Kampagne

Der Boykott-Blues

Don’t Let Me Be Misunderstood: Die britische Rocklegende Eric Burdon gab trotz Drohungen ein Konzert in Binyamina. Foto: imago

Eric Burdon sah sich dieser Tage zunächst gezwungen, einen Auftritt in Israel abzusagen. Dann jedoch stellte sich heraus, dass sein Management diese Entscheidung wohl eigenmächtig getroffen hatte, aufgrund eines – selten passt dieses Wort besser als hier – »Shitstorms« von Israel-Boykott-Aktivisten. Dem Management, das angeblich Angst um Burdons Leben hatte, ging es darum, den Künstler zu schützen; der jedoch war bereits in Israel und ließ sich von den massiven Drohungen nicht beeindrucken, sondern spielte ein beeindruckendes Konzert in Binyamina im Norden Israels.

Was könnten das für Drohungen sein, mit denen man einem 72-jährigen Weltstar wie Burdon derart zusetzen kann? Seit Jahren setzt sich jeder Musiker, jede Sängerin, jede Band, die einen Auftritt in Israel plant, permanenten Drohungen von sogenannten Aktivisten aus. Es beginnt immer ganz harmlos, mit freundlich klingenden persönlichen Mails an die Künstler, die sofort auch öffentlich gepostet werden: »Liebe Alicia Keys«, heißt es dann etwa, »wir sind israelische Bürger, die gegen Israels anhaltende Verdrängung und Unterdrückung des palästinensischen Volkes durch militärische Besatzung und Apartheidpolitik opponieren.«

drohungen Wenn die Künstler dem Boykottaufruf der Aktivisten nicht folgen, wird die Sprache etwas deutlicher. Im Ton bleiben die Aktivisten höflich – den schmutzigen Teil ihrer Kampagne lassen sie zum Teil anonyme Follower betreiben, die die Unpersönlichkeit des Netzes missbrauchen, um direkte und zum Teil sehr massive Drohungen an Künstler und ihre Vertreter zu senden. Es handelt sich um die immergleiche, bestens organisierte Kampagne, und bei den Künstlern gehen Hunderte, mitunter Tausende Drohungen ein. Sogar Mordankündigungen, wie die eines libanesischen Islamisten 2008 gegen Paul McCartney.

Wer steht hinter dieser Kampagne? Das ist nicht so einfach herauszufinden, denn die Initiatoren sind zu feige, um ihr Gesicht zu zeigen. Auf ihrer Website finden sich zwar haufenweise Unwahrheiten und Propaganda, ein Impressum ist jedoch nicht auszumachen – es gibt keinen Kontakt, keine Namen, keine Adresse. Im Internet behaupten die anonymen Organisatoren der Kampagne, sie seien »Palästinenser, Juden, Bürger Israels«, die den palästinensischen Aufruf von 2005 zu einer »BDS«-Kampagne (»Boykott, Desinvestition und Sanktionen«) gegen Israel unterstützen; sie beziehen sich ausdrücklich auf den Kampf gegen die Apartheid in Südafrika und setzen Israel mit der vergangenen rassistischen Diktatur gleich. Die Aktivisten behaupten, es gehe ihnen um »gerechten Frieden« und »wahre Demokratie« in der Region.

besatzung Die Kampagne ist leider erfolgreich. Unterstützt wird sie unter anderem von Pop- und Rockstars wie Brian Eno oder Annie Lennox (die 2010 betonte, sie werde nie mehr in Israel auftreten). Ex-Pink-Floyd-Frontmann Roger Waters hat seine Künstlerkollegen sogar ausdrücklich dazu aufgerufen, Israel so lange zu boykottieren, bis es seine »Besatzung« aufgeben würde.

Nun sind Rock- und Popmusiker nicht klüger als viele gewöhnliche Menschen, und natürlich steht es jedem Musiker frei, seine Meinung zu äußern und zu veröffentlichen (solange er zum Beispiel nicht in einem Land lebt, das von der Hamas regiert wird). Problematischer wird es, wenn Boykottaktionen dazu führen, dass bereits fest vereinbarte Konzerte plötzlich nicht mehr stattfinden.

Einige Künstler werden von Massen-Mails und Facebook-Shitstorms verunsichert, andere haben Angst vor einem Imageschaden, wenn sie dennoch in Israel auftreten – und so werden sie lieber vertragsbrüchig, als in der westlichen Öffentlichkeit als israelfreundlich dazustehen. Künstler, die bereits vereinbarte Konzerte in Israel abgesagt haben, waren unter anderem Devendra Banhart, Carlos Santana, Vanessa Paradis, Thomas Quasthoff (der gleich sechs Konzerte absagte, die er 2011 in Israel geben sollte) oder Stevie Wonder.

konzertabsage Nicht wenige Künstler solidarisieren sich ausdrücklich mit den Zielen der BDS-Kampagne, wie Elvis Costello, der seine Konzertabsage mit der »Einschüchterung und Demütigung der Palästinenser« begründete.

Was tun? Dem selbstgefälligen Antisemitismus der »Boykott-Israel«-Kampagne hat zum Beispiel Frankreich Einhalt geboten: Das höchste französische Gericht hat vergangenes Jahr entschieden, dass öffentliche Boykottaufrufe gegen israelische Produkte eine Diskriminierung darstellen und nach französischem Recht verboten sind.

Viele Künstler singen gegen den Kultur-Boykott des jüdischen Staates mit ihren Auftritten in Israel einfach an: Madonna, Lady Gaga, Rihanna oder Leonard Cohen. Und manche erteilen den Boykotteuren eine direkte Abfuhr: »Die werden mich nicht davon abhalten, hierherzukommen«, sagte Elton John bei seinem Konzert in Ramat Gan 2010. »Musiker verbreiten Liebe und Frieden und bringen Menschen zusammen.«

Der Autor ist Konzertagent in Berlin und hat mehrfach Auftritte seiner Künstler nach Israel vermittelt.

Nach Antizionismus-Beschluss

Linken-Spitze will gegen Antisemitismus vorgehen

Die Linke kommt wegen interner Debatten über Antisemitismus nicht zur Ruhe. Nun reagiert die Parteiführung mit einem Antrag

 21.03.2026

Nahost

Israels Armee-Chef Zamir: Irans Raketen könnten Berlin treffen

Israels Militärchef warnt: Nach dem iranischen Angriff auf Diego Garcia sieht er auch europäische Hauptstädte wie Berlin im Radius iranischer Raketen. Der Krieg habe etwa die Halbzeit erreicht

 21.03.2026

Teheran

Modschtaba Chamenei bleibt unsichtbar

Der neue »Oberste Führer« des Iran zeigt sich weiter nicht in der Öffentlichkeit. Eine verlesene Botschaft ersetzt seine Neujahrsrede

 20.03.2026

Bern

Schweiz stoppt Waffenexporte an die USA

Wegen ihres strikten Neutralitätsprinzips liefert die Schweiz vorerst keine Waffen mehr an die USA, weil diese am Krieg gegen den Iran beteiligt sind

 20.03.2026

Berlin

DIG kritisiert Deutschlands Rückzug im Verfahren zum angeblichen Genozid gegen Israel

»Deutschland opfert Israel seinen Ambitionen auf einen Sitz im Weltsicherheitsrat«, sagt DIG-Präsident Volker Beck. Und nennt es »schändlich«

 20.03.2026

Bildung

Stille im Vieh-Waggon - Jugendliche fühlen die Geschichte des ehemaligen KZ Bergen-Belsen

Jugendliche aus ganz Europa hören in Bergen-Belsen von Hunger, Enge und Angst - und stehen plötzlich selbst an den Orten des Grauens. Für viele ist der Besuch im früheren Konzentrationslager die erste intensive Begegnung mit der NS-Zeit

von Charlotte Morgenthal  20.03.2026

Argentinien

Argentinien übernimmt IHRA-Vorsitz

Das südamerikanische Land übernimmt die Präsidentschaft der International Holocaust Remembrance Alliance (IHRA). Als erstes auf dem Kontinent

 20.03.2026

Oslo

Mette-Marit: Epstein hat mich manipuliert

Vertraute Mails und Liebes-Tipps: Ihre Freundschaft mit dem Sexualstraftäter hat Norwegens Kronprinzessin in Bedrängnis gebracht. Jetzt gab Mette-Marit ein Fernsehinterview

 20.03.2026

Meinung

Warum die Stellungnahme der USA beim IGH eine Enttäuschung ist

Die Intervention Washingtons vor dem Internationalen Gerichtshof nimmt zwar Israel gegen den Vorwurf des Genozids in Schutz. Sie liefert den Richtern aber kaum Argumente

von Menachem Z. Rosensaft  20.03.2026