Standpunkt

Der alte Albtraum

Teilnehmer einer Demonstration der AfD unter dem Motto »Energiesicherheit und Schutz vor Inflation – unser Land zuerst« am 8. Oktober 2022 vor dem Reichstagsgebäude Foto: picture alliance/dpa

Der Verkäufer und ich starren uns fassungslos an, suchen Halt im Blick des anderen. Denn es hört nicht auf, es werden immer mehr, es wird lauter, kommt näher, so nah, wie er es wohl auch nicht für möglich gehalten hat. Hunderte, wie ich später in den Medien lesen werde, Tausende ziehen auf der anderen Seite des Schaufensters vorbei. Nachdem sie vorher vor dem Reichstagsgebäude, innerhalb der Bannmeile, eine Kundgebung abgehalten haben.

Wir verstecken uns in einem Geschäft. Eine Frau sogar hinter einer Tür, weil sie Angst hat, wir könnten die Vorbeiziehenden mit unseren fassungslosen Blicken provozieren. Die Menschen draußen halten Schilder hoch, auf denen steht »Unser Land zuerst«, sie schwenken schwarze Fahnen mit »Widerstand« in Frakturschrift. Menschen, die nach Hooligans aussehen, Menschen, die nach Mitte der Gesellschaft aussehen, die der Regierung »das Gas abdrehen« wollen, die ihr Land »zurückerobern« wollen, die einen »heißen Herbst« beschwören.

BÜRGERSTEIG Wir sehen keine Gewalt, aber wir spüren sie, denn die Menschen da draußen machen deutlich, dass die Straße ihnen gehört. Ihnen allein. »Warum gehen die auch auf dem Bürgersteig? Das dürfen die nicht«, sagt der Verkäufer. Draußen ist eine Sirene zu hören, aber die gehört den Demonstranten, nicht der Polizei. Von der sehen wir wenig. Zweimal innerhalb einer Stunde gehen Beamte am Fenster entlang, machen den Demonstranten Platz.

Trommler ziehen vorbei, einmal ein Wagen mit einem alten Mann, der mit Hohn in der Stimme das Ende des herrschenden Systems beschreibt. Damit meint er die deutsche Demokratie. Höhnisch sind auch Blicke von Menschen, die uns im Laden entdecken. Zweimal geht der Verkäufer in Richtung Tür. Ich frage mich, ob er abschließen wird.

»Das ist geschäftsschädigend«, sagt die Frau hinter der Tür im hinteren Teil des Geschäfts, und meint die Cafés, die die Friedrichstraße säumen, vor denen niemand mehr zu sitzen wagt. »Ich wünschte, es würde regnen«, sagt der Verkäufer. Zweimal versuche ich, uns abzulenken und einzukaufen – der Grund, warum ich gekommen bin. »Übersprungshandlung«, denke ich, und der Verkäufer und ich geben schnell wieder auf.

Manchmal sind Lücken in dem Demonstrationszug, und wir entspannen uns kurz. »Jetzt hört es endlich auf.« Aber dann kommt der nächste Pulk mit noch mehr Fahnen, deren Bedeutung ich erst googeln muss, und deren Parolen sich als perfide Geschichtsverzerrung oder auch eklatanter Revisionismus entpuppen.

UNBEHAGEN Ich spüre ein tiefes Unbehagen in mir aufsteigen, das sich aus der Theorie in die Praxis kämpft, aus der Vergangenheit in die Gegenwart: Ich kann mich nicht frei bewegen, weil da draußen Menschen in der Überzahl sind, die Menschen, die anders denken als sie, nicht tolerieren. Die mit Identität Politik machen. Die es gut finden, wenn ihre Anführer die Nazizeit als »Vogelschiss« in 1000 Jahren deutscher Geschichte beschreiben, die mit größter Aggression provozieren, um sich im nächsten Augenblick selbst als Opfer zu gerieren. Die den Angriffskrieg Putins auf die Ukraine als Verteidigung deklarieren, die »die Machtfrage« stellen wollen.

»Sie waren nie weg, sie waren immer da«, darauf einigen wir uns, der Verkäufer und ich. Als ich auf mein Handy blicke, sehe ich, dass meine Hände zittern. Als ich das Geschäft endlich verlassen kann, habe ich Herzrasen. Als ich endlich zu Hause ankomme, verlangt mein Mann, dass wir einen Flex-Flug nach Israel buchen. Und ich fühle mich so hilflos wie noch nie in Deutschland.

Gedenken

Zwei Buchenwald-Verbände gegen Auftritt von Wolfram Weimer

In der Gedenkstätte Buchenwald wird am 12. April an die Befreiung des Konzentrationslagers erinnert. Geplant ist ein Grußwort von Kulturstaatsminister Weimer. Zwei Verbände haben damit ein Problem

 23.03.2026

Krieg

Merz begrüßt vorläufigen Verzicht auf US-Kraftwerksangriffe im Iran

US-Präsident Donald Trump nimmt scharfe Drohungen gegen den Iran vorerst vom Tisch. Die Bundesregierung begrüßt das und bietet Mithilfe bei anderen Bemühungen an

 23.03.2026

Nahost

G7 verurteilen iranische Angriffe scharf und warnen vor Eskalation

In einer gemeinsamen Erklärung der G7-Außenminister ist von »nicht zu rechtfertigenden Angriffen« und einer Gefahr für die Stabilität die Rede

 23.03.2026

Schutz jüdischer Studenten

Klage von Lahav Shapira gegen FU Berlin abgewiesen

Der Gaza-Krieg sorgt auch an Berliner Hochschulen regelmäßig zu Protesten. Ein jüdischer Student fühlt sich nicht mehr sicher und zieht vor Gericht. Was sagen die Richter?

 23.03.2026

Berlin

Außenministerium stellt sich hinter Botschafter Seibert

Israels Außenminister kritisiert den deutschen Botschafter wegen Aussagen zur Siedlergewalt. Außenminister Wadephul telefoniert mit seinem Kollegen - und wiederholt die Kritik

 23.03.2026

Teheran

Können iranische Raketen nun Europa erreichen?

Nach dem Raketenangriff auf einen Militärstützpunkt auf der Insel Diego Garcia rückt auch Europa in den potenziellen Zielkorridor iranischer Raketen. Muss man sich in Berlin nun Sorgen machen?

von Arne Bänsch  23.03.2026

Griechenland

US-Flugzeugträger legt für Reparaturen auf Kreta an

Brand in der Bordwäscherei, Probleme mit Toiletten: Die »USS Gerald R. Ford« macht auf Kreta Halt. Ermittler der US-Marine gehen der Ursache des Feuers nach

 23.03.2026

Nahost

Iran dementiert Verhandlungen mit den USA

US-Präsident Donald verschiebt ein Ultimatum und verweist auf »produktive Gespräche« mit dem Iran. Aus Teheran kommt ein Dementi

 23.03.2026

Washington D.C.

Trump verlängert Iran-Ultimatum

Die Verlängerung begründet der US-Präsident mit Fortschritten in laufenden Verhandlungen

 23.03.2026