Brandenburg

Demokratie lernen

Wissenswert: Die Gegenwart ist bunt, gerade in einer Demokratie. Foto: Fotolia

Rund 20 Schüler der fünften Klasse sitzen nach einer kurzen Umbaupause zu Beginn des Unterrichts im Kreis. Normalerweise sind es mehr, aber einige sind bei einer Konfliktlotsen-Fortbildung. Bald werden sie mit orangefarbenen Jacken in der Pause auf dem Schulhof patrouillieren und kleinere Streitereien schlichten helfen. Was nicht an Ort und Stelle zu klären ist, kann bei Bedarf im wöchentlichen Klassenrat besprochen werden.

prävention Vor drei Jahren wurde in der Reinhardswald-Grundschule in Berlin-Kreuzberg als einer von sieben Pilotschulen in Berlin und Brandenburg das Pädagogikmodell »Hands for Kids« des American Jewish Committee (AJC) eingeführt. In den USA existiert dieses Projekt schon seit Anfang der 80er-Jahre. Auslöser waren die Rassenunruhen in Los Angeles, auf die man mit Erstellung eines speziellen pädagogischen Programms an Schulen reagierte. »Es orientiert sich an den Grundwerten der Demokratie«, erklärt Rouven Sperling, der »Hands for Kids« für Deutschland beim AJC in Berlin koordiniert. Noch unter der Bundesregierung von Gerhard Schröder sei an die Organisation der Wunsch herangetragen worden, auch präventiv gegen Rechtsextremismus vorzugehen.

Einübung demokratischer Gesprächskultur, etwa durch Teilnahme an schulinternen und -übergreifenden Kinderkonferenzen, steht darin im Vordergrund Die jungen Menschen sollen lernen, diszipliniert und konzentriert mit Problemen zu verfahren, die sie selbst zur Sprache bringen können: Dabei werden nicht nur Fragen wie beispielsweise »Auf welche Weise soll das nächste Schulfest gestaltet werden?« diskutiert, sondern es wird auch darüber gesprochen, wie man sich im Falle von Beleidigungen und Konflikten verhält.

bausteine Gemeinsam mit Pädagogen in Berlin und Brandenburg wurden in den vergangenen Jahren verschiedene pädagogische Bausteine entwickelt, die in jedem Unterrichtsfach eingesetzt werden können. Schüler und Lehrer verstehen sich demnach als Lerngemeinschaft auf Gegenseitigkeit. Statt die jungen Menschen zu loben und in ihrer Persönlichkeit zu stärken, würden sie immer noch viel zu sehr allein nach ihren Fehlern beurteilt, meint Regina Todt, pädagogische Koordinatorin an der Reinhardswald-Grundschule.

Sie erläutert einige der Richtlinien: »Meine Klasse ist für alle Kinder ein sicherer Ort. Wir dürfen im Unterricht unsere eigenen Fragen und Themen bearbeiten. Alle Kinder in meiner Klasse werden häufig gelobt. Niemand macht sich lustig darüber, wenn jemand andere Kleidung trägt oder anders aussieht. Wir treten dafür ein, dass kein Kind beschimpft oder schlecht behandelt wird. Alle können ohne Angst sagen, was sie denken. Klassenregeln werden gemeinsam gemacht.«

Es sind Grundsätze, die nicht nur den Schülern, sondern auch den Lehrern eine ganz neue Offenheit und Transparenz abverlangen. »Das geht ans Eingemachte, wenn es jetzt heißt: Ich weiß genau, was der Lehrer vorhat! Das teilen aber viele Lehrer bislang nicht mit, sie entscheiden immer über die Köpfe von Kindern hinweg«, bemängelt Regina Todt. Allerdings sehe sie unter ihren Kollegen eine große Offenheit für das neue Lernprogramm. Vielen ist bewusst, dass hinter den meisten Provokationen der Schüler vor allem die Aufforderung steht, gehört und ernst genommen zu werden.

hitler »Das Schlimmste habe ich mal in meiner alten Schule erlebt. Als ich in meine Klasse kam, saßen die Kinder alle da und haben die Hand zum Hitlergruß erhoben«, erinnert sich Regina Todt. Da sei es wichtig, ins Gespräch zu kommen. Es stellte sich heraus, dass zuvor eine Kollegin die Schüler gezwungen hatte, die komplette Tafel mit den Daten zur Geschichte des Nationalsozialismus abzuschreiben. »Das war äußerst kontraproduktiv, damit hat sie sicherlich genau das Gegenteil von dem erreicht, was sie erreichen wollte. Und ich fungierte dann sozusagen als Ventil«, berichtet die Lehrerin.

Allerdings gäbe es bei nicht wenigen Schülern in der Tat ein tief verankertes antijüdisches und rassistisches Weltbild, das nicht selten aus dem Elternhaus mitgebracht würde. Daher müsse man dem pädagogisch so früh wie möglich entgegenwirken. »Bei antisemitischen Klischees kann man ab einem gewissen Punkt die Schüler nicht mehr erreichen. Wenn wir sie möglichst früh so weit kriegen, dass sie ihre eigene Identität erkennen und die anderer anerkennen, dann sind sie nicht mehr so anfällig für diese Stereotype«, erläutert Rouven Sperling. Er hält »Hands for Kids« für eine gute Form, dem Antisemitismus vorzubeugen.

export Nun soll das jüdische Demokratie-Lernmodell deutschlandweit in fast allen Bundesländern zum Einsatz kommen. Denn die anfängliche Mehrarbeit für die Lehrer im Einüben demokratischer Strukturen wirke sich letztlich für alle Beteiligten positiv aus. »Die Erfahrungswerte zeigen, dass die Klasse viel einfacher zu handhaben ist, dass weniger Konflikte auftauchen und bereits im Anfangsstadium gelöst werden können. Der zusätzliche Aufwand lohnt sich auf lange Sicht bestimmt.« Da ist sich Rouven Sperling seiner Sache ganz sicher.

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismusleugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

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