwar als veraltet und stellt für moderne Streitkräfte wie die Zahal keine Bedrohung dar, dennoch verfügt Assad über ein großes Raketenarsenal und chemische Waffen. Sein Versuch, insgeheim ein Atomprogramm auf die Beine zu stellen, wurde von israelischen Kampfbombern 2007 im letzten Augenblick verhindert.

Ein möglicher Untergang des Herrschers bietet für Israel augenscheinlich viele Vorteile: »Ohne ihn wird Syrien kaum ein geeintes Land bleiben«, meint Nahost-Experte Mordechai Kedar. Ähnlich wie der Irak, Jemen oder Sudan werde das Land in seine ethnischen Bestandteile zerfallen. Dies hätte für den jüdischen Staat zwei große Vorzüge: Zum einen habe Assad Israel als Feind »kultiviert«, um von inneren Problemen abzulenken. »Werden Kurden, Drusen, Sunniten und Alawiten künftig nicht mehr in ein künstliches Korsett gezwängt, verschwindet auch die Notwendigkeit, das Feindbild Israel zu pflegen.« Zum anderen entstünden mit einem Drusen- oder Kurdenstaat vielleicht sogar neue strategische Verbündete für Jerusalem.

nachteile Doch auch, wenn viele Israelis ihre Schadenfreude über Assads Probleme kaum verbergen wollen, könnte dessen Niedergang negative Konsequenzen für ihr Land haben. »Ich bin mir noch gar nicht sicher, ob Assad überhaupt stürzen wird«, sagt Itamar Rabinovic, in den frühen 90er-Jahren israelischer Chefunterhändler bei den gescheiterten Friedensgesprächen mit Syrien. »Doch wenn es so sein sollte, könnte eine lang andauernde Phase der Instabilität die Folge sein«, warnt Rabinovic.

Paradoxerweise sei Israels Waffenstillstandslinie mit Syrien seit Jahrzehnten die ruhigste Landesgrenze. »Niemand aber weiß, wer nach Assad das Ruder übernimmt. Es könnten auch die Muslimbrüder oder noch extremistischere Strömungen sein«, mahnt Rabinovic. Alles andere als erfreuliche Aussichten.

Entscheidung

Halberstädter Museum für jüdische Kultur wird weiter gefördert

Im Jahr 2001 wurde das Berend Lehmann Museum für jüdische Geschichte und Kultur in Halberstadt gegründet. Zum Museum gehören die frühere Mikwe sowie die Synagoge im ehemaligen rabbinischen Lehrhaus, der Klaus. Sie bekommen weiterhin eine Förderung.

 09.07.2026

Magdeburg

Was eine AfD-Regierung in Sachsen-Anhalt ändern könnte

Von der Kündigung des Rundfunkstaatsvertrages bis hin zur Ängerungen von »Geschichte«-Lehrplänen: Was will die rechtsextremistische Partei im Falle eines Wahlsieges noch?

von Christopher Kissmann  09.07.2026

Frankfurt am Main

Becker fordert Verbot von Pro-Terror-Kundgebung, DIG initiiert Gegendemo

»Palästina darf sich wehren, auch mit Steinen und Gewehren«: Unter diesem Motto ruft eine Gruppierung zu einer Kundgebung auf. Auch die Grünen wollen die Versammlung untersagen

von Imanuel Marcus  09.07.2026

Antisemitismus

Chrupalla-Lob für Möllemann

DIG-Präsident Volker Beck übt heftige Kritik am Co-Chef der AfD

 09.07.2026

Humanitäre Hilfe

Israel weist Berichte über Versorgungsengpässe in Gaza zurück

Einem neuen Bericht zufolge sind seit der Waffenstillstandsvereinbarung vom Oktober 2025 1800 Millionen Tonnen an Lebensmitteln nach Gaza gelangt. Israel sagt, das sei mehr als vor dem Krieg

 09.07.2026

berlin

Strafbefehl gegen Hudhaifa Al-Mashhadani

Der Leiter einer säkularen Arabischschule in Neukölln soll einen Mordanschlag gegen sich erfunden haben

 09.07.2026

Argentinien

Der jüdische Teil von Messi

Während im Internet Gerüchte über Lionel Messis Herkunft und Sympathien rumoren, erzählt der Sohn eines verstorbenen argentinischen Fußballfans eine besonders schöne Geschichte

von Sophie Albers Ben Chamo  09.07.2026

Genf

Bericht: UNESCO ehrte tote Terroristen als »Journalisten« – und korrigierte sich nie

Die UN-Unterorganisation soll die Fakten nie richtiggestellt haben, obwohl die Hamas und die Gruppe Islamischer Dschihad die Mitgliedschaften teils selbst öffentlich gemacht hatten

 09.07.2026

Freudenstadt

Waldorfschule bewarb Theaterstück »Der Geizhals« mit Hakennasen-Mann

In der Schule war niemandem aufgefallen, dass das mittlerweile entfernte Werbeposter eine antisemitische Bildsprache benutzt

 09.07.2026