Gewalt

Die Tränen der Anderen

Was schmerzt: Israel trauerte um die ermordete Familie Fogel. Die Weltgemeinschaft nahm von dem Anschlag kaum Notiz. Foto: Flash 90

Jeder, der Juden und Nichtjuden zu seinen Bekannten zählt, kennt das Phänomen: Die Hebräer sind oft bestürzt über die Opfer von Terroranschlägen, besonders nahe gehen ihnen dabei israelische und jüdische Opfer. Deutsche Nichtjuden dagegen reagieren zumeist abwägend. Gewiss, bei den Anschlägen seien Unschuldige – gibt es eigentlich auch Schuldige, etwa per se Juden oder Israelis? – ums Leben gekommen. Und das müsse auch verurteilt werden. Doch dürfe dabei nicht die Verzweiflung der Attentäter außer Acht gelassen werden.

»Wie bitte?«, empören sich da die Juden. Darf Verzweiflung ein Alibi für Mord sein? Nein, nein, lautet die Antwort. Doch müssten die Juden anerkennen, dass nach Freiheit dürstende Untergrundkämpfer nicht mit gewöhnlichen Kriminellen verwechselt werden sollten. Erstere seien sogar bereit, das eigene Leben für ihr Volk hinzugeben. Juden könnten darauf berechtigt erwidern, dies sei bei den Schlächtern der SS ebenfalls so gewesen – dennoch blieben sie Verbrecher.

Armut Und zwar besonders infame. Im Gegensatz zu »gewöhnlichen« Gangstern begnügten sie sich nicht damit, eine Untat oder gar einen Mord aus Habsucht zu verüben. Dahinter stand eine Überzeugung, eine »Weltanschauung«. Den Terroristen geht es ebenfalls darum, möglichst viele Menschen zu töten. Wie kann man dafür Verständnis aufbringen? Millionen leben in Armut und Unterdrückung, durchleiden eine harte Jugend – ohne bösartige Feinde dafür verantwortlich zu machen. Nicht einmal die populärsten Sündenböcke, die Juden und die Radfahrer, müssen als Erklärung für dieses Elend herhalten.

Sobald die Unbill der Umwelt als Erklärung für Unrecht bemüht wird, ist allem Vergehen und Verbrechen Tür und Tor geöffnet. Denn wer hatte nicht während irgendeiner Phase seines Lebens unter der »Gemeinheit« der Welt zu leiden? Stalins Vater etwa war gewalttätig. Der von Anton Tschechow auch. Der eine Sohn wurde Massenmörder, der andere Arzt und Humanist. »Du sollst nicht morden!«, heißt es in den Zehn Geboten.

Ohne Einschränkung. Sonst würden wir von den Geistern Pol Pots, Saddam Husseins, Lawrentij Berijas und Idi Amins mit Geschichten über deren schweres Schicksal belästigt. Zu ihnen dürfte sich auch Heinrich Himmler gesellen, dessen Vater, nach dem Zeugnis von Alfred Andersch, ein besonders infamer Pädagoge gewesen war. Gab das dem Sohn das Recht, pflichteifrig die Ermordung von Millionen zu organisieren? Wann wird die politisch korrekte deutsche Mehrheitsgesellschaft aufhören, mehr Verständnis für die Nöte der Täter als für das Leid der Opfer zu empfinden?

Sri Lanka Die menschlichen Phänomene des Selbstmitleids und der Rohheit, der Brutalität, haben nichts mit Juden- oder Christentum, mit Deutsch- oder Israeli-Sein zu tun. Der russische Schriftsteller Fjodor Dostojewski hat es einen seiner Protagonisten vortrefflich formulieren lassen: »Mein Zahnschmerz peinigt mich mehr als ein Erdbeben mit einer Million Toter in China.« Diese Haltung ist in Tel Aviv ebenso verbreitet wie in Bottrop oder Freiburg. Wer interessiert sich in Zion für den Terrorismus in Sri Lanka? Und wer in Deutschland für die israelische Geisel Gilad Schalit?

Das allgemeine Gleichgültigkeitsprinzip bei Deutschen und Juden zerplatzt indessen wie eine Seifenblase, sobald man selbst konkret mit Gewalt konfrontiert wird. Erinnern wir uns an die Achtundsechziger. Sie standen auf gegen das autoritäre Gehabe ihrer Eltern, die sie als Nazis beschimpften, und die es nicht selten auch waren. Nur acht Jahre später, 1976, entführten palästinensische und deutsche Terroristen ein französisches Passagierflugzeug ins ugandische Entebbe, in die finstere Diktatur Idi Amins. Die deutschen Gangster ließen es sich nicht nehmen, die Passagiere nach Juden und Nichtjuden zu selektieren.

Mit diesem Schritt waren sie wieder bei ihren Nazi-Vätern angelangt, gegen die sie sich einst erhoben hatten. Der damalige UN-Generalsekretär Kurt Waldheim, ein ehemaliger Nazi, unternahm nichts, um die jüdischen Geiseln zu retten. Ebenso wenig die Franzosen, in deren Maschine sie entführt worden waren.

Der einzige Staat, der aktiv wurde, war Israel. Aus 4.000 Kilometern Entfernung startete Jerusalem eine Rettungsaktion. Den israelischen Soldaten gelang es, die Geiseln aus der Hand der deutschen Terroristen zu befreien. Die jüdischen Entführten, die meisten von ihnen keine Israelis, waren von der gojischen Weltgemeinschaft im Stich gelassen worden. Allein Israel erbarmte sich ihrer – und wurde wegen der gewaltsamen Aktion von dieser Weltgemeinschaft gescholten.

Wir Juden brauchen keinen besonderen Bonus, aber das gleiche Maß an Menschlichkeit und Mitleid, das allen anderen zuteil wird.

Der Autor ist Historiker und Schriftsteller. Zuletzt erschien seine Autobiografie »Deutschland wird dir gefallen« (Aufbau).

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