Rechtsextremismus

»Der NSU-Prozess darf kein Schlussstrich sein«

Zentralratspräsident Josef Schuster Foto: Thomas Lohnes/ZR

Vor Abschluss des NSU-Prozesses warnt der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, vor einem Schlussstrich. Die gesellschaftliche Aufarbeitung der Verbrechen müsse weitergehen, schreibt Schuster heute in einem Gastbeitrag für die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«.

Unter das Kapitel NSU dürfe ebenso wenig ein Schlussstrich gezogen werden wie unter die NS-Verbrechen. Denn noch immer sei in vielen Köpfen das »Ideal eines ›reinrassigen‹ Deutschlands ohne Ausländer, ohne Muslime und ohne Juden« vorhanden.

Springerstiefel »Und nicht nur bei jenen Neonazi-Typen, die in Springerstiefeln auf Demos dumpfe Parolen brüllen«, warnte Schuster. Die Ideologie finde sich auch in rechtsextremistischen Denkfabriken. Von dort nehme sie ihren Weg über die AfD in die Parlamente und über die sozialen Medien in viele Schichten der Gesellschaft, die früher für Rechtsextremisten kaum erreichbar gewesen seien.

»Der Prozess, der sich über fünf Jahre hingezogen hat, verdeutlicht auch, wo der Rechtsstaat an seine Grenzen stößt«, schreibt Zentralratspräsident Schuster. »Wenn die Angeklagten mauern und wie Beate Zschäpe die Aussage fast komplett verweigern, wenn dazu auch noch die beteiligten Behörden offenbar mehr unter den Teppich kehren, um das eigene Versagen zu kaschieren, als aufzuklären, dann bleiben viele Fragen offen.«

Die Verbrechen des NSU blieben unter anderem auch deshalb so lange unentdeckt und völlig falsch eingeordnet, weil die Verfassungsschutzämter seit den Anschlägen auf das World Trade Center am 11. September 2001 stark auf islamistischen Terrorismus konzentriert gewesen seien, so der Präsident des Zentralrats. »In der Politik findet das Gleiche statt: Die Debatte fokussiert sich auf radikale Muslime und Flüchtlinge. Andere wichtige Politikfelder sind auf gefährliche Weise aus dem Blickfeld geraten. Der Rechtsextremismus gehört definitiv dazu.«

Martyrium Mit Blick auf die Hinterbliebenen der vom NSU ermordeten Menschen sagte Schuster: »Das Urteil wird für die Angehörigen der zehn Opfer der NSU-Mordserie nur bedingt Erleichterung bringen. Abgesehen von dem Verlust, den sie erlitten haben, haben sie durch den Prozess ein fünfjähriges Martyrium hinter sich.«

Der fünfjährige Prozess sei eine Zeit gewesen, in der die Angehörigen sich das Geschehen immer wieder ins Bewusstsein holen mussten, in denen sie sich die nationalsozialistische Gesinnung mancher Angeklagter und Anwälte anhören mussten, so Schuster weiter. »Vor allem aber waren es fünf Jahre, in denen ihre drängendste Frage nicht beantwortet wurde: Warum wählte der NSU ausgerechnet jene zehn Menschen für seine Anschläge aus?«

Nach mehr als fünf Jahren geht der NSU-Prozess am Mittwoch am Oberlandesgericht München zu Ende. Der Mordserie der mutmaßlichen Täter Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe fielen zwischen 2000 und 2007 nach Behördenerkenntnissen in acht Städten neun Menschen mit Migrationshintergrund und eine Polizistin zum Opfer. Zschäpe steht als einzige Überlebende des Trios vor Gericht, ebenso wie vier mutmaßliche Helfer. ja/epd

Berlin

Streit um Antisemitismus: SPD und Grüne unterbrechen Sondierungsgespräche

Die Linke will eine rot-grün-rote Koalition in der Hauptstadt schmieden. Doch Grüne und SPD setzen erstmal ein Stoppschild. Auslöser ist der Umgang der Linken mit dem Thema Antisemitismus

 13.10.2026

Kontinuität

Bundesratsinitiative für EU-Forschungskooperation mit Israel

Drei Bundesländer wollen die weitere Beteiligung Israels am EU-Forschungsrahmenprogramm sicherstellen. Dazu wird jetzt eine Bundesratsinitiative auf den Weg gebracht

 13.10.2026

Kommentar

Der geplatzte Testballon von Halle

Die AfD wird weiterhin versuchen, sich als ganz normale Partei zu inszenieren, wenn es um jüdisches Leben geht. Ein Angriffsziel bleibt es trotzdem. Deswegen müssen wir achtsamer werden, wenn die Angriffe subtiler werden

von Igor Matviyets  13.10.2026

Sachsen-Anhalt

CDU-Fraktion will bei Ministerpräsidenten-Wahl den Saal verlassen

Kamen Stimmen für die Wahl des AfD-Landtagspräsidenten aus den Reihen der CDU? Für die nächste wichtige Wahl im Dezember will die Fraktion vorbauen und nimmt einen ungewöhnlichen Weg

 13.10.2026

120. Geburtstag

Philosoph Bormuth: Die Gedanken von Hannah Arendt geben Orientierung

Das Werk der Philosophin Hannah Arendt bietet nach Ansicht des Oldenburger Wissenschaftlers Matthias Bormuth Orientierung in polarisierten Zeiten. Ihr Plädoyer für eigenes Denken und streitbaren Austausch sei heute hochaktuell

 13.10.2026

New York

Die US-Linke ist besessen von Palästina – nun frisst die Revolution ihre eigenen Kinder

Zohran Mamdanis Aufstieg hat in der Demokratischen Partei einen Linksruck ausgelöst. Längst ist der Bürgermeister der US-Metropole mit seiner zweifelhaften Anti-Israel-Rhetorik zur Ikone der Palästina-Bewegung in Amerika geworden. Nun wird er Teilen des eigenen Lagers zu weich

von Jan Klauth  13.10.2026

Glosse

Wir stehen zum Existenzrecht Pakistans!

Absurder als im rot-rot-grünen Berlin wird’s nicht mehr

von Philip Fabian  13.10.2026

Replik

Einspruch, euer Ehren!

Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ging in diesem Jahr an Philippe Sands. Ausgerechnet ein Mann, dessen Autorität auf juristischer Präzision und universellen Maßstäben gründet, nimmt es mit dem Völkerrecht erstaunlich ungenau

von Leeor Engländer  13.10.2026

9. November

Bautzen erinnert an Novemberpogrome 1938

Der Bautzener Kornmarkt war Schauplatz der Novemberpogrome von 1938. Eine temporäre Installation soll am authentischen Ort an NS-Opfer erinnern

 13.10.2026