Gesellschaft

Den Trend aufhalten

Der berühmte österreichische Schriftsteller, Publizist und Kulturkritiker Karl Kraus (1874–1936) schrieb einmal: »Es scheint der Menschennatur verhängt zu sein, durch Erfahrung dümmer und erst durch deren Wiederholung klüger zu werden.« Was vor 80 Jahren gültig war, ist heute immer noch zutreffend.

Einige Male schon war die rechtspopulistische Freiheitliche Partei Österreichs (FPÖ) an der Macht und hinterließ nach internen Streitereien, Korruptionsskandalen und Pleiten stets ein Chaos. Trotzdem feiern die von Heinz-Christian Strache geführten »Freiheitlichen« seit einigen Jahren einen Wahlsieg nach dem anderen. Manchen Österreichern genügt, wie es scheint, eine einzige Wiederholung nicht. Man fragt sich langsam, wie oft sie dieselbe Erfahrung machen müssen, bevor sie endlich klüger werden.

standardrepertoire Der FPÖ, für die ausländerfeindliche Parolen zum Standardrepertoire gehören, die sich als »soziale Heimatpartei« versteht und vor »Überfremdung« und »Islamisierung« warnt, kommt die derzeitige Flüchtlingskrise sehr gelegen. Bei der Landtagswahl in Oberösterreich am 27. September konnte sie ihren Stimmenanteil gegenüber der vorigen Wahl von etwa 15 auf 30 Prozent verdoppeln.

Während des Wahlkampfes hatte das Flüchtlings- und Asylthema im Vordergrund gestanden. In einem Interview am Abend nach der Wahl erklärte Strache euphorisiert, nun habe die FPÖ die Chance, in Wien »das erste Mal seit 70 Jahren« zur stärksten Kraft zu werden. Wien wird seit 1945 von den Sozialdemokraten dominiert. Davor waren bekanntlich die Nazis an der Macht. Am 11. Oktober erreichte die FPÖ bei der Wiener Gemeinderatswahl zwar fast 31 Prozent der Stimmen, blieb aber deutlich hinter den Sozialdemokraten zurück.

Nicht nur in Österreich, sondern auch in anderen europäischen Ländern haben rechtspopulistische Parteien und »Bewegungen« starken Zulauf – in Frankreich (Front National), in Italien (Lega Nord), in Schweden (Sverigedemokraterna), in Deutschland (AfD, Pegida). In Osteuropa vertreten auch »etablierte« Parteien, allen voran Viktor Orbáns »Fidesz« in Ungarn, Positionen, die sich von jenen der Rechtspopulisten in West- und Südeuropa kaum unterscheiden.

gedankencocktail Wie ist dieser Trend, der lange vor der Flüchtlingskrise erkennbar wurde, zu erklären? Warum spricht jener seltsam hybride und zugleich gefährliche Gedankencocktail, der von Rechtspopulisten vertreten wird, immer mehr Menschen an? Eine Mischung aus Nationalismus, Islamfeindlichkeit, Antisemitismus, Abschottungsfantasien, rückwärtsgewandter Kulturromantik, neoliberalem Selbstbehauptungswillen, vor allem aber aus Angst und immer manifester werdender Gewaltbereitschaft. Auf »reale« Faktoren ist dies nur bedingt zurückzuführen.

Die Ursachen reichen viel tiefer und haben damit zu tun, was man etwas salopp mit dem Wort »Zeitgeist« umschreibt. Vor einigen Jahrzehnten war in Europa das Grundgefühl vorherrschend, dass man gesellschaftlich und ökonomisch einen Weg des Fortschritts eingeschlagen habe, dass Probleme zu bewältigen seien und die eigenen Kinder es einmal besser haben würden als man selbst. Wer glaubt das heute noch?

In Zeiten der Globalisierung und der wachsenden Ungleichheit wird die Zukunft bestenfalls als ungewiss und bedrohlich, im schlimmsten Fall als Niedergang oder als Dystopie gesehen. Wenn aber die eigene Gegenwart und Zukunft als prekär wahrgenommen werden, erscheint jede außergewöhnliche Situation als Bedrohung und jede echte Herausforderung als Katastrophe. Rechtspopulisten bieten einfache Lösungen an, indem sie Feinde benennen – eine alte Geschichte.

traditionen Aus europäisch-jüdischer Sicht kann es nur eine Reaktion darauf geben: Wir müssen uns bewusst auf unsere humanistischen Traditionen besinnen und diesen entsprechend handeln. Es ist kein Zufall, dass sich im Laufe der Geschichte überdurchschnittlich viele Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Herkunft sozial und politisch engagiert haben.

Es muss uns klar sein, dass wir uns vor den heimischen Rechtsradikalen mehr fürchten müssen als vor dem Judenhass von Flüchtlingen und Zuwanderern aus muslimischen Ländern. Rechtsradikale sind zahlreicher, sie sind mächtiger und zerstören die Gesellschaft schleichend und von innen heraus. Ihnen argumentativ zu begegnen, ist genauso erfolglos wie jemandem eine irrationale Angst oder eine Sucht durch logische Erklärungen ausreden zu wollen.

Den Trend nach Rechts kann man nur durch Taten aufhalten. Eine erfolgreiche Integrations-, Bildungs- und Sozialpolitik, die deutlich machen würde, dass die meisten Zuwanderer keine Bedrohung darstellen, dass die Zukunft nicht düster und perspektivlos aussieht und das Abendland nicht in Gefahr ist, wird eingefleischte FPÖ-Anhänger oder Pegida-Demonstranten nicht von ihren Vorurteilen befreien, aber sie wird viele von jenen, die das Potenzial hätten, ins rechtspopulistische Lager zu wechseln, davon abhalten, dies zu tun. Wenn viele Juden ausgerechnet zur Integration arabischer Flüchtlinge in Ländern wie Deutschland und Österreich beitragen würden, hätte schon dies eine starke Symbolkraft.

Der Autor lebt als Schriftsteller in Salzburg.

Debatte

Berliner CDU bietet Sondierungen an: Grüne und SPD lehnen ab

Die Hintergründe

 03.11.2026

München

20 Jahre Ohel-Jakob-Synagoge: Merz, Aigner und Söder beim Festakt

Am 9. November 2006 wurde die Synagoge Ohel Jakob eröffnet - als Zeichen für die Rückkehr jüdischen Lebens ins Herz Münchens. Den 20. Jahrestag feiert die Kultusgemeinde mit einem Festakt. Erwartet werden prominente Gäste, etwa Bundeskanzler Merz

 03.11.2026

Nahost

Trump will Milliardenhilfen an Israel einstellen

Seit Jahren unterstützen die USA Israel mit Milliarden an Dollar Militärhilfe. Das soll sich nach Worten von US-Präsident Trump ändern. Die Idee soll dabei nicht von ihm gekommen sein

 03.11.2026

Sachsen

Chemnitz und Zwickau gedenken der Opfer des NSU

Der »Nationalsozialistische Untergrund« ermordete zehn Menschen aus rassistischen und rechtsextremistischen Motiven. Die Terrorzelle lebte in Chemnitz und Zwickau im Untergrund. 2011 flog sie auf

 03.11.2026

Frankfurt

Jüdische Akademie soll »Haus der Zukunft« sein

In der ersten Diskussionsrunde der neuen Jüdischen Akademie in Frankfurt stieß ein Wunsch angesichts von Antisemitismus und innerjüdischer Differenzen auf große Zustimmung: Die Akademie soll ein »Haus der Zukunft« sein

 03.11.2026

Meinung

Junge Jüdinnen und Juden stehen vor einem Dilemma

Wir sind genauso von den steigenden Preisen, der Wehrplichtdebatte und der Klimakrise betroffen, wie die Demonstranten vom Wochenende. Aber wir können und werden uns nicht mit Leuten gemein machen, die den Hass auf uns und auf Israel schüren

von Tim Kurockin  03.11.2026

Serbien

Botschafts-Attentäter plante auch Anschlag auf Jüdisches Museum in München

Dario N. wurde Ende Oktober bei einem Angriff auf die israelische Botschaft in Belgrad erschossen. Nur drei Monate zuvor war er aus Deutschland abgeschoben worden

 03.11.2026

Iran

Mullah-Regime richtet zwei Demonstranten hin

Die Männer hatten Anfang des Jahres an den blutig niedergeschlagenen Protesten teilgenommen

 03.11.2026

Midterm-Wahlen

Wird US-Präsident Trump zur lahmen Ente?

Für Donald Trump wird es eine Schicksalswahl: Heute wählt Amerika einen neuen Kongress. Sollten die Demokraten gewinnen, könnte Trump nur noch per Dekret regieren

 03.11.2026