Meinung

Die stille Macht der langen Nacht

Andreas Nachama Foto: dpa

Berlin wird oft als eine religionsfeindliche Stadt beschrieben: Zwar gibt es an fast jeder Ecke eine große, oft aus roten Klinkern gebaute Kirche, aber auch sonntags zu Gottesdienstzeiten sind die wenigsten von ihnen gut besucht. Die jüdische Vorkriegsgemeinde hatte um 1932 etwa 170.000 Mitglieder und gerade einmal 25.000 Plätze in Gemeindesynagogen, und auch die waren nur an den berühmten drei Tagen im Jahr gefüllt. Auch heute ist Berlin eher für anderes bekannt als für Religiöses, kurz: Diese Stadt ist nicht Rom und schon gar nicht Jerusalem.

Da machte am vergangenen Wochenende eine Veranstaltung auf sich aufmerksam, die in das sehr erfolgreiche Berliner Format »Lange Nacht« fällt. Diesmal nicht »der Museen« oder »der Wissenschaften«, sondern eine »Lange Nacht der Religionen«. Es kamen über 10.000 Menschen, um beispielsweise eine Lesung aus den Schriften der Bahai oder eine Einführung in buddhistische Meditation zu erleben. Zuschauen beim muslimischen Gebet mit anschließender Führung in der Sehitlik-Moschee der Türkisch-Islamischen Gemeinde am Berliner Columbiadamm oder ein Rundgang über den Friedhof der St.-Annen-Gemeinde in Zehlendorf mit Besuch der Grabstätte des 68er-Idols Rudi Dutschke.

wohnkiez Ich selbst war Teil einer Veranstaltung über Inhalt und Klang von hebräischen Psalmen und hatte das Gefühl, dass da nicht nur Gläubige, die Religionsgemeinden verbunden sind, kamen, sondern vor allem jene, die einmal einen vielleicht staunenden, aber in jedem Fall zuschauenden Blick in eine Welt wagen wollten, die ganz nah in ihrem Wohnkiez und doch so fern hinter verschlossenen Türen liegt. Wie mir im Gehen ein unbekannter Besucher sagte: Für solche Einblicke in ihm unbekannte Glaubenswelten muss er sonst viele Tausend Kilometer fliegen und einiges Geld investieren; dabei sei das aufregende Unbekannte doch ganz nah, wenn man sich nur einmal ein Herz fassen würde, in das Gotteshaus einer anderen Religion zu gehen.

Wenn man bedenkt, wie politisch aufgeladen und gewaltbereit religiöses Gegeneinander uns auf den Titelseiten unserer Zeitungen aus anderen Teilen der Welt entgegentritt, wird die politische Dimension dieser »Langen Nacht der Religionen« deutlich. Daher ist auch das Statement von Berlins Innensenator Frank Henkel politisch bedeutend, respektvoller Umgang miteinander sei unverzichtbar für die Stadt. So ist es.

Der Autor ist Rabbiner der Synagoge Hüttenweg der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.

Medien

Protokollant des täglichen Irrsinns

Der Publizist Henryk M. Broder wird 80. Eine persönliche Würdigung von Reinhard Mohr

von Reinhard Mohr  19.08.2026

Israel

Die Eindeutigkeit der Uneindeutigen

Ben Gvirs Äußerungen sind menschenverachtend und sollten von allen verurteilt werden, denen Israel am Herzen liegt. Zugleich spiegeln sie zum Glück nicht die Gaza-Politik Israels wider

von Volker Beck  19.08.2026

Spannungen

Israelischer Angriff in Syrien heizt Streit mit Türkei an

Die Beziehungen zwischen der Türkei und Israel sind seit langem angespannt. Nun sorgt ein mutmaßlich israelischer Luftangriff in Syrien für Streit. Was ist passiert?

 19.08.2026

London

Britische Grüne hegen in internen Chats Gewaltfantasien gegen »Zionisten«

In der Chat-Konversation finden sich zudem Äußerungen, die sich pauschal gegen britische Juden richten. Eine Organisation, die sich gegen Judenhass einsetzt, prüft rechtliche Schritte

 19.08.2026

Nahost

Iran droht bei neuem Krieg mit Angriffen auf US-Ziele in Europa

Das Mullah-Regime könnte Angriffe auf US-Militärstützpunkte und andere amerikanische Einrichtungen sowie die kritische Infrastruktur befehlen

 19.08.2026

Washington D.C.

USA sanktionieren Präsidentin des Strafgerichtshofs

Die US-Regierung erhöht mit Sanktionen den Druck auf den Internationalen Strafgerichtshof - diesmal auch gegen die Präsidentin

 19.08.2026

Arlington (Virginia)

Pentagon prüft nach Iran-Krieg kleinere US-Militärpräsenz am Golf

Im Mittelpunkt steht die Frage, ob ein Teil der bislang am Golf stationierten Soldaten abgezogen und weiter westlich positioniert werden könnte

 19.08.2026

Meinung

Im Zweifel für das Narrativ?

Die »tageszeitung« (taz) veröffentlichte einen Beitrag eines Deutsch-Palästinensers, der nicht nur unrichtige Aussagen enthält, sondern eine sehr fragwürdige Erzählung propagiert

von Michael Thaidigsmann  18.08.2026

Teheran

Iran: Öffnung der Straße von Hormus hängt von USA ab

Der Iran knüpft die Öffnung der Straße von Hormus an Bedingungen im Abkommen mit den USA. Ein Professor sagt, US-Präsident Donald Trump könne sich nicht still zurückziehen

 18.08.2026