Bedacht

Der Eklat fällt aus

Zwei Redner, zwei Meinungen: Alfred Grosser (l.) und Dieter Graumann Foto: dpa

Die Veranstaltung ist schon fast vorbei. Da erheben sich die Vertreter des Zentralrats und der Jüdischen Gemeinde Frankfurt von ihren Plätzen. Allerdings nicht, wie im Vorfeld angedroht, um die altehrwürdige Paulskirche und die dort am Dienstag stattfindende Gedenkfeier zum 9. November 1938 aus Protest zu verlassen. Sondern, um dem Hauptredner, Alfred Grosser, die Hand zu schütteln. Foto- und Videokameras sind auf den umstrittenen deutsch-französischen Publizisten gerichtet. Viele drängt es, ein möglichst symbolträchtiges Bild zu bekommen. Eines, das deutlich machen soll, das die emotional geführte Debatte um Grossers Auftritt an diesem Tag einen mehr oder minder versöhnlichen Abschluss gefunden hat.

»Der Eklat fällt aus«, hatte Dieter Graumann, Vizepräsident des Zentralrats und Vorstandsmitglied der Frankfurter Gemeinde, gleich zu Beginn seiner Ansprache betont. Keine Selbstverständlichkeit. Im Vorfeld hatte die Entscheidung des Magistrats, Grosser zur traditionellen Gedenkveranstaltung in die Paulskirche einzuladen, für teils heftige Empörung in den Reihen des Zentralrats gesorgt. Generalsekretär Stephan J. Kramer hatte sich nach Bekanntwerden der Personalie in einem Brief an die Frankfurter Oberbürgermeisterin Petra Roth gewandt. Darin sprach er sich gegen den Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels (1975) als Redner aus. Kramer kritisierte zum einen Grossers überzogene Israel-Kritik. Dieser ziehe regelmäßig ungerechtfertigte Parallelen zwischen der Judenverfolgung im Dritten Reich und der heutigen Situation der Palästinenser in den von Israel besetzten Gebieten. Zum anderen wurde Grosser seine Parteinahme für den Schriftsteller Martin Walser und dessen »Moralkeulen«-Rede vorgeworfen. Dieter Graumann sprach deshalb von einer »grandiosen Fehlbesetzung«. Vertreter des Magistrats hingegen verwiesen immer wieder auf die Verdienste des in Frankfurt geborenen und 1937 nach Frankreich emigrierten Grosser um die deutsch-französische Verständigung. Zeitweise stand ein Boykott der Veranstaltung durch die Vertreter der jüdischen Gemeinde im Raum.

Dass es dazu nicht kam, ist wohl der Mäßigung auf beiden Seiten zu verdanken. »Ein Gedenktag ist kein Spektakel«, erklärte Graumann in seiner Ansprache. Zwar habe man seitens des Zentralrats weiterhin »heftige Einwände«, doch eigneten sich weder Ort noch das symbolträchtige Datum für eine derartige Auseinandersetzung.

Grosser seinerseits verteidigte seine Kritik an den Menschenrechtsverletzungen auf israelischer Seite. »Wir müssen sehen, dass unsere westlichen Werte Werte für alle sind.« Da Israel zum Westen gehöre, müsse man dem jüdischen Staat gegenüber kritisch bleiben. »Jede Verletzung unserer Werte durch uns selbst macht uns unglaubwürdig.« Dafür bedürfe es der kriti- schen Distanz zur eigenen Herkunft, ohne diese zu verneinen, und der Fähigkeit, sich in »das Leiden der anderen« hineinzufühlen. »Man kann von keinem jungen Palästinenser verlangen, das Leid der Attentate zu verstehen, wenn wir nicht auch ein Minimum an Mitleid zeigen für die Leiden in Gaza und in den besetzen Gebieten.«

Jenseits der Debatte über den Hauptredner und den Nahostkonflikt stand das Gedenken an die Pogromnacht im Mittelpunkt der Veranstaltung. Graumann ge dachte der fast 2.000 jüdischen Männer, die vor 72 Jahren aus Frankfurt nach Buchenwald und Dachau deportiert wurden. Die Erinnerung daran weiterzugeben, sei eine Verpflichtung, die auch von den Nachkommen der Schoa-Überlebenden ernst genommen werde. »Wir waren zwar nicht selbst in der Schoa, und doch ist die Schoa in uns.«

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