Schulen

»Das ist unser Feind. Das sind die Juden!«

Gedenken in Paris Foto: imago images/Hans Lucas

Die »Halal-Polizei« tritt gern auf den Plan, wenn in der Klasse Geburtstag gefeiert wird. Dann, so weiß die Grundschullehrerin aus Nordrhein-Westfalen, schauen muslimische Schüler schon mal genau hin, was die Klassenkameraden zur Feier des Tages mitgebracht haben - und was davon nach islamischen Speisevorschriften »halal«, also erlaubt ist. Wer dagegen verstößt, wird an den Pranger gestellt.

Eine andere Episode handelt von einem Jungen, der einen Mitschüler tadelte, weil der ein T-Shirt mit US-Flagge trug: »Das ist unser Feind. Das sind die Juden!« Der Vorfall ereignete sich vor ein paar Jahren. Damals, so sagt die Lehrerin, sei das eher noch ein Einzelfall gewesen. »Inzwischen wundert mich kaum noch etwas.«

RÜCKBLICK Mitte Oktober wurde in Frankreich der Lehrer Samuel Paty von einem Islamisten enthauptet, weil er in einer Unterrichtseinheit zum Thema Meinungsfreiheit die umstrittenen Mohammed-Karikaturen des Satiremagazins »Charlie Hebdo« besprochen hatte. Eine europaweite Gedenkminute für Paty Anfang des Monats sorgte Medienberichten zufolge hierzulande für Unmut unter einigen muslimischen Schülern. Der Lehrer habe bekommen, was er verdient habe. »Der gehörte hingerichtet. Er hat den Propheten beleidigt.«

»Der politische Islam hat sich in einem Teil unserer Schullandschaft längst zu einem pädagogischen Problem entwickelt.«

Etwa zeitgleich geriet die Christian-Morgenstern-Grundschule in Berlin-Spandau in die Schlagzeilen. Dort bedrohte ein Schüler eine Lehrerin, als diese seine offenbar unwilligen Eltern unter Verweis auf Sanktionen zum üblichen Jahresgespräch zitieren wollte. Sollte das passieren, so der Elfjährige, »mache ich mit dir das Gleiche wie der Junge mit dem Lehrer in Paris«. Allein in Berlin berichteten daraufhin fünf Lehrer an anderen Schulen von ähnlichen Erlebnissen.

Drohen in Deutschland ähnliche Verhältnisse wie in Frankreich? Nein, schreibt Joachim Wagner in der »Welt am Sonntag«. Aber: »Der politische Islam hat sich in einem Teil unserer Schullandschaft längst zu einem pädagogischen Problem entwickelt.«

Für sein im vergangenen Jahr erschienenes Buch »Die Macht der Moschee« besuchte Wagner 21 Schulen und sprach mit 70 Lehrern. Ein Ergebnis seiner Recherchen: »Ein Netzwerk aus Eltern, Koranschulen, Moscheegemeinden, Imamen und muslimischen Verbänden versucht, so viel wie möglich an islamischer Religion, Kultur und Tradition im deutschen Schulleben zu verankern.«

Väter, die der Lehrerin den Handschlag verweigern oder ihre Töchter vom Schwimmunterricht abmelden, Sportfeste und Klassenfahrten, die aufgrund des muslimischen Fastenmonats Ramadan verschoben werden, Mobbing gegen nicht-muslimische Schüler auf den Pausenhöfen. Von alledem wissen viele Lehrer zwischen Kiel und Passau zu berichten, aber tun das meist nur hinter vorgehaltener Hand. Der Deutsche Lehrerverband spricht von einem Tabuthema, auch weil sich viele Pädagogen der Rückendeckung durch Schulleitung und Politik oft nicht sicher seien.

Die Kultusministerien agieren nach dem Motto »Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß«.

Schulleiter sorgen sich um den Ruf ihrer Schule. Und die Kultusministerien agieren nach dem Motto »Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß«, sagt der Bundesvorsitzende des Verbandes Bildung und Erziehung VBE, Udo Beckmann. Die Kultusministerkonferenz erklärt: »Zu Fragen des Umgangs mit islamistischen Positionen und damit in Verbindung stehenden Gewaltandrohungen und -taten in Schulen gibt es in den Bildungsministerien aller Länder Zuständige, die hier auch eng mit Polizei und Justiz zusammenarbeiten.«

IDENTITÄT In der Praxis müssen aber offenbar viele Lehrkräfte Tag für Tag neu für sich aushandeln, ob die Grenzen religiöser Toleranz überschritten werden und was daraus für Konsequenzen folgen. Ist das Beharren auf Halal-Speisen nicht vergleichbar mit den Essensvorgaben für Kinder aus vegan lebenden Familien? Gehört das Kopftuch für die neunjährige Grundschülerin zur kulturellen Identität oder trägt sie es aus Zwang? Ist Letzteres der Fall: Lässt sich dagegen irgendetwas unternehmen?

»Die Beratungsstrukturen für Schulen müssen dringend ausgebaut werden«, fordert das Vorstandsmitglied der Bildungsgewerkschaft GEW, Ilka Hofmann. Praktische Handreichungen sind offenkundig Mangelware, auch wenn einige Bundesländer so etwas vorhalten. Hoffmann verweist bezeichnenderweise auf einen vor einem Jahr publizierten Aufsatz der Bundeszentrale für politische Bildung »Umgehen mit Kindern aus salafistisch geprägten Familien«.

Lehrerverbandschef Heinz-Peter Meidinger spricht sich für die Einrichtung von Ombudstellen aus, »an die sich betroffene Lehrkräfte auch jenseits des Dienstwegs jederzeit vertraulich wenden können«. Zugleich, beklagt Meidinger, fehle es an validen Daten, um das Ausmaß des Problems zu erfassen. Er fordert deswegen eine »bundesweite anonymisierte Umfrage bei allen Lehrkräften«.

Islamismus ist vor allem für junge Menschen attraktiv, die wenig Perspektiven in der Mehrheitsgesellschaft sehen.

Was tun, um radikalen Ansicht unter Schülern vorzubeugen? Experten empfehlen, den islamischen Religionsunterricht an den Schulen weiter auszubauen. Immer noch besuchen laut Buchautor Wagner etwa 20 bis 60 Prozent der muslimischen Jugendlichen auf Wunsch ihrer Eltern Koranschulen, an denen oft sehr konservative Strömungen des Islam dominieren.

Schließlich, so GEW-Schulexpertin Hoffmann, brauche es aber auch »bessere, strukturell verankerte und nachhaltige Konzepte für die Integration jüngerer Muslime«. Islamismus sei vor allem für junge Menschen attraktiv, »die wenig Perspektiven in der Mehrheitsgesellschaft sehen«.

Antibes

Frankreich und Italien streben neue Libanon-Mission an

Wie könnte die internationale Unterstützung für den Libanon nach dem Abzug der UN-Blauhelme aussehen? Frankreich und Italien wollen eine neue Koalition anführen

 26.06.2026

Pädagogik

Neues Onlinespiel soll gegen Antisemitismus im Netz helfen

In sozialen Medien wird Judenhass verbreitet und auch der Holocaust falsch dargestellt. Damit junge Menschen solche Inhalte besser erkennen, können Lehrkräfte ein neues Onlinespiel nutzen

von Alexander Riedel  26.06.2026

Hamburg

Spionageprozess: Juden für Iran ausgespäht?

Laut Anklage soll der Mann hochrangige Vertreter jüdischer Organisationen in Deutschland für mögliche Anschläge ausgekundschaftet haben

 26.06.2026

Magdeburg

Höchststrafe für Anschlag auf Magdeburger Weihnachtsmarkt

Bei dem Anschlag 2024 kamen sechs Personen ums Leben; Hunderte wurden verletzt. Jetzt steht das Urteil fest

 26.06.2026 Aktualisiert

Berlin

Thüringens Innenminister fordert AfD-Verbotsverfahren

In einem Gutachten begründen Juristen ihre Einschätzung besonders mit Verstößen gegen das Demokratieprinzip und die Menschenwürdegarantie

 26.06.2026

Meinung

Wie Israel zum Juden unter den Staaten gemacht wird

Antisemitismus zeichnet sich dadurch aus, dass er keine empirischen Grundlagen braucht, um zu existieren - weder in der UN noch anderswo

von Jacques Abramowicz  25.06.2026

Hamburg

Wie ein iranischer Jude auf Israel und den Iran blickt

Armin Levy ist Jude, Perser und Hamburger. Bei den aktuellen Gesprächen zwischen den USA und dem Iran glaubt er nicht an echten Frieden. Warum er jedes Abkommen mit dem Mullah-Regime ablehnt

von Christiane Tauer  25.06.2026

Berlin-Neukölln

Martin Hikel rügt Bildungsstadträtin

Janine Wolter hatte auf Instagram die Story eines israelfeindlichen Aktivisten gepostet

 25.06.2026

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  25.06.2026