Standpunkt

Der Krieg um die Vorhaut

Der »freiheitliche« Kärntner Landeshauptmann Gerhard Dörfler lehnt jegliche Form von »Genitalverstümmelung« ab. Diese »Tradition« habe in Europa nichts mehr verloren. Zwischen der Beschneidung von Buben und Mädchen sieht Dörfler keinen Unterschied und fordert das generelle Verbot »religiös motivierter Beschneidungen«.

Die Rechtslage ist in Österreich eindeutig: Die Beschneidung von Knaben ist »durch die vertretungsweise Einwilligung der Eltern« straffrei. Dem Vorarlberger Landeshauptmann Markus Wallner von der konservativen Österreichischen Volkspartei (ÖVP) war das offenbar nicht bewusst, und so empfahl er den Ärzten seines Bundeslandes, keine Beschneidungen mehr durchzuführen. Erst ein angefordertes Rechtsgutachten aus Wien stellte für ihn die Sache klar. Die originelle Erkenntnis der Juristen: »Religiöse Beschneidungen widersprechen nicht den guten Sitten, da sie seit Jahrhunderten praktiziert werden.«

Ariel Muzikant, Ehrenpräsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien, fühlte sich währenddessen bemüßigt, an die Öffentlichkeit zu gehen und einen drastischen Vergleich zu ziehen. Ein Beschneidungsverbot »wäre dem Versuch einer neuerlichen Schoa, einer Vernichtung des jüdischen Volkes gleichzusetzen – nur diesmal mit geistigen Mitteln«, erklärt er in einem Interview mit der in Graz erscheinenden Kleinen Zeitung.

Die in Deutschland begonnene »Vorhaut-Debatte« hat also auch Österreich erreicht, um hier endgültig zu einer Farce zu verkommen. Dabei geht es natürlich nicht wirklich um medizinische Fragen oder den Schutz von Kindern, sondern um einen »Kulturkampf«, der weniger gegen Juden als vielmehr gegen Immigranten aus der Türkei und aus anderen islamischen Ländern geführt wird – Menschen, die heute für das bedrohliche Bild des »Fremden« in unserer Gesellschaft stehen.

schoa-vergleich Mehr als die peinlichen Aussagen einiger österreichischer Politiker (von denen nichts anderes zu erwarten war) ärgert mich Muzikants Schoa-Vergleich. Von der dreisten Anmaßung, die Opfer der Massenvernichtung für dieses Sommerlochthema zu instrumentalisieren, abgesehen, negiert Muzikant offenbar die Unterschiede zwischen Glaube und Volk, Herkunft und Identität, Tradition und Geist.

Mir selbst käme es lächerlich vor, mein Jude-Sein vom Aussehen beziehungsweise dem »Status« meines Geschlechtsteils abhängig zu machen. Viele Juden, besonders jene, die wie ich aus der ehemaligen Sowjetunion stammen, definieren ihr Judentum als Zugehörigkeit zu einer Kultur- und Schicksalsgemeinschaft. Und sogar nach streng religiöser Vorstellung wird man nicht durch die Einhaltung der Mizwot, zu denen auch die Beschneidung gehört, sondern in erster Linie durch die jüdische Herkunft der Mutter zu einem Juden. Auch die Vorhaut ist demnach jüdisch.

Die Brit Milah ist für gläubige Juden natürlich eine religiöse Pflicht. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind dadurch bleibende Schäden erleidet, ist etwa so hoch wie das Risiko, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen. Es ist aber noch niemand auf die Idee gekommen, Menschen zu verbieten, mit ihren Kindern in ein Flugzeug zu steigen. Folgt man dieser Logik, muss man ein Beschneidungsverbot als unverhältnismäßig und diskriminierend ansehen.

sowjetunion Entgegen einer weit verbreiteten Meinung gab es in meiner ursprünglichen Heimat, der Sowjetunion, niemals ein Gesetz, das Beschneidungen untersagte. Zwar führte der kommunistische Staat einen Kampf gegen religiöse Praktiken jeglicher Art, in den traditionellen jüdischen und muslimischen Gemeinschaften Zentralasiens oder Transkaukasiens hätte ein Beschneidungsverbot jedoch nur mit Gewalt durchgesetzt werden können. So weit wollte nicht einmal der totalitäre Staat gehen. Die Vorhaut war ihm keinen Massenterror wert.

Letztlich verhielt es sich mit der Beschneidung genauso wie mit der Taufe und anderen religiösen Ritualen: Was an der Peripherie des Imperiums oder auf dem Land mehr oder weniger toleriert wurde, konnte anderenorts für die Betroffenen zu Diskriminierungen, beruflichen Nachteilen, zu gesellschaftlicher Ächtung, in Einzelfällen auch zu Verhaftungen führen. Säkulare Juden tendierten deshalb im Laufe der Jahre immer mehr dazu, ihre Söhne nicht beschneiden zu lassen, zumal sie ohnehin kaum noch Interesse an Religion hatten. Die meisten fühlten sich trotzdem als Juden und wurden von anderen als solche wahrgenommen.

identität Bezeichnend für die Politik des antisemitischen Staates war es, dass eine vollständige Assimilation niemals zugelassen wurde. Die »jüdische Nationalität« wurde allen Menschen jüdischer Herkunft – mit oder ohne Vorhaut – verordnet und in den Personalausweis geschrieben. Ironischerweise kam damit die sowjetische Vorstellung von Volkszugehörigkeit jener der jüdischen Orthodoxie recht nahe: Es gibt gläubige und ungläubige, beschnittene und unbeschnittene Juden, doch wer als Jude geboren wird, bleibt es auch. Das ist genauso wenig ein moderner Ansatz wie die Vorstellung, die Entfernung eines Hautlappens sei für ein Volk überlebenswichtig. Vielleicht trägt die derzeitige »Debatte« dazu bei, sich wieder einmal ernsthafte Gedanken zum Thema Identität im 21. Jahrhundert zu machen.

Der Autor, geboren 1966 in Leningrad, ist Schriftsteller und lebt in Salzburg. Zuletzt erschien im Februar bei Deuticke sein Roman »Schimons Schweigen« (268 S., 19,90 €).

Bundesrat

Länder: Aufrufe zur Vernichtung Israels sollen strafbar werden

Der Bundesrat hat am Freitag einen Vorschlag Hessens gebilligt, wonach die öffentliche Leugnung des Existenzrechts Israels bestraft werden soll. Ob ihn die Bundesregierung aufgreift, ist noch unklar

von Michael Thaidigsmann  10.07.2026

Warschau

Vor 85 Jahren wurden die Juden von Jedwabne ermordet

Ein Massaker 1941 belastet das Verhältnis von Juden und Polen: Anstifter waren Deutsche, doch die Täter waren Polen. Ein Ex-Präsident hat zu dem Gedenktag eine klare Botschaft

 10.07.2026

Ramallah

Abbas kündigt Wahlen an

Der Chef der Palästinensischen Autonomiebehörde legt den 28. November als Termin für die Neuwahl des Parlaments fest, 2027 soll auch über die Präsidentschaft neu abgestimmt werden.

 10.07.2026

Großbritannien

»Wir haben das nicht richtig gemacht«

Andy Burnham, designierter Nachfolger von Keir Starmer als Labour-Chef und Premierminister, kündigt eine Kurskorrektur in der britischen Nahostpolitik an

von Michael Thaidigsmann  10.07.2026

Hamburg/Haifa

Netanjahu bremst Milliarden-Fusion von Hapag Lloyd und Zim

Hapag-Lloyd würde die israelische Reederei gerne übernehmen. Doch der israelische Ministerpräsident hat Sicherheitsbedenken

 10.07.2026

Hamburg

Ein Jahr nach Beginn des Block-Prozesses kein Ende in Sicht

Am 11. Juli 2025 startete am Landgericht der spektakuläre Prozess um die Entführung der Block-Kinder. 63 Verhandlungstage gab es seither. Was ist noch offen?

 10.07.2026

Tirana

Albaniens Premier gibt Millionen für Kanye-Konzert aus

Ein geplanter staatlich geförderter Auftritt spaltet das Land – und verstärkt die ohnehin seit langem wachsende Kritik an Ministerpräsident Rama. Die jüdische Gemeinde will eine Absage

 10.07.2026

New York

Bericht: Israel warnte Trump vor neuem iranischem Anschlagsplan gegen ihn

Seit der Tötung des iranischen Generals Qassem Soleimani Anfang 2020 droht der Iran Trump mit Vergeltung

 10.07.2026

Islamabad/Doha

Vermittler wollen Atomgespräche zwischen USA und Iran retten

Pakistan, Katar und andere Staaten bemühen sich laut einem amerikanischen Pressebericht, die jüngste Eskalation einzudämmen

 10.07.2026