Medien

Die Impflüge

Israel liegt mit seiner Impfrate weltweit an erster Stelle. Nicht jedem gefällt das. Foto: Flash90

Dass die Juden an allem schuld sind, ist ein unausrottbares Vorurteil. Da nimmt man beinahe froh die Meldung zur Kenntnis, 80 Prozent der Briten seien nicht der Meinung, die Juden hätten das Coronavirus entwickelt, um am Zusammenbruch der Wirtschaft zu verdienen. Einer Studie der Universität Oxford zufolge stimmen nur 2,4 Prozent dieser Verschwörungstheorie »vollkommen« zu, 4,6 Prozent »weitgehend«, 6,8 Prozent »moderat« und 5,3 »etwas«.

Zwölf Millionen Briten glauben also antisemitischem Unsinn, wenn auch vielleicht nur ein bisschen. Fast genauso viele glauben, es wären die Muslime. Und obwohl sich beide Theorien ausschließen, sind es oft dieselben Menschen. Die außerdem oft gleichzeitig glauben, Bill Gates – ein katholischer »Arier« – und die Pharmakonzerne hätten das Virus erfunden. Oder – das sind sogar über 45 Prozent – die Chinesen.

Die Vorwürfe sind die moderne Version der mittelalterlichen Brunnenvergiftungslüge.

Wobei die Theorie, das Virus sei aus einem chinesischen Forschungslabor entwichen, sich wenigstens auf die Tatsache stützen kann, dass es in Wuhan ein solches Labor gibt. Wo und wie »die Juden« das Virus entwickelt haben sollen, kann die moderne Version der mittelalterlichen Brunnenvergiftungslüge natürlich nicht erklären. Sind halt durchtrieben, die Juden.

amnesty Über solche Theorien schüttelt der gebildete Zeitgenosse natürlich den Kopf. Um nicht selten einer anderen Verschwörungstheorie aufzusitzen. Während die ganze Welt Israel wegen der Schnelligkeit und Effizienz seiner Covid-Impfkampagne bewundert, behaupten Feinde des jüdischen Staates, dies sei nur möglich, weil Israel Palästinenser und israelische Araber »ausschließe«.

So veröffentlichte Amnesty International eine Erklärung, in der es – in der englischen, weltweit verbreiteten Version – heißt: »Die israelische Regierung muss aufhören, seine internationalen Verpflichtungen als Besatzungsmacht zu ignorieren und sofort dafür sorgen, dass Covid-19-Impfstoffe in gleicher und fairer Weise den unter seiner Besatzung lebenden Palästinensern in der Westbank und dem Gazastreifen zugänglich gemacht werden.«

Amnesty-Regionaldirektor Saleh Higazi ergänzte: »Israels Covid-19-Impfprogramm unterstreicht die institutionalisierte Diskriminierung, die für die Politik der israelischen Regierung gegen die Palästinenser bestimmend ist … Es könnte keine bessere Illustration der Tatsache geben, dass israelische Leben höher bewertet werden als palästinensische.« Auf Deutsch: dass Israel ein Apartheidstaat ist. Na, wenn Amnesty das sagt …

Thinktank Nun, auch wenn Amnesty das sagt, leben die Palästinenser in Gaza nicht unter israelischer Besatzung, sondern unter der Diktatur der Hamas. Und 96 Prozent der Palästinenser in der Westbank leben in Gebieten, die direkt von der Palästinensischen Autorität (PA) in Ramallah kontrolliert werden.

Wo übrigens Herr Higazi herkommt, der außerdem für den Thinktank Shabaka arbeitet, der wiederum die BDS-Bewegung unterstützt. Von 154 Tweets, die Higazi 2018 als Amnesty-Verantwortlicher für ein Gebiet absetzte, das unter anderem den Iran, Irak, Libyen und den Jemen umfasst, beschäftigten sich 150 mit dem Israel-Palästina-Konflikt. Eine Obsessionsrate von 97 Prozent.

Tatsache ist, dass es bis Mitte 2020, wie die Vereinten Nationen lobten, »eine starke israelisch-palästinensische Kooperation« in Sachen Covid-19 gab, obwohl nach den Oslo-Abkommen die PA allein für die Gesundheitsversorgung in der Westbank und Gaza verantwortlich ist. Israel bildete palästinensisches medizinisches Personal und Labortechniker aus, spendete Test-Kits und bereitete sich auf eine gemeinsame Impfkampagne vor.

Dann unterbrach PA-Chef Mahmud Abbas aus Verärgerung über den Trump-Nahostplan jegliche Zusammenarbeit mit Israel. In der »Jerusalem Post« schrieb deren Reporter Khaled Abu Toameh im Dezember: »Die Palästinenser erwarten nicht, dass Israel einen Impfstoff für sie kauft oder ihnen verkauft. Bald erhalten die Palästinenser vier Millionen Dosen des russischen Covid-Impfstoffs. Mithilfe der Weltgesundheitsorganisation ist es der PA gelungen, den Impfstoff aus anderen Quellen zu erhalten.«

zeitungen Es könnte also kaum eine bessere Illustration der Tatsache geben, dass über Israel ständig gelogen wird, als die Mär vom Ausschluss der Palästinenser. Trotzdem wird sie weitererzählt: von »Al-Jazeera« natürlich, aber auch von der Nachrichtenagentur Associated Press (AP), vom angesehenen britischen »Guardian« und – wenn auch mit einigem Wenn und Aber und Fragezeichen – von der deutschen »taz«.

Von Al-Jazeera über den Guardian bis hin zur taz: Die Mär vom Impfklau wird weitererzählt.

Einer weiteren Mär zufolge bekommen israelische Araber und in Ost-Jerusalem lebende Palästinenser weniger Impfstoff als jüdische Israelis. Tatsache ist, dass die niedrigen Impfraten vor allem mit Verschwörungstheorien zusammenhängen, die auf arabischsprachigen sozialen Medien zirkulieren: Der von Israel verwendete – deutsche – Biontech-Impfstoff werde Araber töten oder ihre DNA verändern (vermutlich, um sie zu Juden zu machen, was noch schlimmer wäre als der Tod).

Es könnte kaum eine bessere Illustration der Tatsache geben, dass antisemitische Verschwörungstheorien letztlich auch auf diejenigen zurückfallen, die an sie glauben.

Selbstverständlich spricht die palästinensische Zentrale der BDS-Bewegung auf ihrer Facebook-Seite von »medizinischer Apartheid«. Aus der Ecke der deutschen Kulturfunktionäre, die neulich in einem »Plädoyer« das Ende der Meinungsfreiheit kommen sahen, wenn BDS-Veranstaltungen nicht mehr mit Steuergeldern gefördert werden, kam bis heute zu den antijüdischen Covid-Lügen nur eines: ohrenbetäubendes Schweigen.

Der Autor schreibt für die »Welt« und betreibt den Blog »Starke Meinungen«.

Prag

Tschechisches Außenministerium bestellt nach Drohungen iranischen Botschafter ein

Irans Militär nennt persischsprachige Exilmedien als mögliche Angriffsziele. Wie der EU- und Nato-Mitgliedstaat Tschechien auf die neue Bedrohungslage reagiert

 27.08.2026

Sachsen-Anhalt

Mehrere Siegmund-Vertraute haben Nazi-Vergangenheit und damit kein Problem

Nach Berichten von »Welt« und »Spiegel« waren mehrere enge Vertraute von AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund in der 2009 verbotenen Neonazi-Organisation »Heimattreuer Deutsche Jugend« (HDJ) aktiv. Nach der Wahl könnten sie Minister werden

 27.08.2026

»Artgemeinschaft«

Durchsuchungen bei Unterstützern von rechtsextremem Verein

Bei den Razzien in fünf Bundesländern wurden auch Wohnungen von zwei AfD-Kandidaten zur Landtagswahl in Sachsen-Anhalt durchsucht

 27.08.2026

Schweiz

Gewalt-Demo gegen Israel in Basel verboten

Die Polizei hält die geplante Anti-Israel-Demo, bei der die Organisatoren »Tod dem Zionismus« wünschen, für nicht bewilligungsfähig

von Nicole Dreyfus  27.08.2026

Magdeburg

AfD legt weiter zu

In einer neuen Wahlumfrage von Infratest dimap steht die Rechtsaußenpartei in Sachsen-Anhalt bei 42 Prozent

 27.08.2026

Kommentar

Die verlorene Mitte

Beim Betrachten des Wahlkampfs zu den Landtagswahlen im Herbst muss man feststellen: Judenhass ist in Deutschland längst kein Ausschlusskriterium mehr für die Parteien der sogenannten politischen Mitte

von Benjamin Graumann  27.08.2026

Nahost

Sechs Monate Iran-Krieg: Eskalation oder Frieden?

Bombardierungen, Sanktionen, Verhandlungen: Ein halbes Jahr nach Kriegsbeginn zeichnet sich zwischen den USA und dem Iran kein Frieden ab. Wo der Konflikt heute steht - und wie es weitergehen könnte

von Arne Bänsch, Jan Christoph Freybott  27.08.2026

Gesetzesinitiative

Bundesregierung distanziert sich von Hessens Vorstoß, Israel-Leugnung zu kriminalisieren

Vielleicht gut gemeint, aber nicht gut gemacht - so blickt die Bundesregierung auf einen Bundesratsvorschlag zur Strafbarkeit der Leugnung des Existenzrechts Israels. Aus Hessen kommt Widerspruch

 27.08.2026

Nahost

Weiterer Tanker in der Straße von Hormus angegriffen

Der Iran blockiert den Schiffsverkehr durch die für den globalen Ölhandel wichtige Meerenge immer noch weitestgehend. Erneut wird ein Tanker zum Ziel eines Angriffs

 27.08.2026