Meinung

Die neuen Israelis

Noam Zadoff Foto: Tom Hauzenberger

Israel hat am Dienstagabend seine Zukunft, zumindest für die kommenden Jahre, gewählt. Die Ergebnisse der Wahlen zur 19. Knesset reflektieren die aktuellen Tendenzen innerhalb der israelischen Gesellschaft. Der Verlierer dieser Wahlen ist eindeutig Benjamin Netanjahu, der seinen Wahlkampf mit der ihm typischen Arroganz, Selbstzufriedenheit und wenigen Inhalten geführt hat.

Am Tag danach stellte der amtierende Ministerpräsident fest, dass seine früheren Unterstützer sich etwas anderes wünschen als eine von Macht- und Angstrhetorik dominierte Politik. Auch der Versuch, seinen problematischen Partner Avigdor Lieberman während des Wahlkampfs zu verstecken, half Netanjahu wenig, und so schenkten die Moderaten unter seinen Anhängern ihre Stimmen den neuen Namen in der israelischen Politik: Naftali Bennett und Yair Lapid.

Meretz Der Mitte-Links-Block des politischen Spektrums ist gestärkt aus diesen Wahlen hervorgegangen und bietet zum ersten Mal seit Langem eine Alternative zur israelischen Rechten an. Die kleine, aber wichtige Meretz-Partei hat ihre Kraft verdoppelt (von drei auf sechs Sitze), und die Arbeiterpartei Awoda hat immerhin zwei Sitze dazu gewonnen. Es ist zwar unwahrscheinlich – aber doch nicht unmöglich –, dass eine Koalition der Linken gemeinsam mit den religiösen Parteien unter der Führung Lapids zustande kommen wird.

Die eindeutigen Gewinner dieser Wahlen sind die Vertreter einer jüngeren Generation von Israelis, die alternative Erfolgsmodelle zu den »alten« Politikern sucht. Yair Lapid und Naftali Bennett haben sich am Dienstag als die Zukunft der israelischen Politik erwiesen. Lapid, der Sohn des Politikers und Journalisten Joseph (Tommy) Lapid – der als Kind den Holocaust überlebt hat – und der Schriftstellerin Shulamit Lapid, wurde bis vor Kurzem (und vielleicht immer noch) weit oben auf den Listen der israelischen »Sexiest Men Alive« geführt.

Sein Wandel vom erfolgreichen Fernsehmoderator und Journalisten zum Politiker wurde in Israel anfangs mit gemischten Gefühlen betrachtet. Der überraschende Erfolg seiner Partei Jesch Atid (Es gibt eine Zukunft) ist damit nicht nur ein Ergebnis seiner umsichtigen Wahlkampagne, sondern reflektiert zugleich auch die Unzufriedenheit der Wähler mit Netanjahus Politik.

Ideale Naftali Bennetts Erfolg hingegen reflektiert Israels Bild der neuen »Sabras« – in Israel geborene Männer, die die Siedlungs- und Sicherheitsideale des heutigen Zionismus verkörpern. Aufgewachsen in einer sich auf die Religion zurückbesinnenden Familie, lebte Bennett lange Zeit zwischen den USA und Israel und repräsentiert in vielerlei Hinsicht das israelische Erfolgsideal: ein ehemals tapferer Offizier der israelischen Armee, der seine Start-up-Firma in New York für 145 Millionen Dollar verkauft hat, um nach Israel zurückzukehren.

Benjamin Netanjahu wird sehr wahrscheinlich weiter Ministerpräsident Israels bleiben, aber die Tagesordnung im Land hat sich geändert, und sein politischer Freiraum ist bedeutend kleiner geworden. Bei einer möglichen Koalition des rechten Blocks mit den Zentrums-Parteien (Jesch Atid, Hatnua von Zipi Livni und möglicherweise auch Kadima) würden die religiösen Parteien zum ersten Mal seit vielen Jahren in der Opposition bleiben. Ist das der Fall, so werden innenpolitische Fragen zum Verhältnis zwischen Staat und Religion (Themen wie die Zivilehe und der Einzug ultraorthodoxer Männer zum Militärdienst) auf die Tagesordnung kommen, während ein israelischer Angriff auf den Iran jetzt weniger plausibel scheint als zuvor.

Die große und schmerzhafte Frage bleibt die Einstellung der neuen Regierung den Palästinensern gegenüber. Auch in dieser Hinsicht wird Lapid eine Schlüsselrolle spielen, und die Frage, ob er die extreme Politik Netanjahus, Liebermans und Bennetts mittragen kann, wird für die Politik des Nahen Ostens in den nächsten Jahren entscheidend sein.

Noam Zadoff ist Inhaber des Ben-Gurion-Gastlehrstuhls für Israel- und Nahoststudien an der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg und der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.

Entscheidung

Bundesverfassungsgericht stoppt Reiche-Video über Kritik an Linken

Die Linke hat mit einer Klage gegen die Bundeswirtschaftsministerin zumindest vorläufig Erfolg gehabt: Katherina Reiche muss bis zu einer endgültigen Entscheidung einen Instagram-Post löschen, in dem sie der Partei Antisemitismus vorwirft

 15.10.2026

Untersuchung

ADL: Manipulierte Wikipedia-Einträge über Israel immer noch nicht korrigiert

Die Anti-Defamation League wirft den Betreibern der Online-Enzyklopädie vor, zu wenig gegen die Manipulation von Einträgen zu unternehmen, die sich mit Themen wie dem Nahostkonflikt und dem 7. Oktober befassen

 15.10.2026

Statistik

Zahl antisemitischer Vorfälle in Österreich bleibt auf hohem Niveau

Der Ausnahmezustand sei zum Alltag geworden, beklagt eine Antisemitismus-Meldestelle in Österreich. Im ersten Halbjahr 2026 wurden erneut Hunderte einschlägige Fälle gezählt

 15.10.2026

Berlin

Trotz vieler Hürden: Berliner Parteien sondieren weiter

»Kommunikationsdesaster« oder heilsamer Weckruf? Nach dem Streit um das Vorgehen gegen Antisemitismus sprechen Linke, Grüne und SPD weiter über eine Regierung. Aber es bleibt schwierig

von Andreas Heimann, Torsten Holtz  15.10.2026

Mitglieder der JSUD vor dem Eingang zum Synagogenhof der Jüdischen Gemeinde Halle

Nach Eklat von Halle

Polizei ermittelt gegen jüdische Studenten

Aktivisten der Jüdischen Studierenden Union hatten sich dem rechtsextremen AfD-Politiker Hans-Thomas Tillschneider in den Weg gestellt, als dieser an einer Gedenkveranstaltung für die Opfer des rechtsextremen Anschlags teilnehmen wollte. Das hat ein juristisches Nachspiel

 15.10.2026

Rechtsterrorismus

Zwickau gedenkt NSU-Opfern

Der »Nationalsozialistische Untergrund« ermordete zehn Menschen aus rassistischen und rechtsextremistischen Motiven. Zuletzt lebte die Terrorzelle in Zwickau. Die Stadt gedenkt der Terroropfer

 15.10.2026

Hamburg

Attentate auf Josef Schuster und Volker Beck geplant: Iranische Spione müssen ins Gefängnis

Zwei Männer haben im Auftrag Teherans jüdische und proisraelische Ziele in Deutschland für Anschläge ausgespäht. Das Oberlandesgericht hat sie deshalb nun zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt

von Nils Kottmann  15.10.2026 Aktualisiert

Golf von Oman

US-Militär: Schiff mit Iran-Verbindungen zerstört

Immer wieder greifen der Iran und die USA gegenseitig Handelsschiffe und Tanker an. Was ist nun passiert?

 15.10.2026

Berlin

Linke, Grüne und SPD verhandeln wieder

Das von den Sondierern beschlossene Antisemitismus-Papier soll auch in den Koalitionsvertrag aufgenommen werden

 15.10.2026