Widerstand

»Draußen brennt die Synagoge!«

Konsequenter Gegner des NS-Regimes: Bernhard Lichtenberg (1875–1943), der während der Deportation in das KZ Dachau starb. Foto: dpa

Widerstand

»Draußen brennt die Synagoge!«

Heute vor 75 Jahren starb der Priester und »Gerechte unter den Völkern« Bernhard Lichtenberg. Eine Erinnerung

von Christian Feldmann  05.11.2018 08:41 Uhr

Im Büro des preußischen Ministerpräsidenten Hermann Göring herrscht im Juli 1935 Empörung: Ein Kirchenmann habe angerufen und eine sofortige Unterredung mit Göring verlangt.

Ihm seien entsetzliche Vorkommnisse im Konzentrationslager Esterwegen zu Ohren gekommen. Es handelt sich um den kommissarischen Leiter des Bistums Berlin, den Vertreter des eben gestorbenen Bischofs, Bernhard Lichtenberg (1875–1943).

Detailliert schilderte dieser das in Esterwegen übliche Prügelritual – vor den versammelten Lagerinsassen 25 Schläge mit dem Ochsenziemer, die der Gefangene mitzählen musste – und die Behandlung der Juden: »Sie müssen meistens Jauche fahren, die Klosettgruben reinigen, und das teilweise mit den Händen.«

Kampf Lichtenberg bekommt den Bescheid, man wisse schon um die Missstände und werde sich um Abhilfe bemühen. Doch er lässt sich nicht so einfach abspeisen. Er legt seinen Bericht auf den Tisch und schreibt eigenhändig dazu: »Dem Preußischen Staatsministerium persönlich überreicht mit der Bitte um Nachprüfung und Remedur. Berlin, 18. VII. 1935. Lichtenberg, Domkapitular.« Von diesem Augenblick an steht Bernhard Lichtenberg auf der schwarzen Liste der Nazis.

Mit dem unentwegten Kampf gegen Widerstände war er groß geworden. Die Katholiken bildeten eine kleine Minderheit im niederschlesischen Ohlau, wo er 1875 zur Welt kam. Lichtenbergs Vater, ein Kaufmann, engagierte sich im »Kulturkampf« leidenschaftlich für die katholische Sache.

Soziale und gesellschaftspolitische Fragen interessierten auch seinen Sohn, als er in Prag, München und Innsbruck Theologie studierte. Später als Kaplan in Berlin belegte er drei Semester nationalökonomische Vorlesungen – zusätzlich zu den gewaltigen Aufgaben eines Großstadtseelsorgers.

besessen Lichtenberg muss ein besessener Seelsorger gewesen sein, unkonventionell, immer präsent. Exakt 2578 Predigten hat er verfasst, die er mit gewaltiger Stimme vortrug wie ein Shakespeare-Darsteller. Als ihm ein Eisenbahner bedauernd erklärte, er könne sonntags leider nicht zur Messe gehen, sein Dienst beginne zu früh, da richtete Lichtenberg einen zusätzlichen Gottesdienst um viertel vor fünf Uhr morgens ein.

Hitlers Mein Kampf hatte der streitbare Priester aufmerksam gelesen und mit kritischen Randbemerkungen versehen. Bei Propagandaveranstaltungen stieg er auf das Podium und wies die Hetze gegen Juden und Jesuiten sachlich aber entschlossen zurück.

Als der Friedensbund deutscher Katholiken, dem er angehörte, 1931 den Antikriegsfilm Im Westen nichts Neues nach dem Roman von Erich Maria Remarque zeigte, titelte der »Angriff«, ein von Joseph Goebbels herausgegebenes nationalsozialistisches Kampfblatt: »Viehische Totenschändung!!! Prälat Lichtenberg verhöhnt unsere Gefallenen!!!«

Pogrom Am 10. November 1938 – die Pogromnacht hatte zahllosen Juden Tod und Deportation gebracht, aus der Ruine der zerstörten Berliner Synagoge drang noch Rauch – stieg der inzwischen zum Dompropst ernannte Lichtenberg auf die Kanzel der Hedwigskathedrale.

»Ich dachte, mir blieb der Atem stehen«, erinnert sich eine Augenzeugin, getaufte Jüdin, als sie Lichtenberg mit ruhiger Stimme sagen hörte: »Ich bete für die Priester in den Konzentrationslagern, für die Juden, für die Nichtarier (...). Draußen brennt die Synagoge! Das ist auch ein Gotteshaus.«

Es bleibt ein Rätsel, dass der Dompropst dieses Abendgebet für die verfolgten Juden noch drei Jahre lang Tag für Tag unbehelligt wiederholen konnte. Offenbar haben die Mitbeter in der Kirche dichtgehalten. Auch das beim Bischöflichen Ordinariat eingerichtete Hilfswerk, das Juden Kleider- und Lebensmittelkarten beschaffte, etliche Deportationen verhinderte, manchen das Leben rettete, indem es sie als »Hausangestellte« nach England vermittelte, auch dieses Hilfswerk arbeitete mitten in Hitlers Regierungsviertel so gut getarnt, dass es nicht aufflog.

KZ Im September 1941 wurden zwei Studentinnen aus dem Rheinland zufällig Ohrenzeuginnen der gewohnten Fürbitte für die Juden. Empört denunzierten sie den Priester. Lichtenberg kam in Untersuchungshaft: Schikanen, Verhöhnung, Gewalt. Schließlich wurde der Häftling wegen »Kanzelmissbrauchs« zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt.

Schwer herzkrank und gefährlich abgemagert, kam er im Oktober 1943 wieder in Freiheit – um von der Gestapo sofort in »Schutzhaft« genommen zu werden. Auf dem Weg ins KZ Dachau starb er völlig entkräftet am 5. November 1943 in der bayerischen Stadt Hof.

Im Jahr 1996 sprach der Papst ihn selig, im Jahr 2004 verlieh die israelische Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem ihm den Ehrentitel »Gerechter unter den Völkern«. Lichtenbergs sterbliche Überreste sind in der Krypta von St. Hedwig in Berlin beigesetzt.

Berlin

Julia Klöckner ruft zum Kampf gegen Antisemitismus auf

Die Bundestagspräsidentin erinnert an die Opfer des 7. Oktober 2023 in Israel. Ihre Botschaft: Antisemiten müssten in die Schranken gewiesen werden

 07.10.2026

Bettina König (SPD), Kerstin Wolter (Die Linke) und Nina Stahr (Grüne, v.l.) vor dem ersten Vorsondierungsgespräch, 1. Oktober

Nach der Wahl

Linke, Grüne und SPD in Berlin beraten über Umgang mit Antisemitismus

Die Regierungsbildung ist noch nicht richtig in Gang gekommen. Nun treffen sich Linke, Grüne und SPD zu einem dritten Vorgespräch – an einem historischen Tag. Prominente warnen vor Rot-Grün-Rot

 07.10.2026

Meinung

Magdeburg: Versagen der Demokraten

Nach der Wahl eines AfD-Landtagspräsidenten in Sachsen-Anhalt: Wie der Vormarsch der Rechtsextremen weitergeht, hängt auch von den demokratischen Parteien ab. Jetzt wären Zusammenhalt, Disziplin und Führung gefragt

von Michael Thaidigsmann  07.10.2026

Nahost

Test für den Pakt

Was bedeuten die jüngsten Huthi-Angriffe für das Verteidigungsabkommen, das Saudi-Arabien mit Pakistan und der Türkei unterzeichnet hat?

von Reinhard Schulze  07.10.2026

Islamismus

Studie: Nach Verbot des Islamischen Zentrums Hamburg verlagern sich Netzwerke nach Frankfurt

Einer neuen Untersuchung von American Jewish Committee Berlin und democ zufolge bestehen die Strukturen des vom Iran gesponserten schiitischen Islamismus in Deutschland fort

 07.10.2026

Berlin

Fischer, Thierse, Altmaier – Prominente warnen vor Rot-Grün-Rot

Frühere Spitzenpolitiker von SPD, Grünen und CDU wenden sich gegen eine Koalition mit der Linkspartei in der Hauptstadt. Sie sähen gemeinsame Grundüberzeugungen zu Rechtsstaat und Demokratie nicht gesichert, heißt es in einem Appell

 07.10.2026

Berlin

Initiative von Jüdinnen und Juden wendet sich gegen Koalition mit der Linken

Mit einem offenen Brief an Vertreter von SPD und Grünen in Berlin und auf Bundesebene sowie ihre Fraktionsmitglieder warnen die Unterzeichnenden vor einer Regierung mit der Linkspartei in der Hauptstadt

 07.10.2026

Justiz

Fast 12.500 Strafverfahren zum Nahost-Konflikt in Berlin

Seit dem Terrorangriff auf Israel hat der Antisemitismus zugenommen. Keine Woche vergeht in Berlin ohne Demonstrationen zum Gaza-Krieg. Wie aufgeheizt die Stimmung ist, zeigen auch Zahlen der Justiz

 07.10.2026

Antisemitismus

Nach Angriff auf jüdischen Mann in Düsseldorf: Verdächtige ermittelt

Eine Woche nach dem Angriff auf einen deutschen Juden am Rheinufer in Düsseldorf hat die Polizei nun zwei Tatverdächtige ermittelt. Was bislang bekannt ist

 07.10.2026