Reaktion

Der Teufel ist blond

Er hat am Freitag vergangener Woche mindestens 76 Menschen getötet: Anders Behring Breivik Foto: Foto: dpa, Montage: Marco Limberg

Der Terror in Oslo hat nicht nur in Europa massive Bestürzung und Verunsicherung hervorgerufen. Auch Israelis und Palästinenser sind geschockt. Doch die Reaktionen dienen ebenso als Beispiel dafür, wie die Betrachtung von Ereignissen durch schmale, ideologische Brillen verzerrt wird.

»Es ist unfassbar«, stammelte Gideon Remes im israelischen Staatsradio, als er zu seiner Einschätzung der blutigen Angriffe gefragt wurde. Dabei passt Überraschung eigentlich gar nicht zu ihm. Remes ist kampferprobter Fallschirmjäger, erfahrener Journalist und gebildeter Historiker, ein Kenner blutiger Schlachten und menschlicher Grausamkeit.

Identität Doch Remes sprach das aus, was terrorerfahrene Israelis vielleicht mehr verunsichert als der sinnlose Tod friedlicher Jugendlicher: Die Identität des Täters passt nicht in ihr Weltbild. »Er hat das Gesicht eines Engels: kantiges Kinn, blonde Haare und blaue Augen.« Mit anderen Worten: Anders Behring Breivik sieht nicht arabisch aus. Wie konnte ein kultivierter Norweger einen Massenmord begehen? 60 Jahre nach dem Holocaust wollen sich Israelis einen blonden Teufel nur noch schwer vorstellen.

Hier begreift man sich als missverstandenes Stiefkind des Westens. Was die Welt als Aggression anprangert, sehen Israelis als Selbstverteidigung. Norwegen verurteilt die Besatzungspolitik, wie viele andere Staaten, als illegal und rassistisch, während man sie vor Ort als notwendiges Übel betrachtet, um das eigene Überleben zu sichern.

Deswegen beschäftigt Israel, wie nach jedem großen Attentat, in erster Linie eine Frage: Wird das friedliche Norwegen nach dem Trauma mehr Verständnis für den Judenstaat und seine prekäre Lage aufbringen? Erleichtert atmet man in Jerusalem auf, weil klar wird, dass der Anschlag nichts mit Israel zu tun hat. Die Angst, zum weltweiten Paria zu werden, überschattet die Berichterstattung, wird die einzige Demokratie im Nahen Osten doch seit Jahrzehnten in internationalen Foren strenger an die Kandare genommen als ausgewiesene Schurkenstaaten.

Bloggforen Und schon formt sich ein neues Feindbild: Der Täter entstamme einer Szene europäischer »Multikulti-Hasser und Islamfeinde«, berichtet Spiegel Online. Sie geben sich in Bloggerforen wie »Politically Incorrect« (PI) »wehrhaft« und »aggressiv christlich«, seien »feindlich gegen alles, was liberal« ist. Sie würden vom Verfassungsschutz aber nicht als rechtsradikal eingestuft, nur, weil sie »pro-amerikanisch und pro-israelisch« seien.

Tatsächlich warnt PI in populistischem Hassjargon, dass sich »in ganz Europa eine islamische Indoktrination und freche Anmaßung« breitmache, verherrlicht den Judenstaat als Vorkämpfer im Streit wider die Muslime und zeichnet ihn als Opferlamm »arabischer Diktatoren« und »irregeführter westlicher Medien«.

Das ist dieselbe Polemik wie die Behauptung der PI-Gegner, Israel diene als Feigenblatt oder gar Verbündeter rechtsextremer Islamhasser. In der anstehenden Debatte zwischen liberalen »Multikultis« und Islamophoben steht Israel vielleicht somit bald wieder ungewollt im Mittelpunkt.

Die Hamas in Gaza will Israel in ebendiesen Fokus rücken: Aus Tausenden Kilometern Entfernung kondoliert sie Oslo zuerst und erklärt dann, ihr sei völlig klar, wer hinter den Anschlägen stecke. Viele Palästinenser halten es für unmöglich, dass ein Muslim eine derartige Bluttat begeht, Attentaten der jüngeren Vergangenheit zum Trotz. Nur Israels Geheimdienst Mossad könne verantwortlich sein, sei allein zu machiavellistischen Berechnungen und teuflischen Schreckenstaten fähig. Eigennützig deutet die Hamas das Geschehen in einen israelischen Racheakt um.

islamfeindlich Hatten die Schüler der Insel Utoya nicht am selben Tag zum Boykott Israels aufgerufen, Oslo nicht einen unabhängigen Palästinenserstaat unterstützt? Propalästinensischen Bloggern dient der Umstand, dass Breivik in islamfeindlichen und israelfreundlichen Foren textete, als Beweis, um den vermeintlichen »jüdischen Terrorstaat« zu überführen. Der Teufel kann für sie nur Jude sein.

Es ist verständlich, dass Israelis und Palästinenser die Welt anhand ihrer Erfahrungen analysieren. Aus Deutschlands Sicht mögen die Konsequenzen, die sie aus dem Massaker in Oslo ziehen, absurd erscheinen.

Dennoch enthalten sie eine wichtige Lehre: Verallgemeinerungen sind bereits gefährlich ungenau, wenn sie im eigenen Kulturraum unkritisch angewandt werden. Überträgt man sie auf andere Teile der Erde, sind sie schlichtweg irreführend. Das gilt für Israelis und Palästinenser, die Europa analysieren, im gleichen Maße wie für Europäer, die den Konflikt im Nahen Osten nur aus der Ferne betrachten.

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