Interview

»Der Anschlag hat schreckliche Wunden hinterlassen«

Foto: dpa

Herr Franke, im Dezember wurde der antisemitische Attentäter des Anschlags auf die Synagoge von Halle zu lebenslanger Haft verurteilt. Doch für viele Opfer bleibt die Gewalttat ein Trauma. Was können Sie als Opferbeauftragter der Bundesregierung tun?
Wir werden weiter für die Überlebenden, die Verletzten und die Familien der Opfer da sein, auch noch Jahre nach diesem entsetzlichen rechtsextremistischen Terroranschlag. Sie brauchen weiterhin viel Unterstützung. Zu den Betroffenen des Anschlags von Halle und Landsberg gehören auch zahlreiche Augenzeugen, die die Tat in der Synagoge und an den anderen Tatorten miterleben mussten. Mit vielen Betroffenen habe ich mich getroffen, häufig auch mehrfach. Mein Team und ich kümmern uns seit dem Anschlag um psychologische, finanzielle und praktische Hilfen.

»Dem Hass des Täters müssen wir die Menschlichkeit und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft entgegenhalten.«

Die Hilfsangebote sind vielfältig: Viele Menschen, die am 9. Oktober 2019 die Synagoge in Halle besucht haben, sprechen kein Deutsch. Deshalb haben wir geklärt, welche Therapieangebote es für traumatisierte Betroffene auch auf Russisch und Englisch gibt. Wir haben auch ein rund um die Uhr erreichbares Beratungstelefon geschaltet, um jederzeit psychosoziale Unterstützung geben zu können. Alle Betroffenen des Anschlags und ihre Familien können sich weiterhin jederzeit an uns wenden. Dem Hass des Täters müssen wir die Menschlichkeit und den Zusammenhalt unserer Gesellschaft entgegenhalten.

Nun ist ein Fall bekannt geworden, wo einer betroffenen polnischen Studentin von Behörden in Brandenburg das BAföG gestrichen wurde. Die junge Frau saß zum Zeitpunkt des Anschlags in der Synagoge, ist von dem Erlebten immer noch traumatisiert und kann deshalb nicht arbeiten. Nun werden ihr vom Staat finanzielle Mittel gestrichen. Was läuft da schief?
Wir haben zu der Studentin Kontakt aufgenommen und ihr Unterstützung angeboten. Es ist klar, dass man ihr, die so unfassbar Schreckliches erlebt hat und mit dem Tod bedroht war, Zeit geben muss, das Geschehene zu verarbeiten. Das erfordert Geduld. In dieser Zeit darf sie die staatliche Unterstützung nicht verlieren. In ihrem Fall scheint jetzt eine Lösung auf gutem Weg zu sein.

»Es bleibt ein Wunder, dass die Holztür gehalten und über 50 Menschen das Leben gerettet hat.«

Wie auch nach dem Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz erleben wir, dass Verwaltungen manchmal unsensibel gegenüber den Betroffenen handeln und ihre Schicksale zu wenig berücksichtigen. Bei allen Entscheidungen, in die wir mit einbezogen waren, haben wir immer darauf hingewiesen, dass man die außergewöhnlichen Umstände berücksichtigen muss. Die Behörden haben oft Entscheidungsspielräume.

Sie waren bei der Urteilsverkündung des OLG Naumburg am 21. Dezember 2020 in Magdeburg, wo der Prozess stattfand, vor Ort. Auch zuvor haben Sie mehrere Prozesstage direkt mitverfolgt. Wie bewerten Sie die gerichtliche Aufarbeitung des Anschlags?
Bei dem Prozess hat man gesehen, dass der Anschlag schreckliche Wunden hinterlassen hat. Viele Zeuginnen und Zeugen aus der Synagoge haben berichtet, wie es war, als der Attentäter minutenlang versucht hat, die Tür aufzuschießen - vor ihren Augen, sie konnten es ja auf dem Überwachungsmonitor sehen. Es bleibt ein Wunder, dass die Holztür gehalten und über 50 Menschen das Leben gerettet hat. Der Prozess war sehr wichtig für die Betroffenen, um das Geschehene verarbeiten zu können. Die Vorsitzende Richterin hat die Opfer in den Mittelpunkt gerückt, mit viel Empathie und sensiblen Nachfragen. Deshalb war dieser Prozess exemplarisch dafür, wie ein Terrorakt vor Gericht aufgearbeitet werden muss. Die Perspektive der Opfer in den Mittelpunkt zu stellen, war ein grundlegender Wandel im Vergleich zu früheren Verfahren, etwa dem NSU-Prozess. Diese Entwicklung begrüße ich ausdrücklich.

Wo sehen Sie weiteren Nachbesserungsbedarf bei der Betreuung von Opfern von Terrorakten?
Wir haben in Halle und nach den rassistischen Morden in Hanau gesehen, wie problematisch es ist, wenn materielle Schäden nicht ersetzt werden können. Wenn Geschäfte zu Tatorten werden, wie der Kiez-Döner in Halle und die Shisha-Bars in Hanau, dann bedroht das auch die wirtschaftliche Existenz der Betreiber. Ich habe mich als Opferbeauftragter dafür eingesetzt, dass es auch in solchen Fällen finanzielle Hilfen des Bundes gibt.

»Terroropfer werden stellvertretend für unsere ganze Gesellschaft getroffen.«

Diese Pauschalen konnten wir rückwirkend einführen. Zudem konnten wir erreichen, dass die Reisekosten zum Prozess gegen den Attentäter von Halle teilweise vom Staat übernommen wurden, mit Beträgen von bis zu 1200 Euro pro Person. Das war sehr wichtig, um den Nebenklägerinnen und Nebenklägern, die weiter weg leben, die Teilnahme am Prozess zu ermöglichen. Im Halle-Prozess konnten wir 22 solche Reisebeihilfen auszahlen.

Als Sie 2018 nach dem Anschlag auf den Berliner Breitscheidplatz ihr Amt als Opferbeauftragter der Bundesregierung antraten, haben Sie nicht damit gerechnet, dass auf Sie so viel Arbeit zukommt. Das ist durch eine Reihe von Gewalttaten leider nun der Fall. Welche Konsequenzen leiten Sie daraus ab?
Es ist ganz wichtig, nach einem Anschlag schnell vor Ort zu sein und sich viel Zeit zu nehmen, um immer wieder für Betroffene da zu sein. Neben mir als Bundesopferbeauftragtem gibt es mittlerweile 14 Landesopferbeauftragte oder andere zentrale Anlaufstellen, mit denen wir uns eng abstimmen. Das ist schon ein großer Fortschritt. Auch politisch hat sich viel getan: Seit dem 1. Januar 2021 müssen die Länder ein flächendeckendes Angebot an Trauma-Ambulanzen schaffen, damit Opfer von Gewalttaten schnell Zugang zu psychotherapeutischer Behandlung haben. Zudem haben wir die finanziellen Hilfen des Bundes für Verletzte und Hinterbliebene von Terroropfern deutlich erhöht.
Aber immer wieder erleben wir, dass Verwaltungsverfahren lange dauern oder Betroffenenanliegen zwischen Ämtern und Versicherungen hin- und hergeschoben werden, etwa wenn es um einen Rollstuhl oder eine andere Unterstützung geht. Hier wünsche ich mir mehr Aufmerksamkeit und höhere Priorität für die Betroffenen. Terroropfer werden stellvertretend für unsere ganze Gesellschaft getroffen. Ihre Unterstützung muss im Mittelpunkt stehen.

Mit dem Opferbeauftragten der Bundesregierung sprach Christine Xuân Müller.

Berlin

Antisemitischer Angriff auf 43-jährige Frau

Einer der Täter verletzte die Frau, die einen Davidstern trug, mit einer zerbrochenen Glasflasche

 14.09.2026

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

Netflix

Wenn Fiktion auf Realität trifft

Die israelische Erfolgsserie »Fauda« meldet sich mit einer eindrucksvollen neuen Staffel zurück

von Sarah Cohen-Fantl  13.09.2026

Offener Brief

Javier Bardem und ich

Ich habe dich als neugierig, warmherzig, offen für den Menschen vor dir kennengelernt. Wenn du über Israel sprichst, erkenne ich dich nicht wieder - und sehe nur noch blindwütigen Hass

von Gabriella Meros  13.09.2026

Meinung

Wie London die Verweigerungshaltung der Palästinenser belohnt

Mit ihren Sanktionen gegen israelische Siedlungen will die britische Regierung im Nahost-Konflikt einer Zwei-Staaten-Lösung näher kommen. Doch sie zeigt vor allem: Verhandeln lohnt sich nicht, Blockade und Terror aber sehr wohl

von Daniel Neumann  13.09.2026 Aktualisiert

Deutschland

Morddrohung gegen Charlotte Knobloch nach AfD-Wahlsieg

Die Gewaltandrohung steht in explizitem Zusammenhang mit dem Wahlsieg der AfD. Knobloch sagt aus Sicherheitsgründen Veranstaltung ab

 11.09.2026

Berlin

Juden im Visier? Mutmaßliche Hamas-Leute in Berlin angeklagt

Sturmgewehr, Pistolen, Munition: Mutmaßliche Mitglieder der Hamas sollen von Deutschland aus Waffen für Anschläge der Terrorvereinigung besorgt haben. Die Bundesanwaltschaft zieht erneut vor Gericht

 11.09.2026 Aktualisiert

Meinung

Droht in Sachsen-Anhalt eine Allianz der Antisemiten?

In Sachsen-Anhalt könnte es zu einer Zusammenarbeit zwischen AfD und BSW, die potenziell gravierende Folgen hat für die jüdische Gemeinschaft

von Igor Matviyets  11.09.2026

Sachsen-Anhalt

Empörung über AfD-Spitzenmann Siegmund wegen Rüstungsaussage 

Siegmund: »Weil wir bei späteren Remigrations- und Abschiebeoffensive natürlich auch entsprechende Hilfsmittel brauchen«

 11.09.2026

Hamburg

Senator Grote unterstützt Prüfung von AfD-Verbotsverfahren

Nach dem Wahlerfolg der rechtsextremistischen AfD in Sachsen-Anhalt könnte die Partei an die Regierung kommen. Der Vorsitzende der Innenministerkonferenz hält es für einen logischen Schritt, nun ein Verbot zu prüfen

 11.09.2026