Chanukka-Interview

»Deutschland ist - Stand heute - trotzdem ein Zuhause«

Zentralratspräsident Josef Schuster Foto: imago images / epd

Josef Schuster hat vor Kurzem seine dritte Amtszeit als Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland angetreten. Hier spricht er im Interview über Chanukka in Zeiten des Kriegs, das jüdische Verhältnis zu den christlichen Kirchen und warum Deutschland - trotz vieler antisemitischer Angriffe - ein Zuhause ist.

Herr Schuster, Chanukka und Weihnachten überschneiden sich in diesem Jahr um wenige Tage. Haben Sie in Ihrer Familie auch Weihnachtstraditionen?
Ich erlebe Weihnachten seit meiner Kindheit bewusst. Wir haben hier in Würzburg zur Miete gewohnt und in dem Haus wohnte eine evangelische Familie. Diese Familie hat uns am Heiligabend nach dem Essen immer eingeladen. Meine Eltern und ich als einziges Kind haben mit der Familie dann zusammen Weihnachten gefeiert. Die Weihnachtstraditionen, Baum, Geschenke, Weihnachtslieder, sind mir also seit meiner frühesten Kindheit bekannt. Heute ist das anders. Wir feiern kein Weihnachten. Aber der Atmosphäre der Weihnachtsstimmung will ich mich gar nicht entziehen.

Sehen Sie Chanukka als Lichterfest in diesem Jahr mit beklommenen Herzen entgegen?
Wir haben eine ganze Menge Krisen erlebt. Aber das Besondere an Chanukka und auch an Weihnachten ist das Licht als Zeichen der Hoffnung. Und dieses Zeichen ist in Zeiten, wie wir sie im Moment erleben, ganz besonders wichtig. All die Krisen sollten nicht dazu führen, dass man die Bedeutung von Chanukka oder Weihnachten als klassische Familienfeste außer Acht lässt.

Wie spiegelt sich der Ukraine-Krieg in Ihren Gemeinden wider?
Engagieren sich jüdische Gemeinden in der Versorgung ukrainischer
Kriegsflüchtlinge?

In den 90er-Jahren sind sowohl Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion als auch aus der Ukraine nach Deutschland gekommen. Deswegen gab es nach Ausbruch des Kriegs die Sorge, dass es zu Konflikten kommen könnte. Das ist in keiner Weise der Fall gewesen. Ich habe im Gegenteil erlebt, dass eine ganze Reihe derjenigen, die aus Russland gekommen sind, sich klar distanziert haben. Die Gemeinden haben die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine mit offenen Armen empfangen. Das waren nicht nur die jüdisch-ukrainischen Flüchtlinge, sondern auch nicht-jüdische. Denn in den Gemeinden gibt es viele Menschen, die Russisch oder Ukrainisch sprechen. Sie sind Wegweiser für die Geflüchteten und helfen bei der Integration.

Wie ist die Situation von ukrainischen Holocaust-Überlebenden, die nach Deutschland gekommen sind?
Die Zentrale Wohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland hat Menschen per Krankentransport aus den Kriegsgebieten evakuiert. In Würzburg haben wir zum Beispiel drei Holocaust-Überlebende aufgenommen. Hier wurden sie von einem katholischen Orden versorgt. Die Ordensschwestern waren vor der Schoa hier im jüdischen Krankenhaus tätig. Nach der Schoa haben sie im jüdischen Altersheim gearbeitet. Sie haben es als ihre Aufgabe gesehen, sich um diese Menschen zu kümmern.

Die Erfahrung dieser Menschen muss unendlich traurig sein
Unendlich traurig, aber sie sind auch unendlich dankbar.

Sie sind vor kurzem für eine dritte Amtszeit als Zentralratspräsident gewählt worden. Was motiviert Sie, dieses nicht einfache Amt weiterzuführen?
Ursprünglich habe ich mich eher in der Pflicht gesehen. Ich habe das Gefühl, die jüdischen Gemeinden zusammenzuhalten und mich für ihr Gedeihen einzusetzen, ist eine wichtige Aufgabe. Wenn auch nicht alles vergnügungssteuerpflichtig ist, ist das Amt dennoch mit einer gewissen Befriedigung verbunden. Eine große Motivation ist für mich, die Eröffnung der Jüdischen Akademie in Frankfurt, die für das Frühjahr 2024 geplant ist, zu begleiten. Ich war bei diesem Prozess als Zentralratspräsident von Anfang an dabei.

Die Kirchen haben im vergangenen Jahr mehr als eine halbe
Million Mitglieder verloren. Wie ist die Situation in den jüdischen
Gemeinden?

In den jüdischen Gemeinden gehen die Mitgliederzahlen vor allem aus demografischen Gründen zurück. Im Vergleich zu christlichen Kirchen haben wir aber kaum unter bewussten Austritten zu leiden. Das gibt es nur in einzelnen Fällen. Es ärgert mich auch, wenn Menschen, die in den 90er-Jahren aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion gekommen sind, dann sehr gern die Leistungen der Gemeinde in Anspruch genommen haben und jetzt, wenn sie einen besseren Verdienst haben, mit dem Austritt Steuern sparen möchten.

Ist das der Hauptbeweggrund für den Austritt?
Ja, das ist so. Aber die Bindungskraft der jüdischen
Gemeinden ist immer noch stark. Der Zentralrat der Juden setzt sich
dafür ein, dass junge Familien wieder an die Gemeinden herangeführt
werden, etwa durch das sehr erfolgreiche Projekt Gemeindecoaching.
Das gelingt am besten über den Kontakt zu Kindern und Jugendlichen.

Haben Sie einen Überblick, wie viele Jüdinnen und Juden in Deutschland nicht Mitglied einer Gemeinde sind?
Rund 95.000 sind Gemeindemitglieder. Ich schätze, dass etwa 50.000 in Deutschland lebende Juden keiner Gemeinde angehören. Darunter sind rund 15.000 Israelis, die in Berlin leben. Genau kann man es aber nicht sagen.

Ist Deutschland trotz der steigenden Zahl antisemitischer
Angriffe ein Zuhause für Jüdinnen und Juden?

Deutschland ist - Stand heute - trotzdem ein Zuhause. Aber: Ich habe schon das Gefühl, dass der ein oder andere auf dem Dachboden nachschaut, wo er den sprichwörtlichen gepackten Koffer, den er zwischenzeitlich ausgepackt hatte, hingestellt hat und ob er wieder griffbereit ist.

Ist das bei Ihnen auch so?
Würzburg beziehungsweise Deutschland ist meine Heimat. Ich persönlich zweifle daran nicht.

Sind jüdische Traditionen und Bräuche in der Gesellschaft
bekannt genug?

Nein, sicher nicht. Aber das Jubiläumsjahr 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland hat da schon etwas bewirkt. Es hat gezeigt, dass Feste wie Chanukka oder Pessach nichts Exotisches sind, sondern seit Jahrhunderten in der deutschen Kultur verankert sind. Es ist wichtig, dass Kinder schon im Kindergarten auch mit jüdischen Traditionen in Kontakt kommen.

Mit Blick auf das Jahresende 2022: Welche Rückschritte gab es
beim Kampf gegen Antisemitismus?

Was wir an purem Antisemitismus, aber auch israelbezogenem Antisemitismus in der Kulturszene erleben mussten, hat mich am meisten bestürzt. Dass die Weltkunstausstellung documenta trotz entsprechender Warnungen im Vorfeld mit offenem Antisemitismus aufwartet - in Deutschland im Jahr 2022 - hätte ich mir nicht vorstellen können. Ich zweifle auch daran, dass wir in der Kulturszene verstanden werden, wenn ich sehe, wie dort diskutiert
wird.

Sind die christlichen Kirchen für Sie Alliierte im Kampf gegen Antisemitismus?
Sie sind positiv eingebunden im Kampf gegen Antisemitismus. Wenn man die Historie der Kirchen ansieht, sind sie allerdings alles andere als unschuldig an entstandenem Antisemitismus, wenngleich sie nicht allein verantwortlich sind. Aber die evangelische Kirche in Deutschland und auch der Vatikan haben sich glaubwürdig von Antisemitismus distanziert.

Der bayerische Landesbischof und frühere EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm hat mal gesagt: Antisemitismus ist eine Sünde gegen Gott. Zugleich hängen an evangelischen und auch an katholischen Kirchen in Europa antijudaistische Darstellungen von Judensauen und es gibt Streit über den Umgang damit. Ist das christliche Engagement gegen Antisemitismus für Sie dennoch glaubwürdig?
Wenn eine christliche Gemeinde heute im Jahr 2022 in einem Neubau eine solche Darstellung anbringen würde, wäre das für mich ein Skandal. Jetzt ist die Frage, wie man mit historischen Skulpturen verfährt. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder man entfernt sie und bringt sie im Museum unter, oder man belässt sie an Ort und Stelle und versieht sie mit einer eindeutigen Hinweistafel, die auch ein Schuldbekenntnis enthält. Ich ziehe eine Entfernung vor, aber ich kann mit der Entscheidung leben, eine solche Darstellung zu belassen und sie mit einer Beschriftung zu versehen.

Teheran

Trotz Angriffen: Iran mobilisiert zu Al‑Kuds‑Protesten

Zum Ende des Fastenmonats Ramadan findet im Iran immer eine staatlich-inszenierte Großdemonstration gegen Israel statt. Die Führung rief die Bevölkerung auf, es dem »Feind« zu zeigen

 13.03.2026

Andenes

Kanzler Merz sieht keinen Anlass für Militäreinsatz in Straße von Hormus

Der französische Präsident treibt die Idee eines Militäreinsatzes zum Schutz von Öltankern und Handelsschiffen in der Straße von Hormus voran. Kanzler Merz ist da deutlich zurückhaltender

 13.03.2026

Washington D.C.

»Schaut mal, was heute mit diesen geistesgestörten Drecksäcken passiert«

»Wir verfügen über beispiellose Feuerkraft, unbegrenzte Munition und viel Zeit«, schreibt der amerikanische Präsident auf seiner Plattform Truth Social

 13.03.2026

Maskat

Bericht: Tote und Verletzte durch Drohne im Oman

Woher die Drohnen kamen, war zunächst nicht bekannt. Trotz Vermittlungsbemühungen wurde der Oman mehrfach zum Ziel iranischer Angriffe

 13.03.2026

Meinung

Iran: Der Verrat des Westens

Die Islamische Republik ist angeschlagen, doch ihre Unterstützer im Westen sind nach wie vor aktiv

von Jacques Abramowicz  13.03.2026

Paris

Nationaler Widerstandsrat will Übergangsregierung im Iran stellen

Die Gruppe exilierter Iraner will nach dem Sturz der Mullahs innerhalb von sechs Monaten Wahlen durchführen. Der Widerstandsrat ist jedoch höchst umstritten

 13.03.2026

Nahost

US-Tankflugzeug bei Einsatz im Irak abgestürzt

Vier der fünf Crew-Mitglieder starben

 13.03.2026

Incirlik

Iranische Rakete auf NATO-Stützpunkt in der Türkei abgefeuert

Als Reaktion auf die wachsende Bedrohung verstärkt die Allianz ihre Luftverteidigung in der Region. Ankara droht derweil dem Regime in Teheran

 13.03.2026

Analyse

Der strategische Fehler Teherans – und die Chance auf eine neue Ordnung im Nahen Osten

Wie der Krieg gegen das iranische Regime die Machtverhältnisse der Region dauerhaft verändern könnte

von Sacha Stawski  13.03.2026