Auschwitz-Prozess

»Dieselbe Missachtung wie damals«

Zwei der Anwälte der Nebenklage: Cornelius Nestler (l.) und Thomas Walther im Verhandlungssaal in Detmold Foto: dpa

Mit zwei Plädoyers der Nebenkläger ist am Freitag der 15. Tag im Detmolder Prozess gegen einen früheren SS-Wachmann im KZ Auschwitz zu Ende gegangen.

Schon vor Prozessbeginn kämpften einige Angehörige der Nebenkläger mit den Tränen, weil die inzwischen mehrfach wegen Volksverhetzung verurteilte Holocaust-Leugnerin Ursula Haverbeck (87) aus Vlotho als Zuhörerin eingelassen worden war. Zu Zwischenfällen oder Zwischenrufen kam es während der Gerichtsverhandlung aber nicht.

Plädoyer Nebenkläger-Anwalt Thomas Walther unterstrich in seinem mehr als einstündigen Plädoyer, dass der wegen Beihilfe zum Mord in mehr als 100.000 Fällen angeklagte frühere Wachmann sich ganz bewusst zum Dienst in der SS gemeldet habe. Dass der heutige 94-Jährige nach eigenen Worten unter anderem von seiner damaligen Schwiegermutter dazu gedrängt worden sei, ließ Walther nicht gelten.

Auch dass der Angeklagte sein Verhalten tatsächlich bereue, bezweifelte der Nebenkläger-Vertreter: Über weite Strecken des Prozesses habe er seinen Kopf gesenkt und die aussagenden Zeugen und anwesenden Überlebenden keines Blickes gewürdigt. Dies sei für die überlebenden KZ-Insassen heute noch so emotional aufwühlend, weil es ihnen in Auschwitz streng untersagt war, Blickkontakt mit Wachsoldaten oder anderem Lagerpersonal aufzunehmen. »Damit erweisen Sie den Opfern noch einmal dieselbe Missachtung wie damals«, sagte Walther in Richtung des Angeklagten.

Nebenkläger-Anwalt Cornelius Nestler kritisierte das Verhalten der Justiz, die die Strafverfolgung von NS-Verbrechen über viele Jahrzehnte trotz eindeutiger Beweislage verschleppt oder gar nicht erst aufgenommen habe. Man müsse hier von »institutionalisierter Blindheit« sprechen, beklagte er.

Freiheitsstrafe Die Staatsanwaltschaft hat gegen den 94-jährigen Angeklagten eine Freiheitsstrafe von sechs Jahren wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 100.000 Fällen beantragt. Der Angeklagte sei durch seinen Wachdienst zu einem Teil der grausamen Tötungsmaschinerie in Auschwitz geworden.

Der angeklagte frühere Wachmann hatte am 29. April eingeräumt, von Massenmorden im KZ gewusst zu haben, jedoch betont, dass er sich gegen die Einberufung und den Einsatz als Wachmann nicht habe wehren können. Auch bestreitet er eine Beteiligung an den Morden. Er bat die Holocaust-Überlebenden und Angehörigen der Opfer um Entschuldigung.

Der frühere SS-Mann soll im Januar 1942 in das Konzentrationslager im damals deutsch besetzten Polen versetzt worden und dann unter anderem für die Bewachung des Lagers Auschwitz I zuständig gewesen sein. Als Angehöriger der Wachmannschaft soll er an der Tötung von mehr als 100.000 Menschen in der Zeit von Januar 1943 bis Juni 1944 beteiligt gewesen sein. epd

Künstliche Intelligenz

Preiskrieg zwischen Giganten

Sam Altmans OpenAI will den aggressiv wachsende Rivalen Anthropic der Geschwister Daniela und Dario Amodei auf Distanz halten

 12.06.2026

Nahost

Trump stoppt geplante Angriffe auf Iran und spricht von bevorstehender Einigung

Die amerikanischen Streitkräfte sollen bereits weitgehend auf einen Angriff vorbereitet gewesen sein. Drei Stunden vor der geplanten Operation wurde er durch den US-Präsidenten abgesagt

 12.06.2026

Die Linke

Neuer Kopf, neue Linie

Luigi Pantisano wird voraussichtlich der nächste Vorsitzende der Linkspartei. Wofür steht der 46-Jährige?

von Ralf Fischer  11.06.2026

Krieg

Trump droht Mullahs mit »vollständiger Kontrolle« der iranischen Öl-Industrie

Darüber hinaus kündigte der US-Präsident auch weitere Angriffe an

 11.06.2026

Berlin

Streit an der TU um Beschlüsse der studentischen Vollversammlung

Besonders umstritten ist die Forderung, bestehende institutionelle Beziehungen zu israelischen Unis auszusetzen und überprüfen zu lassen. Eine jüdische Studentengruppe widerspricht

 11.06.2026

Berlin

Jüdischer Juristenverband als herausragende soziale Initiative ausgezeichnet

Die Organisation jüdischer Juristen ist eines von 25 Projekten, die vom Verein »startsocial« für ihr Engagement gewürdigt wurden. Gastgeber der Ehrenveranstaltung war Bundeskanzler Friedrich Merz

 11.06.2026

Debatte

Soll die Bevölkerung in der Schweiz auf 10 Millionen begrenzt werden?

Ein Pro & Contra

von Jessie Katz, Zsolt Balkanyi-Guery  11.06.2026

Washington D.C.

Bill Gates: Epstein hat mich erpresst

Der Sexualstraftäter habe sein Wissen um seine Untreue ausnutzen wollen, sagt der Microsoft-Mitgründer. Er räumt aber auch Fehler ein

 11.06.2026

Dresden

Elnet: Initiative soll Neugier auf jüdisches Leben wecken

Die Kampagne ist Teil des Themenjahres »Tacheles. Jahr der jüdischen Kultur in Sachsen 2026« und wird zunächst sechs Wochen sichtbar sein

 11.06.2026