Dokumentation

Dialog der Präsidenten

Auf dem Podium des Gemeindetages: Joachim Gauck und Dieter Graumann Foto: Marco Limberg

Beim Gemeindetag am vergangenen Wochenende in Berlin führte Zentralratspräsident Dieter Graumann ein öffentliches Gespräch mit Bundespräsident Joachim Gauck. Anschließend stellte sich Gauck den Fragen aus dem Publikum. Wir dokumentieren Auszüge.

Beschneidung

Graumann: Herr Bundespräsident, wie haben Sie als Mann des Glaubens die Beschneidungsdebatte empfunden? So wie viele von uns, jenseits unserer Verletzungen, als einen Respektentzug vor der Religion in der Gesellschaft generell?

Gauck:
Es ist so, dass eine bewusst religiöse Erziehung von Kindern in manchen Bevölkerungsgruppen schon als fundamentalistisch gilt. Es hat in Deutschland eine sehr heftige Debatte gegeben, in der diejenigen, die nur die Tradition des Rechts sehen, ein Problem gesehen haben mit der Beschneidung. Es würde sich nicht gehören oder auch nicht der Realität entsprechen, die Menschen, die aus dieser Tradition heraus argumentiert haben, als Menschenfeinde zu denunzieren. Das sind sie nicht. Aber sie haben eine etwas einseitige Sicht auf die komplexe Wirklichkeit des Menschen. Das Gemeinwesen hat etwas davon, wenn es viele Menschen gibt, die Werte verinnerlicht haben. Und zu den bedeutendsten Wertevermittlern gehören nun einmal die Religionen.
Nun haben die Glaubensgemeinschaften selbst eine Menge dazu getan, durch Engstirnigkeit, zum Teil durch Borniertheit, dass säkulare Bewegungen entstanden sind. Deshalb will ich auch keinem Kampf zwischen religiösen und säkularen Menschen das Wort reden. Sondern einfach sagen, liebe nicht glaubende Mitbürgerinnen und Mitbürger: Achtet darauf, dass ihr die Religion, die ihr nicht teilt, nicht beschädigt. Und ich bin Ihnen dankbar, dass Sie mitgewirkt haben, dass bei uns in der Gesetzgebung ein Modus Vivendi gefunden worden ist.

SCHOA

Graumann: Sie haben einmal gesagt, Sie hätten sich Ihren persönlichen Zugang zur Schoa selbst erarbeiten müssen.

Gauck:
Ganz alleine, so habe ich das natürlich nicht empfunden. Ich mochte nur nicht das an Antifaschismus aufnehmen, was aus der kommunistischen Tradition kam. Auch kam die Schoa eigentlich kaum vor, sondern die Verfolgung der Kommunisten, wenn wir über das Dritte Reich gesprochen haben.
Ich bin dann durch den Schulfunk aus dem Westrundfunk mit diesem Thema konfrontiert worden. Und als ich ein Jugendlicher war, hat man in der Kirche sehr früh diesen Kulturbruch des Judenmordes, der Judenverfolgung thematisiert. Das habe ich sofort angenommen, weil jeder Mensch ein Herz hat. Wenn wir über Schuld nicht reden in unserem Leben, dann verfehlen wir die Dimension des Menschlichen. Für mich haben meine Eltern politisch ein Manko gehabt, weil sie in der Nazi-Zeit Mitläufer waren. Ich habe ihnen das Buch Der gelbe Stern vor die Nase gehalten, mit den Fotos, und sie hatten »nichts gewusst«.
Lange Jahre nach dieser Jugendzeit komme ich nach Hause zu meinen Eltern nach Rostock. Die Eltern haben Wasser in den Augen. Ich frage: »Was ist denn mit euch los? Familienkrise, oder was?« »Nein, im Fernsehen war doch jetzt der ›Holocaust‹.« Sie hatten die Serie Holocaust im Westfernsehen gesehen. Und ich habe plötzlich eine Bewegung des Herzens und Tränen gesehen. Meine Eltern waren zu sich gekommen, als ihnen eine Geschichte von lebendigen Menschen erzählt wurde, von der Familie Weiss. Seit dieser Zeit konnten meine Eltern sich erinnern. Sie nannten plötzlich jüdische Namen von Klassenkameraden, von Anwälten, von Kaufleuten aus meiner Heimatstadt, die ich vorher noch niemals gehört hatte.

Israel

Graumann: Uns interessiert natürlich das Thema Israel. Ich weiß, Sie haben auch sinniert über den Begriff »Staatsräson« der Bundeskanzlerin. Sie haben gesagt, die Sicherheit Israels sei bestimmend für Deutschland. Wie stehen Sie zu Israel?

Gauck: Ich bin ganz sicher, dass die von mir benutzte Begrifflichkeit nicht schwächer ist als eine andere. Das verfasste politische Deutschland hat für mich eine immerwährende Verpflichtung, an der Seite Israels zu stehen. Nun gibt es natürlich in Deutschland Menschen, die wollen das nicht, weil sie Antisemiten sind. Das ist aber unser geringeres Problem. Die Zahl der Antisemiten bei den Deutschen ist relativ gering. Aber wenn wir in Berlin und in großen Ballungszentren leben, haben wir eine andere Wurzel des Antisemitismus, und das ist der arabische Antisemitismus. Aber auch diese beiden Wurzeln sind noch nicht stark genug, unser Verhältnis zu Israel zu erschüttern.

geschichtsbild

Frage aus dem Publikum: Sie sind Unterzeichner der Prager Erklärung von 2008. Dort will man Stalinismus und Nazismus gleichsetzen. Das ist eine Profanisierung des Holocaust. Vielleicht sind Sie bereit, das etwas zu relativieren?

Gauck: Ich sehe gar nicht ein, dass ich wegen der Prager Erklärung Abbitte leisten muss. Die Demokratie, die Menschenrechte, die Würde des Menschen, sie alle sind nicht nur von einer Ideologie angegriffen worden, sondern von einer in Europa zweiten machtvollen Ideologie des atheistischen Kommunismus. Wenn wir die Zahlen der kommunistischen Morde zusammenzählen, so erlangen wir eine größere Zahl als die der faschistischen Morde. Es gibt Teile der Debatte um den Holocaust, die meinen, man könne das Besondere dadurch herausstellen, dass man es aus der politischen Welt heraushebt und hypostasiert. Eine solche Auffassung halte ich für schädlich. Ich bin Deutscher, und für mich ist der Holocaust immer etwas Unüberbietbares. Wenn ich andere Verbrechen angesprochen habe, dann war meine Absicht, in anderen Teilen der Welt einen selbstkritischen Diskurs zu erzeugen. In diesem Zusammenhang ist mir Kambodscha eingefallen, als ein ganz besonders widerwärtiges Auslöschen einer ganzen Bevölkerungsgruppe. Wenn ich diese Themen anspreche, hat das niemals den Grund, die deutsche Schuld zu relativieren. Sondern dasselbe, was mein Herz bewegt, mich den Opfern der Nazis zuzuwenden, bewegt mein Herz, wenn es darum geht, mich den Opfern von politischer Repression und Fanatismus zuzuwenden.

Johann Wadephul

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