Interview

»Das ist nicht einfach nur rechtsradikal«

Querdenker vor dem Reichstagsgebäude in Berlin (29. August 2020) Foto: 2020 Getty Images

Die Bewegung der »Querdenker« fokussiert sich nach Beobachtungen des Extremismusforschers Andreas Zick nicht mehr allein auf Proteste gegen Corona-Maßnahmen. Auch in den Flutgebieten versuchten sich »Querdenker« als »wahre Vertreter des Volkes« zu präsentieren, sagt Zick im Interview mit dieser Zeitung. Ein Jahr nach ihrem Start sei die Bewegung kleiner, aber auch radikaler und professioneller geworden. Mit Aktionen wie der Demonstration am Sonntag in Berlin werde die Bewegung weiterhin auf sich aufmerksam machen.

Herr Zick, wo steht die Bewegung der »Querdenker« ein Jahr nach ihrem Start?
Die »Querdenker«-Bewegung hat in den letzten Monaten deutlich weniger Zulauf und Zuspruch gefunden. Von den tausenden von Menschen, die im letzten Jahr auf öffentlichen Plätzen an mehreren Orten demonstrierten, sind nicht mehr viele übriggeblieben. Das war aber zu erwarten, denn solche Bewegungen starten mit viel Lärm und sind als offene Bewegung für alle erstmal attraktiv. Dann aber nehmen die Zahlen ab, weil sich interne Machtkämpfe und immer mehr Organisationsprinzipien entwickeln. Zudem hat sich die Bewegung radikalisiert, ist aggressiver geworden und hat mehr Druck auf jene, die nicht den Regeln folgen, ausgeübt.

Gibt es weitere Ursachen für den Rückgang?
»Querdenken« hat Allianzen mit Rechtsextremen und radikalen Rechtspopulisten gebildet, deshalb werden Teile nun auch vom Verfassungsschutz beobachtet. Das schreckt ab. Nicht zuletzt kam der Bewegung das Thema »Totale Freiheitseinschränkung« durch die Lockerungen der Corona-Regeln abhanden. Zu guter Letzt hat es auch massive Aufklärungen in Medien über die Ideologien bei »Querdenken« gegeben.

Hat sich die Bewegung überlebt?
Auf der einen Seite ist die Bewegung für viele Menschen, die sie für harmlos hielten, aufgrund der Radikalität, die sich im übrigen auch in Aggression gegen Ordnungskräfte auf Demonstrationen zeigt, weniger attraktiv. Auf der anderen Seite hat sie sich jedoch professionalisiert und Netzwerke gebildet. Sie wird weitere Aktionen zeigen und das Themenfeld erweitern. Aktionen sehen wir jetzt mit der Demonstration am Sonntag in Berlin, die auch dazu diente, die Bewegung zu sammeln. Mit der aktuellen Diskussion um die Impfpflicht wird die Gelegenheit genutzt. Erweitern wird sich die Bewegung auch zum Thema Klima und zum globalen Thema der Freiheitseinschränkungen.

Was ist der Hintergrund, dass sich »Querdenker« unter die Helfer bei der Flutkatastrophe mischen?
»Querdenken« ist wie andere konfliktorientierte Gruppen lokal orientiert. Die Strategie ist: Global im Bund gegen die Regierung ab und an eine Großdemo machen, um den »Bewegungscharakter« zu unterstreichen, aber lokal vor Ort und im Internet handeln, Gruppen bilden und sich als wahre Vertretung des Volkes zeigen. Wir kennen das alles aus dem Rechtsextremismus, der sich auch in den 1990er-Jahren in Bürgerhilfen und lokal vor Ort gezeigt hat.

Wie ist Verbindung der »Querdenken«-Bewegung zu Rechtsextremisten?
Das hängt nicht allein von den »Querdenkern« ab und allen, die sich als solche verstehen, sondern auch von Rechtsextremen. Sie suchen die Proteste auf, laufen mit und versuchen den Protest zu nutzen. Daneben gibt es Einzelne, die sich als Rechtsextreme und »Querdenker« verstehen und es gibt, das ist ja auch Anlass für den Verfassungsschutz, Kontakte zwischen Rechtsextremen und »Querdenkern«. Es ist natürlich interessant und wichtig, wie rechtsextrem die Ideologien und Aktionen sind, aber die »Querdenken«-Bewegung macht auch neue Dimensionen von radikalen Protestkulturen deutlich.

Nämlich?
Das Ausmaß, in dem sie das Thema »Widerstand und Freiheit« in Ideologien und Aktionen immer wieder verbinden und von der Distanz zu etablierten Institutionen der Demokratie leben, ähnelt dem, was von den Reichsbürgern bekannt ist. In der Mitte entwickelt sich eine neue radikale, von Verschwörungen bewegte und scheinbar bürgerliche Widerstandsbewegung, die nicht einfach als »rechtsextrem« einzustufen ist, weil sie auch kein Gegenmodell zur Demokratie erkennen lässt. In der Mitte und mitten in der Pandemie haben sich rechte und populistische Gegenkulturen und -milieus gebildet, die eine besondere Herausforderung für die Demokratie sind.

Was macht die »Querdenken«-Bewegung für ihre Anhänger attraktiv?
Das Aufkommen von »Querdenken« hat mehreren Ursachen. Es ist ein Sammelbecken für Impfgegner und -kritiker, deren Anteil immer groß war. Es ist eine neue Heimat für Personen, die sich in ihren Ansichten radikalisiert haben, die rechtspopulistisch orientiert waren und solche Proteste zur Selbstinszenierung suchen. Es ist zu Beginn eine offene Gemeinschaft für alle, die mit »dem System«, »der Regierung« und den Maßnahmen nicht einverstanden waren und die glauben, dass die Bewegung ihnen Einfluss verschafft.

Was gibt es für weitere Motive?
Es ist ein Ort, an dem extremistisch orientierte Gruppen eine Brücke in die bürgerliche Mitte suchen. Es ist auch eine Gemeinschaft für Enttäusche, Verunsicherte und Unzufriedene, die massive Orientierungslosigkeiten, Gefühle von Kontrollverlusten wie auch Ungerechtigkeitsgefühle entwickelt haben.

Die Pandemie ist nicht allein verantwortlich für diese Protestbewegung?
Pandemien sind immer Zeiten, in denen so etwas möglich ist, weil sie ja Freiheiten einschränken und radikalisierungsfähige Ungerechtigkeitsgefühle fördern. Deutschland ist mit einem hohen Maß an Hasstaten, Rechtspopulismus auch extremistischen Überzeugungen, die Anzeichen für eine Polarisierung sind, in die Pandemie gekommen.

Wie wichtig sind dabei Feindbilder und Verschwörungsmythen?
Die meisten Menschen waren unzufrieden mit den unübersichtlichen, schwer nachzuvollziehenden wie ständig wechselnden Maßnahmen. Wesentlich ist aber, dass sie in Teilen auch Elemente der Ideologie der Querdenker teilen. Dazu gehören Überzeugungen vom Widerstand, Verschwörungsmythen, Feindbilder gegen Politik, Minderheiten, eine politisierte Impfkritik und ein überbordendes Gefühl von ungerechten Freiheitseinschränkungen. Die Elemente müssen zugleich dazu dienen, eine gemeinsame Identität zu bilden und die ist in »Querdenken« angeboten.

Das Interview mit dem Extremismusforscher führte Holger Spierig.

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