Ukraine

Der verdrängte Krieg

Nach vier Jahren Krieg: Odessa zeigt Trauer und Widerstand – zahlreiche Gräber mit ukrainischen Fahnen markieren das Ausmaß der Opfer. Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Als im Mai 2022 die russische Armee die Stadt Mariupol erst dem Erdboden gleichmachte und dann besetzte, blieb eine Entscheidung fast unbemerkt: Die Besatzer stellten die Uhren um, und zwar auf Moskauer Zeit – genau wie in anderen besetzten Gebieten in Donezk, Luhansk, Saporischschja und Cherson. Seitdem tickt die Stadt nicht mehr nach Kyjiwer, sondern nach Moskauer Zeit. Es ist ein Symbol der Unterwerfung. Schon die Wehrmacht hatte in Amsterdam und Paris die Zeit umgestellt, um Herrschaft zu markieren.

Auch heute bleibt es nicht bei der Uhrzeit: Ukrainische Sprache und Kultur werden unterdrückt, Lehrpläne ersetzt, die ukrainische Identität kriminalisiert. Wer an ihr festhält, riskiert Verfolgung, Haft und Folter. Während in den besetzten Gebieten Identität ausgelöscht werden soll, zerstört Russland landesweit die Lebensgrundlagen. Vier Jahre nach Beginn der Vollinvasion bombardiert es systematisch Kraftwerke, Umspannwerke und Stromleitungen. Bei Temperaturen von unter minus 20 Grad sitzen Menschen in Kyjiw, Charkiw oder Dnipro ohne Heizung, oft ohne Strom und Wasser in ihren Wohnungen – Familien mit Babys, alte Menschen, die nicht fliehen können.

Das nationalsozialistische Morden überlebt – doch die Folgen russischer Angriffe auf die Infrastruktur nicht

So wie die 90-jährige Holocaust-Überlebende Jewhenija Mychajliwna Besfamilna. Sie hatte das nationalsozialistische Morden überlebt – doch die Folgen russischer Angriffe auf die Infrastruktur nicht. Sie starb in ihrer ungeheizten Wohnung in Kyjiw. Offiziell lautete die Todesursache Herzinsuffizienz. Nach Angaben des Oberrabbiners der Ukraine hätten die russischen Angriffe sie jedoch »fertiggemacht«. Der Tod durch Erfrieren ist 2026 keine Metapher, sondern ganz real, und das mitten in Europa.

Solche Geschichten dringen kaum noch zu uns durch. Der Krieg wird hierzulande bisweilen behandelt wie einer unter vielen. Dabei liegt es im ureigenen deutschen Interesse, dass die Ukraine nicht fällt. Wenn uns Rechtsstaatlichkeit und der Fortbestand der Europäischen Union etwas bedeuten, dürfen wir nicht wegsehen. Russlands hybride Kriegsführung – Sabotage, Cyberangriffe, Desinformation – richtet sich längst auch gegen unsere Gesellschaften.

Zwischen uns und dem Krieg liegt nur Polen. Was heute in den besetzten Gebieten geschieht, könnte morgen Polen, das Baltikum – oder auch Deutschland – treffen, wenn Russland nicht gestoppt wird. Die Methoden aus Moskau sind Europa schmerzhaft vertraut. Menschen verschwinden wegen angeblichen »Extremismus«, weil sie ukrainische Symbole verwenden oder ihre Sprache sprechen. Berichte der Vereinten Nationen dokumentieren Folter, sexuelle Gewalt und willkürliche Inhaftierungen.

Russland geht es nicht nur um Territorium. Moskau will die ukrainische Identität vernichten.

Dennoch endet der Widerstand nicht – er reicht vom stillen Bewahren von Sprache und Identität bis zu Sabotageakten. Je repressiver das Regime, desto anpassungsfähiger wird der Widerstand. Vielleicht werden auch wir eines Tages darauf angewiesen sein, von diesen Erfahrungen zu lernen – wenn wir nicht jetzt handeln. Das gilt auch für die vielen Tausend ukrainischen Kinder, die Russland seit 2022 deportiert und »russifiziert« hat: neue Namen, neue Geburtsurkunden, neue Staatsangehörigkeit. Familien verlieren jede Spur.

Die Ukraine kennt Gewaltherrschaft aus eigener Geschichte

Für Deutsche ist das kein abstraktes Thema: Die Nationalsozialisten entführten allein in Polen zwischen 20.000 und 200.000 Kinder, gaben ihnen neue Identitäten und vermittelten sie an deutsche Familien. Viele erfuhren erst Jahrzehnte später von ihrer Herkunft. Die Ukraine kennt Gewaltherrschaft aus eigener Geschichte. Deutschland ermordete etwa 1,5 Millionen der rund 2,7 Millionen Jüdinnen und Juden, die im Gebiet der heutigen Ukraine lebten.

Heute stehen Gedenkorte für Holocaust-Opfer neben Denkmälern für gefallene Verteidiger. Erinnerung und Gegenwart überlagern sich. Wie schmerzhaft das sein kann, zeigt das Schicksal von Vanda Obiedkova. Die 91-Jährige starb im April 2022 in Mariupol in einem Keller während des russischen Bombardements. Als Kind hatte sie 1941 die NS-Besatzung überlebt; ihre Mutter wurde ermordet. 81 Jahre später starb sie am selben Ort unter russischen Bomben. »Warum passiert das?«, fragte sie kurz vor ihrem Tod.

Bei einem Austausch in Iwano-Frankiwsk sagte mir eine Lehrerin, erst seit dem 24. Februar 2022 begreife sie wirklich, was die Schoa bedeutete – wenn man selbst im Keller ausharrt, während Bomben fallen, Nachbarn verschwinden und Identität ausgelöscht werden soll. Mein Team hatte gemeinsam mit Partnern diesen Dialog zwischen Lehrkräften aus Deutschland, Polen und der Ukraine organisiert, um genau dieser Frage nachzugehen. Wie verändert sich Erinnerungspolitik, wenn historisches Wissen von unmittelbarer Kriegserfahrung überlagert wird? Millionen Menschen flohen in die EU, mehr als eine Million nach Deutschland. Viele werden dauerhaft Teil unserer Gesellschaft.

Zugleich findet die größte humanitäre Katastrophe im Land selbst statt:
3,7 Millionen Menschen sind innerhalb der Ukraine vertrieben. Laut dem »Humanitarian Needs and Response Plan 2026« rechnen die Vereinten Nationen für dieses Jahr mit mehr als einer halben Million weiteren Binnenvertriebenen. Unterstützung vor Ort bleibt entscheidend. Die Ukraine zu unterstützen, ist keine Wohltätigkeit, sondern Selbstverteidigung. Wenn wir in Berlin die Kälte spüren, kämpfen Menschen in Kyjiw ums Überleben. Die Alternative zum Hinschauen ist nicht Frieden. Die Alternative ist, dass das Grauen näher rückt. Bis vielleicht auch bei uns die Uhren anders ticken.

Der Autor ist Geschäftsführer des Osteuropavereins »Austausch« in Berlin.

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