Essay

Ein deutsches Mädel

Es ist der bedeutendste Strafprozess in der Geschichte des wiedervereinigten Deutschlands. Seit nunmehr einem Jahr verhandelt das Oberlandesgericht München gegen den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU). Morde und Mordanschläge aus rassistischen Motiven, erklärtermaßen begangen in der Kontinuität des Hitlerschen Nationalsozialismus, den die BRD bewältigt glaubte, von dem die DDR meinte, ihn bei sich ausgerottet zu haben.

Hauptangeklagte ist die 39-jährige Beate Zschäpe aus Jena, der nur wenig nachzuweisen sein wird. So stellt es sich nach 100 Verhandlungstagen dar. Ihre mutmaßlichen Mittäter, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, entzogen sich dem Gericht durch Selbstmord.

Angeklagt ist Zschäpe der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung, deren Ideal »eine reinrassig arische Gesellschaft« war, sowie der Mittäterschaft an zehn Morden, zwei Sprengstoffanschlägen und 15 bewaffneten Raubüberfällen. Vier Monate vor dem ersten Mord vereitelte der Verfassungsschutz die Festnahme des NSU-Trios. Der Kriminalbeamte, der die Verhaftung mehrfach angemahnt hatte und durchführen wollte, wurde versetzt.

Zu vermuten steht, dass nur die von der Angeklagten in Brand gesetzte letzte NSU-Wohnung in Zwickau Beate Zschäpe für mehrere Jahre ins Gefängnis bringen wird. Eine »besonders schwere Brandstiftung«, bei der sie den Tod der Hausbewohner billigend in Kauf genommen haben könnte. Dass ihre mutmaßlichen Mittäter – mit beiden hatte Zschäpe eine Liebesbeziehung – sich selbst nach dem zehnten Mord erschossen, macht den drei Verteidigern die Arbeit leicht. Ihrer Mandantin haben sie anempfohlen, konsequent zu schweigen. Und das tut Beate Zschäpe.

tragödie Den Verhandlungstagen wohnt sie kühl bei, ohne einen Anflug von Erschütterung, gar von Entsetzen. Ihr gegenüber sitzen Familienmitglieder der Ermordeten, deren diszipliniertes Verhalten bewundert werden muss. Sie sind es, die vor Gericht noch einmal die Tragödien durchleben müssen.

Eine Tragödie ist ein Geschehen, welches in denjenigen, die davon hören, Mitleid und Furcht erweckt. Mitleid mit den Opfern und ihren Familien. Furcht vor der bösen Tat. Vollends Furcht, wenn es um mehr geht als die ins Mitleid einbezogene Besorgnis für die Leidtragenden. Wenn es um Furcht vor dem Unheimlichen geht, das der bösen Tat innewohnt.

Die Täter spähten ihre Opfer aus, und völlig furchtlos mordeten sie, durchdrungen von eigenen Größenfantasien. Auf dem Fahrrad hingeradelt. Die Waffe aus dem Rucksack genommen. Der Ceska 83 den Schalldämpfer aufgeschraubt. Dem Mann, dessen Laden sie betraten, ins Gesicht geschossen. Am helllichten Tag. Und davongeradelt.

Weder Mitleid noch Furcht weckten in der deutschen Bevölkerung über Jahre diese Morde an nicht deutschstämmigen Männern. Sie stammten aus der Türkei und aus Griechenland, waren Händler und Handwerker, fleißige Leute, selbstständig, tüchtig, gut integriert in die deutsche Gesellschaft. Die Presse schrieb von »Döner-Morden«. Ermittlungsbehörden sprachen von »türkischer Mafia« und verdächtigten die Leidtragenden. Man las es und wunderte sich nicht.

ost und west Im Schlaglicht der Zusammenhänge – rassistische Morde begangen in Westdeutschland zwischen 2000 und 2007, mutmaßliche Täter drei Ostdeutsche –, macht ein Buch von Sabine Rennefanz von sich reden mit dem Titel Eisenkinder, erschienen bei Luchterhand. Die Autorin, aufgewachsen in der DDR, möchte der Wendegeneration eine Stimme geben, den DDR-Jugendlichen, die zusahen, wie Eltern und Lehrern die Arbeit, die Überzeugung, die Bedeutung abhandenkamen, während der jahrzehntelang bekämpfte Klassenfeind BRD die Zone abwickelte und seine Immobilienmakler, Versicherungsvertreter und Zeitschriftenaboverkäufer an die Ostfront schickte.

Die Buchautorin im Alter von Beate Zschäpe, die sich ausdrücklich nicht mit der NSU-Frau vergleichen mag, dafür aber mit dem bedeutenderen Uwe Mundlos, schloss sich in Hamburg einer fundamentalistischen Sekte an, aus Schwärmerei für eine christliche Funktionärin, die ihr »wie ein Filmstar« vorkam. Denkt man da an Uwe Mundlos? Doch eher an Beate Zschäpe.

»Auch ich«, schreibt Rennefanz, »sehnte mich nach Übersichtlichkeit, nach Einfachheit, nach einer Heimat. Ich hätte wahrscheinlich auch Islamistin, Scientologin oder vielleicht, unter besonderen Umständen, Neonazi werden können. Es war nur eine Frage, wer mich zuerst ansprach.«

Mehr nicht? Die Autorin ist beseelt davon, den Westdeutschen zu erklären, warum junge Ostdeutsche zu rassistischen Mördern werden können, gleichzeitig möchte sie diesen Makel von der alten DDR abwenden und alles zu westdeutschem Klischeedenken machen. Und so darf man konstatieren: Der Umbruch ließ viele abstürzen. In der Freiheit ging die als gemütlich erinnerte DDR-Solidarität flöten. Die einst bewunderte und beneidete BRD fand alles im Osten Vorgefundene nur schlecht. Einzig zwischen west- und ostdeutschen Neo- und Altnazis funktioniert die Wiedervereinigung bestens.

verleugnung Die DDR hatte in ihrer Geschichtsschreibung die gemeinsame Begeisterung für Hitler verleugnet. Der Umgang mit der deutschen Schuld, ob akzeptierend oder vehement ablehnend, diese sogenannte Vergangenheitsbewältigung, für die Deutschland im Ausland heute gelobt wird, sie geschah bezogen auf deutschen Antisemitismus nur in Westdeutschland. Die DDR identifizierte sich ausschließlich mit dem Widerstand gegen Hitler. Gleichzeitig der propagierte Hass auf den Staat der Juden, auf den »imperialistischen Aggressor« Israel.

In der Hauptangeklagten Zschäpe und ihren beiden toten Mittätern personifiziert sich nun auf unheimlich vertraute Weise die gesamtdeutsche Nazivergangenheit. Beate Zschäpe war das Vorzeigegesicht des Nationalsozialistischen Untergrunds: spießbürgerlich, bieder, tierlieb, Spaß haben wollend. Und »niedlich wie ein Mäuschen« dem Zwickauer Nachbarn gegenüber, bei dem das Hitlerbild über der Vitrine hängt, und noch gestern war es Honecker.

Einblicke in die gemütliche DDR von einst beschert dieser Prozess, und Szenen eines dauerhaft schwelenden ostwest-deutschen Familienzwists. Vor Gericht zwischen Ost-Professor und West-Richter nutzte Siegfried Mundlos, Vater des toten Uwe, Wissenschaftler mit DDR-Karriere, seine Zeugenvernehmung, Richter Götzl einen »Klugscheißer« zu nennen, und biss angesichts des hohen Gerichts in einen Apfel. Er verlangte, den Verfassungsschutz auf die Anklagebank zu setzen. Man gebe Nazis Geld und ermögliche damit Straftaten. Richter Götzl ließ den »Klugscheißer« ohne Ordnungsstrafe passieren.

outfit Regelmäßig wiederkehrender Höhepunkt für die Hauptangeklagte Beate Zschäpe ist ihr Eintritt in den Gerichtssaal, schwungvoll und auffallend gut gekleidet. Offenbar eine Inszenierung der drei Anwälte. Die Frau, die in Jogginghosen auf ihrem Sofa unter der Reichskriegsflagge saß und mit ihren zwei Männern »Pogromly« spielte, ein selbst gebasteltes Gesellschaftsspiel, den Judenmord verhöhnend, verfügt gewiss nicht über einen solchen Kleiderschrank.

Sie erscheint mal im Kostümchen, mal im eleganten Hosenanzug, sorgsam geschminkt und frisiert, ein Schmuckstück im Haar, den hastigen Blick gierig der Presse zugewandt, vor deren Kameras die Pflichtverteidiger Anja Sturm, Wolfgang Stahl und Wolfgang Heer sie rasch umstellen. Allzu viel öffentliches Bildmaterial möchte Käufer künftiger Rechte an Storys, Büchern, Filmen verstimmen.

Sturm, Stahl, Heer, die drei Anwälte, bis gestern noch völlig unbekannt, stehen im Licht der Weltöffentlichkeit und könnten sich am Beginn einer großen Karriere sehen. Im Publikum darf niemand über sie lachen. Gleich fordern sie den Richter auf, zu maßregeln. Die Kostümierung, mit der sie aus ihrer Mandantin eine ihnen gleichende Karrieristin machen, mag sich für Beate Zschäpe einreihen in Vorausgegangenes. Es ging immer um fantasierte Größe, bis zuletzt, als die zwei NSU-Männer sich töteten.

Nach Jahren ungestörten Mordens, da nun doch die Verhaftung drohte, entzog man sich dem deutschen Rechtsstaat, der vorher gedemütigt wurde, indem man am helllichten Tag, am Rande eines Volksfestes, dessen Staatsdiener, zwei Polizisten, von hinten niederschoss. Eine Beamtin starb, ihr Kollege überlebte. Und danach opferten sich die beiden Uwes im nationalsozialistischen Heldengestus der gemeinsamen Frau, Beate Zschäpe. Bedeutungshungrig, als ungeliebtes Kind von der Mutter an die Großmutter weggegeben, Vater unbekannt. Und auf einmal Herrscherin über Leben und Tod.

Ukrainereise

Prien bei Gedenken in Babyn Jar: Erinnerung verpflichtet uns

Bundesfamilienministerin Prien ist in die Ukraine gereist. Am heutigen Dienstag sprach sie beim Gedenken an die ermordeten Juden in Babyn Jar. Sie betonte auch, Deutschland stehe weiter an der Seite der Ukraine

von Birgit Wilke  06.10.2026

Fokus

Aktionswochen gegen Antisemitismus gestartet - Zahlen zu Hochschulen

Die bundesweiten Aktionswochen gegen Antisemitismus nehmen dieses Jahr die Lage an den deutschen Universitäten in den Blick. Die Amadeu-Antonio-Stiftung nennt erhobene Vorfallszahlen - und stellt Forderungen

von Daniel Zander  06.10.2026

Sachsen-Anhalt

Bitterer Vorgeschmack

Die heutige Wahl des ersten AfD-Landtagspräsidenten zeigt, wie die rechtsextreme Partei im Dezember auch den Ministerpräsidenten stellen könnte

von Mascha Malburg  06.10.2026 Aktualisiert

Dialog

Zwischen Vatikan und Juden geht nach dem 7. Oktober kaum noch was

Seit Jahrhunderten ist das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Juden turbulent. Nach einem Zwischenhoch unter Johannes Paul II. kühlte es wieder ab. Und seit dem Gazakrieg nähert es sich einem neuen Tiefpunkt

von Ludwig Ring-Eifel  06.10.2026

Berlin: das Rote Rathaus mit Fernsehturm im Hintergrund

Glosse

Ein Coach berät die Berliner Linke

Unser Autor ist Psychologe, Coach und Berater. Der Linkspartei und ihrer Regierenden Bürgermeisterin in spe, Elif Eralp, hilft er an dieser Stelle kostenlos

von Louis Lewitan  06.10.2026

Düsseldorf

Nach Angriff auf Juden: Polizei veröffentlicht Fahndungsfoto

Die Tatverdächtigen sollen einen Mann verprügelt haben, weil der ein T-Shirt mit »IDF«-Schriftzug getragen hatte

 06.10.2026

Sachsen-Anhalt

Tobias Rausch zum ersten AfD-Landtagspräsidenten gewählt

Er ist jetzt der protokollarisch ranghöchste Politiker in Sachsen-Anhalt. Nach ihrem Wahlsieg im September stellt die AfD mit Tobias Rausch den Landtagspräsidenten.

 06.10.2026

Essay

Der 7. Oktober und das Ungeheuer

Damals ist das Ungeheuer namens Judenhass neu ausgebrochen und wütet seitdem mit einem Furor, dem wir fassungslos gegenüberstehen. Sein Appetit ist ungebrochen, und es wird täglich gefüttert

von Esther Schapira  06.10.2026

Aufruf

Buchpreis-Trägerin Shida Bazyar warnt vor AfD

Shida Bazyar ist mit dem diesjährigen Deutschen Buchpreis ausgezeichnet worden. In einem Vorab-Interview äußerte sie sich auch politisch

von Anita Hirschbeck  06.10.2026