Gratulation

Die Unermüdliche

Unsere »Große Dame« im allerbesten Sinn des Wortes: Charlotte Knobloch Foto: IKG / Steffen Leiprecht / froggypress.de

Gratulation

Die Unermüdliche

Die frühere Zentralratschefin Charlotte Knobloch wird 80. Eine Würdigung durch ihren Nachfolger

von Dieter Graumann  23.10.2012 08:15 Uhr

Es gibt Daten, die man kennt, die man aber so gar nicht recht glauben mag. Etwa die Tatsache, dass Charlotte Knobloch am 29. Oktober tatsächlich ihren 80. Geburtstag feiert. Wer die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern und ehemalige Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland kennt, kann ihre Tatkraft, mit der die Junggebliebene viele Junge mühelos übertrifft, einfach immer nur bewundern.

Ebenso bewundern muss man aber auch ihr Lebenswerk und ihren im Lauf von Jahrzehnten erbrachten Beitrag zum jüdischen Leben in Deutschland. Charlotte Knobloch ist eine der herausragenden Persönlichkeiten der jüdischen Gemeinschaft in der Bundesrepublik. Sie ist zweifellos unsere »Große Dame« – im allerbesten Sinne des Wortes.

überlebende Dabei war ihr Start ins Leben alles andere als leicht. Als die gebürtige Münchnerin gerade drei Monate alt war, übernahmen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht. So wuchs das Mädchen im Schatten der Diktatur, der Verfolgung und der Todesangst auf. Vier Jahre lang, 1941 bis 1945, wurde sie von der ehemaligen Hausangestellten ihrer Eltern auf dem Bauernhof ihrer katholischen Familie versteckt und musste als uneheliches Kind getarnt werden.

Unnötig zu erklären, dass solche Erfahrungen einen Menschen sicher für den Rest seines Lebens begleiten. Dennoch fand die junge Charlotte Neuland, so ihr Geburtsname, Anschluss ans Leben. Mit 19 Jahren heiratete sie Samuel Knobloch, einen Überlebenden des Krakauer Ghettos, und gründete eine Familie, die sich über drei Kinder freuen durfte.

Charlotte Knobloch hat sich aber auch stets mit ganzem Herzen für ihre »große Familie« – die jüdische Gemeinschaft in Deutschland – eingesetzt. Seit 1985 ist sie Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, ein Amt, das zuvor auch ihr Vater Fritz Neuland bekleidet hatte. Im Juli dieses Jahres wurde sie für eine weitere Amtszeit gewählt. Die Erfolge ihrer Arbeit sind im Aufbau der Gemeinde zu sehen. 2006 und 2007 wurden die neue Münchener Synagoge Ohel Jakob und das neue Gemeindezentrum einschließlich des Jüdischen Museums eröffnet. Viele haben dabei gewiss mitgeholfen. Aber jeder weiß: Ohne Charlotte Knobloch und ihren sagenhaften Einsatz wäre dieser große Traum niemals Wirklichkeit geworden.

einsatz Dem Zentralrat der Juden in Deutschland ist Charlotte Knobloch bereits seit vielen Jahren verbunden. Neun Jahre lang, 1997 bis 2006, war sie Vizepräsidentin unserer Organisation; 2006 wurde sie als Nachfolgerin von Paul Spiegel sel. A. zur Präsidentin gewählt. Die erste Zentralratspräsidentin wurde sie aber nicht etwa als »Quotenfrau«, sondern wegen ihrer Verdienste und ihrer persönlichen Fähigkeiten. Dieses Amt übte sie bis 2010 aus mit einer Entschlossenheit, die ihr nicht nur unter Juden, sondern auch in der breiten deutschen Öffentlichkeit Respekt einbrachte.

In den politischen Zielen und Einschätzungen waren und sind wir uns immer sehr einig gewesen. Sie setzte wichtige politische Zeichen, indem sie einerseits unermüdlich für jüdische Belange eintrat und den Antisemitismus in all seinen Formen geißelte, andererseits aber forderte, der jungen Generation der Deutschen keine Schuld aufzubürden. Ihr Eintreten für die Beziehungen zwischen Juden und Nichtjuden wurde und wird auch in der nichtjüdischen Umwelt geachtet und gewürdigt. Mit ihrem Engagement hat sie uns stets große Sympathien eingebracht.

leistung Ohne Zweifel ist Charlotte Knobloch die Powerfrau des deutschen Judentums. Gerne hätten wir ihr eine schöne Geburtstagsfeier ausgerichtet; wir respektieren aber selbstverständlich ihren Wunsch, dass es dazu nicht kommt. In jedem Fall aber: Wir haben wirklich allen Grund, ihr ein riesengroßes Dankeschön zu sagen für eine in der Tat ganz grandiose und eindrucksvolle Lebensleistung im Einsatz für das Judentum. Und diese Leistung dauert an. Und andauern soll sie auch künftig noch lange, lange Jahre.

Liebe Lotte, im eigenen Namen und im Namen des Zentralrats wünsche ich Dir zu Deinem Geburtstag alles Gute, viel Glück und Gesundheit und die Kraft, noch lange Zeit zum Wohl unserer Gemeinschaft tätig zu sein: mit Elan, mit Energie, mit Deiner sagenhaften Kraft.

Ad mea we-esrim, bis hundertundzwanzig. Oder wie man in Deinem Fall wirklich sagen darf: Ad mea ke-esrim, bis hundert wie zwanzig. Von ganzem Herzen daher: Mazal Tov!

Ehrung

Preis von Union progressiver Juden für Bundesministerin Prien

Sie ist die erste Bundesministerin mit jüdischen Wurzeln. Nun wird Karin Prien für ihre Verdienste für das Judentum in Deutschland geehrt. Sie empfinde die Würdigung vor allem als Auftrag, sagt sie

von Nikolas Ender  18.03.2026

Bundestag

Merz über Iran-Krieg: »Wir hätten abgeraten«

Allen Aufforderungen des US-Präsidenten an die Europäer zum Trotz bleibt Kanzler Merz in Sachen Iran-Krieg hart. Vor dem EU-Gipfel in Brüssel setzt er auf mehr europäisches Selbstbewusstsein

 18.03.2026

Suchmaschine

USA ermöglichen Recherche zu Nazis in der eigenen Familie

War der eigene Opa ein Nazi? Diese Frage kann nun über das US-Nationalarchiv beantwortet werden. Erstmals wurden die überlieferten Mitgliedskarteien der NSDAP vollständig ins Netz gestellt

von Sabina Crisan, Marc Fleischmann  18.03.2026

Interview

»Teil der iranischen Militärstrategie«

Die jüdische Gemeinschaft wird von einer weltweiten Serie von Terroranschlägen erschüttert. Der Experte Hans-Jakob Schindler erklärt, was das mit der hybriden Kriegsführung des iranischen Mullah-Regimes zu tun hat

von Ninve Ermagan  18.03.2026

Meinung

Was im Iran-Krieg bisher erreicht wurde

Israelis und Amerikaner können durchaus schon militärische Erfolge gegen den Iran vorweisen. Das Mullah-Regime wird definitiv schwächer aus diesem Konflikt herauskommen, als es hineingegangen ist

von Sima Shine  18.03.2026

Literatur

Als die Donau durch Kakanien floss

Zur Leipziger Buchmesse: Eine (jüdische) Vision für ein Europa der Regionen, Religionen und der Vielfalt

von Awi Blumenfeld  18.03.2026

Judenhass

Erneute Antisemitismus-Skandale bei der Deutschen Welle

Medienberichten zufolge haben zwei arabische Mitarbeiter des deutschen Auslandssenders in den sozialen Netzwerken Hassposts über Israel verbreitet

 18.03.2026

Meinung

Die Hertie School ist eine seltene Ausnahme

An der privaten Hochschule wurde die Studierendenvertretung für eine Pro-BDS-Resolution abgestraft. Das ist ein wichtiges Signal. Doch das Problem des Antisemitismus an deutschen Universitäten reicht viel weiter

von Ron Dekel  18.03.2026

Teheran

Irans Geheimdienst geht gegen Opposition vor

Der iranische Geheimdienst berichtet von Festnahmen. Auch Schusswaffen und Satelliten-Internetgeräte sollen sichergestellt worden sein

 18.03.2026