Begegnung

Ein deutsches Anliegen

In der »Halle der Namen« in Yad Vashem: Bundespräsident Christian Wulff mit Tochter Annalena Foto: ddp

Junge Israelis, kaum 20 Jahre alt, die in grauen Uniformen vor dem Palast ihres Präsidenten die deutsche Nationalhymne spielen. Und gleich darauf die Hatikwa. Hinter ihnen ein Strauß schwarz-rot-goldener und blau-weißer Fahnen. So klingen, so sehen sie aus, die Beziehungen zwischen Deutschland und dem jüdischen Staat Ende November 2010. Ein besonderes Verhältnis, trotz aller diplomatischen Routine, die sich in den vergangenen Nachkriegsjahrzehnten entwickelt hat. Auch Christian Wulffs erster Israel-Besuch als neuer Bundespräsident ist alles andere als alltäglich oder »normal«, auch wenn Schimon Peres ihn an diesem Sonntagvormittag in seiner Jerusalemer Residenz einen »alten Freund des jüdischen Staates« nennt.

Vieles zwischen Israel und Deutschland wirkt gegenwärtig, ja zukunftsorientiert. Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur – der Austausch zwischen beiden Staaten funktioniert. Es könnte also alles von einer gewissen Leichtigkeit sein. Aber da ist, da bleibt die Vergangenheit. Die Schoa. Dieses »unfassbare Verbrechen«. Das sind die Worte, die Wulff am Mittag ins Gästebuch von Yad Vashem schreiben wird. Verbunden mit einem klaren Bekenntnis zu Israels Sicherheit und Existenzrecht.

Versöhnungsarbeit Und da ist die Verantwortung der Deutschen. Auch sie bleibt, hat Bestand für die kommenden Generationen. Um das deutlich zu machen, ist Wulff nach Israel gekommen. Es geht um Versöhnungsarbeit. Deshalb hat er nicht nur die obligatorische Wirtschaftsdelegation aus Deutschland mitgebracht, sondern auch einige Jugendliche. Und seine 17-jährige Tochter Annalena, die in Osnabrück zur Schule geht. Mehr Symbolik geht kaum. Zeichen setzen und zuhören, das sind auch die beiden Aspekte, die im Vordergrund von Wulffs erstem Tag im Heiligen Land stehen.

Dafür nimmt sich der Bundespräsident Zeit, viel Zeit. Nach der Auftaktbegegnung mit Amtskollege Peres und einer Kranzniederlegung am Grab von Theodor Herzl geht es zur Holocaust-Gedenkstätte. Bald zwei Stunden lässt sich Wulff durch die Ausstellung des Museums führen. Vorbei an Vitrinen mit Dokumenten, Fotos und anderen Zeugnissen, die das Grauen der Schoa dokumentieren.

Gedenken Am Ende seines Rundgangs steht Wulff in der Halle der Erinnerung. Dort, wo eine immer brennende Flamme an die Millionen Opfer des Holocaust erinnert. Dort, wo alle Staatsgäste der Ermordeten gedenken. Dort, wo im steinernen Boden die Namen der großen Vernichtungslager zu lesen sind. Zu seiner Linken Schimon Peres, zu seiner Rechten Tochter Annalena. Wie ihr Vater hat die groß gewachsene junge Frau mit dem langen blonden Haar ihre Hände vor dem Oberkörper gefaltet. Und dann legen zwei der mitreisenden Jugendlichen einen Kranz nieder. Wulff tritt vor, richtet die Bänder, macht einen kurzen Schritt zurück und verharrt für eine Minute. Auch das ein Bekenntnis zum schlimmsten Kapitel der Geschichte. Und eines zu Israel, zum jüdischen Staat, an dessen Seite die Bundesrepublik steht, weiter stehen wird. Daran lässt der Chef von Schloss Bellevue keinen Zweifel. Die Vergangenheit, so lautet die Botschaft, kann nichts Vergängliches haben. Die Erinnerung an die Nazibarbarei zu bewahren: ein deutsches Anliegen.

Aber trotz Macht der Vergangenheit – Gegenwart und Zukunft fordern auch ihren Tribut. Das Jetzt und das Morgen lassen sich in dieser Krisenregion auf ein Kernproblem herunterbrechen: den Nahostkonflikt. Wulff weiß das. Doch er ist nicht nach Israel gekommen, um Ratschläge zu erteilen. Dem nach dem Krieg Geborenen geht es vielmehr darum, Vertrauen zu schaffen, er will erfahren, was Deutschlands Rolle sein könnte. Und er möchte die andere Seite hören. Am Dienstag geht es nach Bethlehem, ins palästinensische Autonomiegebiet. Dort trifft Wulff mit Präsident Mahmud Abbas zusammen. Die Vergangenheit wird in diesem Gespräch vermutlich nur eine sehr untergeordnete Rolle spielen. Denn beim Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern steht vor allem eines auf dem Spiel: die Zukunft.

Nahostkonflikt

Donald Trump lobt sich selbst - und tadelt Israel

Beim G7-Gipfel im französischen Evian holte der US-Präsident erneut zu einem rhetorischen Rundumschlag aus. Anstelle von Benjamin Netanjahu lobte er Syriens Präsident Ahmed Al-Scharaa

 16.06.2026

Berlin

YouGov-Umfrage: AfD neun Prozentpunkte vor der Union

Die Partei nähert sich in einer neuen Umfrage der 30-Prozent-Marke. Der Vorsprung auf die Union ist in der Erhebung so groß wie noch nie

 16.06.2026

Berlin

Trotz Zusage: AfD-Politiker darf nicht in gehobenen Dienst

Ein AfD-Kommunalpolitiker bewirbt sich für ein Polizeistudium. Dann erfährt das Land Berlin von seinem politischen Amt und zieht die Zusage zurück. Ein Gericht hat nun vorläufig entschieden

 16.06.2026

Debatte

Politologe: AfD als rechtsextrem zu bezeichnen, schreckt kaum noch Wähler ab

In Hessen stufte der Verfassungsschutz die Partei als rechtsextremen Verdachtsfall ein. Das bestärke die AfD in ihrer Opferrolle, meint Professor Christian Stecker

 16.06.2026

Berlin

JFDA veröffentlicht Dossier zur Parole »Globalize the Intifada«

Die NGO beschäftigt sich mit der Bedeutung und Wirkung des Slogans, der in den vergangenen Monaten bei israelfeindlichen Demonstrationen verwendet worden ist

 16.06.2026

Essen

Schüler wollte Juden ermorden: Islamistischer Messerangreifer vor Gericht

Dem Angeklagten wird dreifacher versuchter Mord vorgeworfen. Laut Staatsanwaltschaft beabsichtigte er, möglichst viele Juden zu töten, fand aber keine

 16.06.2026

USA

Jüdische Organisationen kritisieren Iran-Abkommen

Trump sei »so fixiert darauf gewesen, ein Abkommen mit dem Iran zu erreichen, dass er ohne jede Scheu bereit war, Israel beiseitezuschieben«, sagt Halie Soifer, die Vorsitzende des Jewish Democratic Council of America

 16.06.2026

Interview

»Mir wurde immer wieder vorgeworfen, ich sei zu proisraelisch«

Der Schweizer Politiker und Ständerat Daniel Jositsch über die wahren Gründe für seinen Austritt aus der SP, postkoloniale Irrwege und den Antisemitismus innerhalb der Linken

von Nicole Dreyfus  16.06.2026

Heemstede

Niederländische Polizei vereitelt Anschlag auf Synagoge

Zwei Jugendliche und zwei Erwachsene befinden sich in Haft. Ziel des geplanten Anschlags soll ein jüdisches Gotteshaus gewesen sein

 16.06.2026